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Ein Kerzenleben

 

von Michaela Schneider

 

Die kleine, herzförmige Kerze Sofie hatte sich tief hinten im Regal verkrochen. „Jede einzelne von Euch hat die Aufgabe, die Welt ein klein wenig leuchtender zu machen“, hatte die dickbauchige Kugelkerze Elsa sie zwar regelmäßig des Nachts angewiesen, wenn der Kerzenmacher seine Werkstatt und den Verkaufsraum abgesperrt hatte. Doch  wenn Elsa eingeschlafen war, hatten sich die jüngeren Kerzen schaurige Geschichten zugewispert. Unzählige Kerzenleben endeten Abend für Abend in der Welt, verkündete Bienenwachsbub Tom mit leiser, unheilvoller Stimme. Was übrig blieb von den stolzen wächsernen Körpern seien nichts als ein elendes Häufchen und ein schwarzer Dochtstummel.  

 

Natürlich war dies seit Jahrhunderten das Schicksal der Kerzen dieser Welt. Schlimm aber war für die kleinen Wachsleuchten: Kaum ein Kerzchen konnte heute noch seine eigentliche Mission erfüllen, nämlich die Welt ein klein wenig heller zu machen.  Neonlichter und grelle Leuchten hatten Tag und Nacht in einen Einheitsnebel verwandelt. Man erzählte sich in der Wachswerkstatt sogar Gruselgeschichten von Teelicht-Monstern, die auf Knopfdruck unnatürlich grell leuchteten und wieder erloschen, leuchteten und wieder erloschen ohne jemals zu schmelzen.

 

Sofie hatte kaum ein Auge zugetan, als am nächsten Morgen der Wachskerzenmacher den Verkaufsraum aufschloss. Traurig ließ sie in der hintersten Ecke des Regals ihren Docht hängen. Es war gegen Mittag, die Schule gegenüber war gerade aus, als die achtjährige Mia in die Wachswerkstatt stürmte. „Hallo, Herr Candela“, rief sie dem Kerzenmacher fröhlich zu. Wie er ihr helfen könne, wollte dieser von der Kleinen wissen.

 

In der Schule hätten sie heute über Maria Lichtmess gesprochen. Und da habe sie erfahren, dass an diesem Tag Kerzen geweiht werden. Früher hätten die Menschen diese dann bei Unwettern, aber auch bei schwerer Krankheit hervorgeholt und angezündet. Ihre Omi sei krank und vielleicht helfe ja eine Kerze, sie wieder gesund zu machen. Allerdings habe sie nicht viel Taschengeld, blubberte es aus dem Mädchen heraus.

 

„Ich glaube, da habe ich etwas für Dich“, schmunzelte Herr  Candela, der in den vergangenen Tagen still beobachtet hatte, wie eine kleine herzförmige Kerze jede Nacht ein Stückchen weiter in den Schatten des Regals gerutscht war. Jetzt zog er Sofie aus der Ecke. „Wie schön“, rief Mia begeistert. Herr Candela entfernte indes heimlich das Preisschild und sagte: „Die Herzkerze ist im Angebot, da bleibt sogar noch etwas übrig von Deinem Taschengeld!“

 

Am folgenden Tag ging Mia mit Sofie in die Kirche und ließ das Kerzchen segnen. Am Nachmittag setzte sie sich dann ans Krankenbett ihrer Omi, zog die Vorhänge zu, knipste alle Lichter aus und zündete die kleine Kerze auf dem Nachttisch an. „Das machen wir jeden Tag zehn Minuten lang, dann wirst Du sicher bald wieder gesund“, flüsterte sie der alten Frau zu und nahm ihre Hand.

 

Und so durfte Sofie viele, viele Tage lang für eine alten Dame und ein kleines Mädchen leuchten. Sie hatte nun ihre eigentliche Aufgabe begriffen und trug mit Stolz Licht ins Herz ihrer beiden Menschen.   

 

 

Die Kurzgeschichte ist im Liboriusblatt erschienen