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Klangkugel öffnet den Märchenvorhang

Interview Gesine Kleinwächter aus Würzburg arbeitet als professionelle Märchenerzählerin

 

Von Michaela Schneider

 

Würzburg Eine alte Märchenschallplatte sollte Gesine Kleinwächters Leben prägen. Hörte sie die Geschichte vom „Teufel mit den drei goldenen Haaren“, fühlte sie sich rundum wohl. Zudem war ihre Mutter eine begnadete Geschichtenerzählerin, die auch trockene Historie wie den Bußgang nach Canossa am Esstisch zur Abenteuergeschichte machte. Und so entschied sich Gesine Kleinwächter, nachdem ihre beiden Kinder geboren waren, selbst für eine Ausbildung zur Märchenerzählerin im Märchenzentrum DornRosen e.V. in Nürnberg. Inzwischen arbeitet die studierte Kunsthistorikerin, Archäologin und Museumspädagogin schon seit mehr als einem Jahrzehnt als professionelle Märchenerzählerin. Im Interview spricht die 48-Jährige über ihre außergewöhnliche Arbeit.

 

Sind Volks- und Zaubermärchen, wie sie die Gebrüder Grimm sammelten, heute noch zeitgemäß?

Gesine Kleinwächter: Auf jeden Fall. Märchen sind zeitlos, deshalb wird ihre Aktualität nie verloren gehen, wenn man sich auf ihre Bilder und die Symbolik einlässt. Nehmen Sie zum Beispiel das Märchen „Der süße Brei“, das ist für mich so zeitgemäß wie nie zuvor. Das Töpfchen kocht und kocht, als wollte es die ganze Welt satt machen. Auch wir leben heute im permanenten Überfluss – und doch herrscht ständiger Mangel. Das tolle an Märchen ist: Sie sind universal.

 

Was meinen Sie mit universal?

Kleinwächter: Märchen arbeiten mit Symbolen, die jeder versteht. Jeder weiß, dass eine Krone für jemand Mächtiges steht oder in einem Wald der Weg schwer zu finden ist. Märchen spielen zudem an keinem bestimmen Ort zu keiner bestimmten Zeit und ohne konkrete Vorgaben. So lassen sie viel Platz für Fantasie und jeder Mensch lässt eigene Märchenbilder entstehen. Ein Beispiel: Ihre Pippi Langstrumpf und meine ähneln sich mit Sicherheit - beide haben rote Zöpfe, Sommersprossen und tragen ähnliche Kleidung. Ihr Hänsel und ihre Gretel dagegen sehen vermutlich ganz anders aus als in meiner Vorstellung, deshalb sind dies echte Märchengestalten. Die vielen „Märchenfilme“, die während der Weihnachtstage liefen, sind nett, aber letztlich keine Märchen, da sie - viel zu ausgeschmückt - keinen Platz für eigene Bilder lassen.

 

Sind Märchen für jedes Alter geeignet?

Kleinwächter: Kinder lassen sich ganz automatisch auf die Bilder im Märchen ein, indem sie sich mit dem Helden identifizieren. Das ist gut, denn: Kinder lernen laut Pädagogen am besten, wenn’s unter die Haut geht. Ich erlebe oft, dass die Kleinen mit offenem Mund dasitzen und komplett drin sind in der Geschichte. Meine Erfahrung ist: Bis zu einem Altern von zwölf Jahren sind Kinder gut erreichbar, mit der Pubertät wird es schwierig. Das ändert sich aber wieder, auch Erwachsene sind für Märchen empfänglich. Häufig hören sie mit geschlossenen Augen zu. In einer Zeit medialer Überflutung genießen es viele Menschen, wenn nichts anderes wirkt als die Erzählung.

 

Was unterscheidet das Märchenerzählen vom Vorlesen?

