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Christmette: Mehr als der „holde Knabe im lockigen Haar“


Von Michaela Schneider

Passaus Bischof Stefan Oster wählte Weihnachten 2014 einen ungewöhnlichen Weg: Die Predigt seiner Weihnachtsmesse hielt er nicht nur abends im Stephansdom, sondern postete er kurzerhand am nächsten Tag auch im sozialen Netzwerk Facebook. Zu lesen war hier eine deutliche Botschaft: „Wenn wir selbst gewissermaßen nur draußen bleiben, wenn wir im Bild gesprochen nur auf dem Christkindlmarkt bleiben, um zu essen und zu trinken und Geschenke einzukaufen und ein wenig Weihnachtsfeeling zu bekommen, wenn wir nur dort bleiben und von dort nicht hier hinein in den Dom, oder besser ins Geheimnis der Kirche hineinfinden, auch innerlich nicht, dann kann in uns kein Weihnachten werden.“


Oster machte mit seinen Worten ein Dilemma deutlich, in dem die Kirche Heiligabend für Heiligabend steckt: Die Kirchen sind – anders als das übrige Jahr – überfüllt. Doch weniger, weil für das Gros der Christmettenbesucher der Glaube im Vordergrund steht, sondern weil sie „Weihnachtsfeeling schnuppern“ und eine kuschelige Krippenandacht mit der Familie erleben wollen. Vor einigen Jahren führte dies soweit, dass der damalige Landesvorsitzende der FDP Berlin. Martin Lindner, gar ein „Sitzrecht“ für Kirchensteuerzahler forderte. Doch ganz egal, wer sitzen darf und wer nicht: Vor allem für Priester ist die Herausforderung an Weihnachten groß, wollen sie auf der einen Seite die seltenen Kirchgänger erreichen und auf der anderen die gläubige Kerngemeinde nicht unterfordern.

Um das Motto „Alles nur Theater?!“ drehte sich jetzt in Würzburg eine Podiumsdiskussion des Lehrstuhls für Liturgiewissenschaft der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und des Liturgiereferats des Bistums. Der Münsterer Liturgiewissenschaftler Professor Dr. Klemens Richter, Regisseur Christian Stückl und die Begründerin der Menschrechts- und Hilfsorganisation SOLWODI, Schwester Dr. Lea Ackermann, gingen der Frage nach, was einen guten Gottesdienst ausmacht und welche Rolle dabei der Inszenierung zukommt. Bereits seit dem Jahr 2008 lädt der Lehrstuhl jedes Jahr am 4. Dezember, dem Jahrestag der Liturgiekonstitution, laut Lehrstuhlinhaber Professor Dr. Martin Stuflesser zu einer Veranstaltung zum Thema „Liturgie der Zukunft“ ein.


Welchen – vielleicht auch falsch platzierten - Raum das Thema Inszenierung im Gottesdienst einnehmen kann, war jüngst in der Kathedrale von Notre Dame zu erleben nach den Anschlägen in Paris: Zur Eucharistiefeier ertönte in Orgelklängen die Marseilles, blau-weiß-rote Schweinwerfer warfen le Tricolore an die Kirchenwand.  Liturgiewissenschaftler Richter sieht`s mit Skepsis: Dass die Bevölkerung die Marseilles hören wollte, sei ja verständlich – aber eingebettet in die Gabenbereitung habe sie nichts verloren. Dafür ein allgemeiner Blick auf Sinn und Zweck der Liturgie: Unter Liturgia versteht man, vereinfach ausgedrückt, die Verehrung Gottes und die Vertiefung des gemeindlichen Glaubens. Sie umfasst das gesamte Geschehen im Gottesdienst von Gebet, Lesung und Verkündigung über Gesang, Gestik, Gewänder, Symbole und liturgische Geräte bis hin zur Spendung der Sakramente. Neben der Liturgia als einem Grunddienst der Kirche stehen die Martyria, das heißt die Verkündigung und das Bekenntnis der Frohbotschaft, sowie die Diakonia, sprich der Dienst am Notleidenden und Nächsten.


Einer, der sich mit Inszenierungen gerade auch religiöser Themen hervorragend auskennt ist der Oberammergauer Theaterintendant Christian Stückl, denn seit 1987 ist er Spielleiter der berühmten, nur alle zehn Jahre stattfindenden Passionsspiele in seiner Heimatgemeinde. Und trotzdem stand er bei seinen ersten Passionsspielen vor allem bei einer Szene vor einer immensen Herausforderung: der Auferstehung. Schnell war für ihn damals klar: „Ich will sie und kann sie nicht darstellen.“ Weil es zuvor schon viel zu viele schlechte Umsetzungsversuche gegeben habe. Weil, salopp gesprochen, ein „Don`t touch me“ Jesus automatisch arrogant wirken lasse. Und so beschloss Stückl, sich im Gottesdienst, nämlich beim „Lumen Christi“ der Osternacht, zu bedienen und arbeitete auf der Bühne mit jenem symbolischen Moment, in dem sich das Licht im dunklen Kirchenraum ausbreitet.


