Ich schreibe für Sie!
Guten Tag!.Journalismus.Schwerpunkte.Pressetexte.Fotografie.Schöne Literatur.Veröffentlichungen.Kontakt.
Michaela Schneider - Freie Journalistin in Würzburg
Hier finden Sie eine Auswahl
an Verlagen und Agenturen,
für die ich schreibe:

Impressum

Meine AGB

Fränkischer Tag

Franken.Das Magazin für Land und Leute

Presse & Kommunikation Saremba GmbH

KulturGut

Museumsmagazin ZeitenRaum

Tanner Werbung GmbH

Ideeologen - Gesellschaft für neue Ideen

Main-Echo

Heragon Verlag

Augsburger Allgemeine

Fränkische Nachrichten

Journalismus

Pressetexte

Fotografie

 

Kurzgeschichten

                                          Chroniken

 

Auch wenn die Herausforderungen nicht weniger werden: Lehrer sein ist immer noch ein schöner Beruf, sagt Johannes Jung, Privatdozent am Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik an der Würzburger Universität.

 

Foto: Michaela Schneider

„Schulen sind kein Reparaturbetrieb“
Grundschulpädagoge erzählt zum „Weltlehrertag“, wie sich der Beruf verändert hat

Von Michaela Schneider

Würzburg Lehrer müssen fundiertes Fachwissen vermitteln und fehlende häusliche Erziehung ersetzen. Sie sollen begeistern, müssen manchmal schimpfen und sind für die Schüler Kummerkasten, Vorbild und Bezugsperson in einem. Immerhin genießen Lehrer hierzulande ein hohes Ansehen – das ging 2012 aus einer Umfrage im Auftrag der Vodafone Stiftung hervor. Am 5. Oktober ist „Weltlehrertag“. Anlass, einmal nachzufragen, wie sich der Beruf gewandelt hat. Ein Gespräch mit Johannes Jung, Privatdozent am Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik an der Würzburger Universität.

 

Herr Jung, sind Schüler tatsächlich schwieriger geworden?

Johannes Jung: Nein, ich denke nicht. Schlagen Sie doch einmal bei Mark Twain nach, vermutlich sind Schüler schon immer furchtbar gewesen (lacht)… Aber ernsthaft: Ich denke, da wird viel dramatisiert. Wir denken heute sehr normiert, wie sich Kinder zu verhalten haben. Dadurch fällt es extrem auf, wenn ein Kind abweicht. Es grenzt ja schon an Therapiebedürftigkeit , wenn ein Schüler nicht beim Morgenkreis mitmachen mag. Ich aber habe damit ein Problem, wenn in die Persönlichkeit der Kinder eingegriffen wird – zum Beispiel wenn es die Schule beheben will, dass einer still ist oder ein Einzelgänger. Wir sollten Charaktere lieber akzeptieren und sagen: So verschieden ist der Mensch nun mal! Schauen Sie, was in einem Grundschulzeugnis heute alles bewertet wird vom Sozial- bis hin zum Lern- und Arbeitsverhalten. Das ist ein völlig überzogener Ansatz.

 

Wie hat sich der Beruf des Lehrers in den letzten Jahrzehnten verändert?

Jung: Zu einem gewissen Einschnitt kam es vor 20 Jahren mit der TIMS-Studie. International wurden die Schulleistungen in Mathematik und den Naturwissenschaften verglichen, Deutschland schnitt schlecht ab. Die zweite Schockwelle kam mit der ersten PISA-Studie im Jahr 2000. Das hat unser Bildungssystem verändert und eine ganze Reihe von Bildungsbemühungen ausgelöst mit neuen Lehrplaninhalten, Fortbildungsveranstaltungen und einem verstärktem Fokus auf den Naturwissenschaften. Und: Und es hat sich eine Art Monitoring entwickelt, um eine möglichst wasserdichte Kontrolle der Effizienz im Bildungssystem zu erreichen.

 

Was veränderte sich durchs Monitoring für die Lehrer?