Kleinwächter: Vorlesen ist auf jeden Fall toll und viel besser, als eine CD einzulegen. Das Schöne beim Erzählen aber ist: Man kann mit den Zuhörern permanent in Augenkontakt bleiben und auf Zwischenrufe reagieren. Ich versuche dabei bei der Urfassung zu bleiben, wandle aber manchmal etwa den Schluss ab. Nehmen wir nochmal das Beispiel vom dicken Pfannkuchen. Das Märchen endet eigentlich damit, dass sich der dicke, fette Pfannkuchen aufessen lässt. Kleine Kinder wollen aber oft noch wissen, was mit den Tieren ist, darauf gehe ich dann ein.

 

Manches Märchen ist recht grausam – bei Hänsel und Gretel etwa landet die Hexe im Ofen und wird verbrannt. Ist das kindgerecht?

Kleinwächter: Wenn man Märchen mit heutigen Computerspielen, TV-Serien und Filmen vergleicht,  sind sie ziemlich harmlos. Über Märchen lernen Kinder, was Gut und Böse ist. Und nur wer Schwarz und Weiß kennt, kann wissen, was Grau ist. Einen großen Unterschied macht aus, ob ein Kind ein Märchen hört oder Bilder sieht. Letztere sind viel einprägsamer und belastender – nicht umsonst wird schon immer gern mit der Propaganda der Bilder gearbeitet. Hört ein Kind ein Märchen statt einen Film zu schauen, selektiert es aus und behält nur das im Kopf, was es aushalten kann.  

 

Was macht einen guten Märchenerzähler aus?

Kleinwächter: Wichtig ist beim Erzählen: Ich muss bei der Geschichte bleiben. Ich bin letztlich nur das Medium, es geht allein um das Märchen. Dafür muss ich mich damit auseinandergesetzt haben. Wichtig beim Erzählen ist zudem die Atmosphäre. Bei meinen Märchenstunden sitzen wir, eine Kerze brennt und dann geht eine Klangkugel herum, deren Läuten zu Beginn den Märchenvorhang öffnet und am Ende wieder schließt.

 

Wie haben Sie das Märchenerzählen gelernt?

Kleinwächter: Wir haben im Märchenzentrum in Nürnberg das Erzählen über die Bilder des Märchens gelernt. Das ist vergleichbar mit einem Storyboard, das heißt der zeichnerischen Version eines Drehbuchs. Wir haben das Märchen in einzelne Bilder gegliedert, diese gemalt und dann die Bilder erzählt. Auch Kinder können auf diese Art Geschichten fantastisch nacherzählen. Zur Ausbildung gehörten zudem Märcheninterpretation, Atem- und Auftrittstechnik, Lieder und Fingerspiele rund ums Märchen.   

 

Früher haben die Menschen Märchen einfach erzählt – heute braucht es eine Ausbildung. Warum?

Kleinwächter: Schuld ist meiner Ansicht nach die viele Ablenkung. Wir haben es verlernt, eine Sache intensiv zu machen - Märchenerzählen jedoch ist etwas sehr Intensives.

 

 

Das Interview ist unter anderem im Main-Echo erschienen

Gesine Kleinwächter ist professionelle Märchenerzählerin. Das Foto wurde im Lusamgärtlein in Würzburg aufgenommen.

 

Foto: Michaela Schneider

Infokasten: Zur Person

 

Gesine Kleinwächter (48) stammt ursprünglich aus Bietigheim-Bissingen. Sie hat Kunstgeschichte und Archäologie studiert. Als freiberufliche Museumspädagogin arbeitet sie für das Mainfränkische Museum in Würzburg. Märchen erzählt sie in Kindergärten, Schulen, Firmen, auf Märkten oder bei Erzählabenden, unterwegs ist sie dafür in ganz Süddeutschland. Sie ist Mitglied im unterfränkischen Erzählkreis. Zudem gibt die 48-jährige Schulungen im Märchenerzählen für Erzieher, Grundschullehrer und Privatpersonen.

www.die-erzaehlkunst.de