Wenn sich also selbst Theaterleute in Sachen Inszenierung beim Gottesdienst bedienen, wo genau knirscht es dort? Stückl blickt auf einen Christmettenbesuch zurück zusammen mit dem zweiten Spielleiter der Oberammergauer Passionsspiele, Abdullah Karaca. Karaca ist Moslem – und so habe er selbst plötzlich mit ganz anderen Augen auf den Gottesdienst geschaut, erinnert sich Stückl. Er habe sich ständig gefragt, was der Christmettengast wohl über die Weihnachtsmesse denke. Dessen vielleicht nicht ganz ernst gemeinte Antwort war so kurz wie ernüchternd: In der Moschee rede der Mullah manchmal auch ziemlichen Schmarrn, einen Klingelbeutel gebe es ebenfalls, nur gehe es bei den Christen mehr auf und nieder mit Blick aufs Sitzen, Stehen und Knien. Die Erkenntnis für Stückl: „Inhaltlich kam in der Weihnachtsmesse wenig rüber – beim moslemischen Besucher wie auch bei ihm. Er selbst habe den Gottesdienst mit dem Blick von außen als eine „irgendwie in sich abgespulte Geschichte“ erlebt, mit Abläufen, die man nun mal kennt. Seine Antwort auf die Frage, ob es ihn reizen würde, einmal einen Gottesdienst zu inszenieren, kommt prompt: „Nein, da kann man nur scheitern!“  


Unmissverständliche Worte spricht umgekehrt auch der Wissenschaftler Richter, verweist in Vorlesungen nicht umsonst gerne darauf, dass die Liturgie als ein Grunddienst der Kirche eben nicht Oberammergau sei.  Vielmehr stehe der Dialog zwischen Gott und Mensch im Zentrum. An Weihnachten gehe es eben nicht um das vordergründige Idyll des „holden Knaben im lockigen Haar“, sondern darum, dass Gott Mensch wird. Und Ostern werde es nicht, weil eine Kerze angezündet wird, sondern weil es heiße, „der Herr ist auferstanden“. Richters Appell: Bei allen Anstrengungen, ein möglichst breites  Publikum anzusprechen, dürften die Ansprüche der christlichen Religion nicht herunter geschraubt werden. Richter verweist auf einen recht cleveren Weg aus dem Dilemma, den man in Erfurt seit einigen Jahren geht, einer Stadt mit mehrheitlich nichtchristlicher Bevölkerung. Viele konfessionslose Erfurter besuchten früher Jahr für Jahr die Christmette fürs „Weihnachtsfeeling“. Auf der einen Seite störte dies wohl manchen Gläubigen, auf der anderen Seite konnten viele Nichtchristen mit dem Ritus der Eucharistiefeier nichts anfangen. So findet nun seit einigen Jahren stattdessen für die Bürger der Stadt am Heiligabend eine Feierstunde im Dom statt, das „Nächtliche Weihnachtslob“, mit liturgischen Elementen wie christlichem Liedgut, der Verkündigung des Weihnachtsevangeliums und einer Ansprache des Bischofs.  Die Eucharistiefeier indes feiert die Kerngemeinde in der benachbarten St. Severikirche.


Und trotzdem ist die Frage offen, wie ein guter Gottesdienst aussieht. Schwester Dr. Lea Ackermann blickt dafür auf Jahre, die sie in Zentralafrika verbrachte und Gläubige erlebte, die Messen viel aktiver mitfeierten, trommelten, tanzten. Sie fordert, dass sich die Kirche mutiger öffnen sollte. Das so genannte „Messbuch für Zaire“ gilt als eines der besten Beispiele der Liturgie im afrikanischen Kontext.  „Wenn der Priester spricht und die Gläubigen dies nur aufnehmen, ist mir das zu wenig“, sagt sie, und nimmt auch weiter kein Blatt vor den Mund: „Manchmal habe ich bei uns das Gefühl, dass sich die Menschen vorne am Altar selber feiern.“   


Immer wieder fällt auf dem Podium zudem der Begriff Authentizität. „Wie Priester und Kirchengemeinden zu mehr Authentizität und Glaubwürdigkeit kommen? Jesus hat es vorgemacht mit seiner Barmherzigkeit“, fällt Schwester Lea  Ackermanns  Antwort knapp aus. Was die Menschen nicht mehr ertragen könnten, seien Menschen, die fromm daher redeten, aber nichts tun. Ihr leidenschaftlicher Appell: „Wir verkaufen Waffen und wundern uns, dass Menschen vor den Geschossen flüchten. Wir schicken große Fangflotten auf die Meere, so dass den kleinen Fischern die Lebensgrundlage entzogen wird und sagen dann, das seien doch nur Wirtschaftsflüchtlinge. Es ist so viel schief gelaufen in der Welt, wo wir Christen nicht aufgestanden sind. Aber gerade das wäre wichtig, um authentisch zu sein.“  


Sich klar positionieren und entsprechend handeln also. Nicht anders ist`s auf der Theaterbühne. „Schauspieler müssen zu hundert Prozent wissen, was sie tun und ausdrücken wollen, nur dann kann der Funke aufs Publikum überspringen“, sagt Regisseur Stückl. Und schlägt die Brücke zum Gottesdienst. „Es gibt nichts Schlimmeres als einen Priester, der das Predigtbüchlein zieht und mit Null Empathie predigt. Wenn indes etwas mit Empathie und Liebe geschieht, nimmt man die Menschen mit.“ Eine Botschaft, die passender kaum sein könnte an Weihnachten – und mit der Priester vielleicht sowohl die treue Kerngemeinde als auch gelegentliche Kirchgänger erreichen können.

Der Artikel  ist unter anderem  in dem Magazin „Publik Forum“ erschienen.