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Freche Anarchie
Komisch-fantastische Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ von Otto Nicolai feiert
am Mainfranken Theater Premiere – Regisseur Gregor Horres beweist parodierendes Fingerspitzengefühl


Von Michaela Schneider
Würzburg  
Auf den ersten Blick wirken sie reichlich bieder: Die Frauen Fluth und Reich, wie sie in knöchellangen, karierten Kostümen mit Schößchen Tee trinken. Die eine rot-weiß, die andere blauweiß.  Doch als die beiden Gatten im gleichen Anzugmuster und farblich abgestimmt die Bühne betreten ist rasch klar, dass Regisseur Gregor Horres dem Publikum des Mainfranken Theaters in Würzburg keine weitere, seicht-biedere Inszenierung von Otto Nicolais komisch-fantastischer Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ vorsetzen möchte. Vielmehr arbeitet er mit parodierendem Fingerspitzengefühl den ursprünglichen Kern der Komödie nach William Shakespeare heraus: das Anarchisch-Freche. Musikalisch musste das Publikum beim Premierenabend gewisse Abstriche hinnehmen: Generalmusikdirektor Enrico Calesso liegt seit Tagen mit Influenza im Bett. Kurzfristig übernahm deshalb Romely Pfund die musikalische  Leitung.


Die gebürtige Dresdnerin war erst am Freitag zur Generalprobe angereist. Und so erstaunt es kaum, dass bei der Premiere ein Stück Emotion im Orchestergraben auf der Strecke blieb, die Sänger passabel und nett begleitet wurden, aber wenig akzentuiert und individuell charakterisiert wurde.  Doch wäre es mit Blick auf die Umstände schlichtweg nicht angemessen, die Leistung des Philharmonischen Orchesters Würzburg oder gar der Dirigentin dafür zu kritisieren. Vielmehr ist es Romely Pfund sehr hoch anzurechnen, dass sie alles andere stehen und liegen ließ, um die Premiere zu retten. Und dass sich die Orchestermusiker auf das Experiment einließen.   


Zum Inhalt der „lustigen Weiber“: Der dicke Ritter Sir John Falstaff (Christoph Stegemann) ist pleite. Und so schreibt er an die verheirateten, reichen Bürgersfrauen Frau Fluth (Silke Evers) und Frau Reich (Barbara Schöller) zwei gleichlautende Liebesbriefe. Diese Briefe stehen gleichzeitig im Zentrum von Jan Bammes‘ Bühnenbild – Briefe pflastern die Wände bis zur Decke, werden mit farbigen Lichtakzenten in Szene gesetzt. Die Frauen durchschauen Falstaff aber und verbünden sich – bietet doch ihr listiger Plan die Chance, nicht nur Falstaff, sondern auch den eifersüchtigen Herrn Fluth (Daniel Fiolka) in seine Schranken zu weisen. Und auch bei Familie Reich gibt`s Problemchen zu lösen, denn Herr Reich (Bryan Boyce) möchte Töchterchen Anna (Anja Gutgesell) mit dem Kaufmannssohn Spärlich (Maximilian Argmann) vermählen, Frau Reich favorisiert den Franzosen Dr. Cajus (Taiyu Uchiyama). Anna allerdings ist unsterblich in Fenton (Joshua Whitener) verliebt – einen jungen Mann aus einfachen Verhältnissen.  Beim großen Showdown nachts im Wald darf dann Jan Bammes bei Bühnenbild und Kostümen in die Vollen greifen und eine Shakespeare sehr angemessene, magische Szenerie aus Natur, Elfen und Geistern im Mondschein erschaffen.


Was aus heutiger Sicht tatsächlich nach seichter Komödie wirken mag, barg zur Zeit der Uraufführung Brisanz: In deutschen Shakespeare-Ausgaben waren die „lustigen Weiber“  bis zum Ende des 18. Jahrhunderts erst gar nicht aufgetaucht, weil sie als zu frivol betrachtet wurden. Und Komponist  Otto Nicolai und sein Librettist Salomon Hermann Mosenthal arbeiteten an der Oper, als 1848/49 in Berlin die Revolution tobte - und spitzten den Konflikt zwischen Bürgertum mit neuem Selbstbewusstsein und verarmtem Adel kurzerhand künstlerisch zu. Frau Fluth fordert lautstark singend die Scheidung - die König Friedrich Wilhelm IV. verteufelte. Und auch musikalisch wagte Otto Nicolai Protest: Während Zeitgenossen alles Italienische oder Französische aus einer nationalen deutschen Opernkultur verbannen wollten, kombinierte der Komponist italienisches Brio und deutsche Romantik. So richtig romantisch darf allerdings nur die junge Generation, das Liebespaar Anna und Fenton, singen – eine Szene, die übrigens trotzdem zu den komischsten des Abends zählt.


Genau hier setzt Regisseur Horres seine Akzente, besinnt sich auf einstige Kernaussagen: Er arbeitet das Freche, das Gesellschaftskritische, das Anarchische der „Weiber von Windsor“ heraus – lässt den lebensfrohen Falstaff etwa im alten Campingwagen wohnen, spitzt dauerparodierend zu. Das spiegelt sich auch in den maskenhaft geschminkten, an die Shakespeare-Zeit angelehnten Gesichtern der Schauspieler und den überdrehten Kostümen von Jan Bammes wieder. Verkleidungen und Masken, die gleichzeitig deutlich machen: Fast keiner auf der Bühne sagt, was er tatsächlich meint.


Gesanglich überrascht vor allem Anja Gutgesell und stellt allein wie im Duett mit Joshua Whitener locker eine Silke Evers, eine Barbara Schöller in den Schatten. Das soll die Leistung der Beiden keinesfalls schmälern, zumal die beiden Damen ganz wunderbar verschmitzt und dauerangeschickert schauspielern. Kritik sei dennoch gestattet: Der Operngenuss wird gemindert, weil die Gesangsparts der Frauen textlich kaum zu verstehen sind – und man sich insgeheim eingeblendete Schrift wie bei italienischsprachigen Opern wünschte. Christoph Stegemann als Falstaff ist die perfekte Rollenbesetzung – gesanglich, optisch, schauspielerisch. Die mitleidige Sympathie fliegt dennoch Daniel Fiolka als dem Herrn Fluth  zu, der mit ganz fassungslos-verzweifeltem Blick der Cleverness seiner Gattin ausgeliefert ist. Zu dick trägt Tajyu Uchiyama als Dr. Cajus auf, Parodie hin oder her: Nach kurzer Zeit nervt der mal mit einem Baguette, mal mit einem Parierdolch, mal mit einer Weinflasche herumfuchtelnde Franzose, in den Farben der Trikolore glitzernd, nur noch. Sehr überzeugend indes: Der Chor unter der Leitung von Michael Clark.


Gerade, weil sich Gregor Horres Inszenierung der „lustigen Weiber“ nicht zu ernst nimmt, kommt sie bei einem Teil des Publikums amüsant und sympathisch rüber. Wenig Gefallen finden Operngänger, die sich auf Biederkonservatives gefreut hatten. Spaß hat, wer sich auf Parodie und freche Anarchie einlässt.   


Dauer: 180 Minuten (mit Pause); nächste Vorstellungen:  19.30 Uhr:  19.03./ 22.03./ 01.04./ 15.04./ 17.04./ 24.04./ 28.04./ 15.05./ 18.05./ 05.06./ 11.06./ 13.07.; 15.00 Uhr:  29.05./ 19

Der Artikel  ist unter anderem  im Main-Echo erschienen.