Jung: Viele Lehrer haben das Gefühl, ständig beobachtet und bevormundet zu werden. Früher konnten sie ihren Unterricht recht frei und nach den eigenen Vorstellungen gestalten. Heute muss sich ein Lehrer schon dafür erklären, wenn er beim ersten Schnee eine Schlittenfahrt mit den Kindern unternimmt. Auf der einen Seite stehen Lehrer unter ständigem Rechtfertigungsdruck, auf der anderen Seite – und das ist natürlich gut – sind sie selbst dazu angehalten, über die eigene Arbeit zu reflektieren. Trotzdem halte ich es für problematisch, dass vielfach nur nach Effizienz gestrebt wird. Wir befinden uns in einem Evaluationsdelirium. Dauernd geht es darum, wie wir im internationalen Vergleich abschneiden. Das macht die Ursprungsidee der Schule als einem Ort der Muße und des Nachdenkens zunichte.

 

Welche Erwartungshaltung beobachten Sie bei Eltern?

Jung: Auftrag der Grundschule ist es, jedes Kind optimal zu fördern. Das ist ein mehr als anspruchsvolles Ziel, das sich meiner Ansicht nach nie erreichen lassen wird. Sie werden in einer Schulklasse zwangsläufig bei den einen Schülern unter den Möglichkeiten bleiben, während andere überfordert sind. Viele Eltern aber erwarten, dass jedes Quäntchen Potenzial des eigenen Kindes optimal gefördert wird. Bei Lehrern führt dies häufig zu Verdruss und Verunsicherung, zumal Kinder durch die mediale Vorbildung heute über ein unglaublich divergentes Wissen verfügen.

 

Das heißt aber auch: Der Druck auf die Kinder ist schon in der Grundschule enorm…

Jung: Ja, das ist ein gesellschaftliches Problem. Wir sind einem Selbstoptimierungswahn verfallen, das sieht man an den Castingshows im Fernsehen. Schon im Kindergarten wird heute elementare Bildung gefordert. Kinder werden vielfach in Selbstverwirklichungsformen der Eltern gedrängt und dürfen nicht scheitern.

 

Auf der einen Seite ein enormer Druck, auf der anderen Seite fällt auf, dass viele Schüler kaum noch über Allgemeinbildung verfügen. Wer weiß schon noch, wann Goethe gelebt hat!

Jung: Da kommen wir zum Kompetenzbegriff – vermittelt werden sollen nicht allein Fakten, sondern vor allem auch Fähigkeiten. Bei manchem Lehrer beobachte ich inzwischen eine regelrechte Scheu vor der Vermittlung eines Basisfaktengerüsts. Und die Schüler argumentieren gern: „Das kann ich doch bei Wikipedia nachschauen.“ Ich glaube aber: Faktenwissen ist auch heute noch notwendig und macht die Welt erst verstehbar. Nur, wenn ich bestimmte Grundlagen kenne, kann ich Zusammenhänge begreifen. Wir sollten Kindern klar machen: Wissen ist kein Ballast! Mein Wunsch in der Schule wäre, dass bei der Wissensvermittlung mehr Verbindungen zu den Lebenswelten der Kinder hergestellt werden. Hier sind wir zu stark auf Leistungsnachweise ausgerichtet. Streichen Schüler in einem Text die Möglichkeiten der Müllvermeidung an, fällt eine Bewertung natürlich leichter. Nachhaltiger wäre es, hinauszugehen und Müll zu vermeiden.

 

Und nun soll ein Lehrer ja nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch noch Erziehen…

Jung: Ja, das sieht sogar unsere Bayerische Gesetzgebung vor. Dabei nimmt die Vielfalt der Erziehungsaufgaben mehr und mehr zu. So sollen sich die Schulen nun zum Beispiel auch um die Gesundheitserziehung der Kinder kümmern - schlichtweg weil’s viele Eltern nicht mehr hinbekommen richtig zu kochen und lieber auf der Couch sitzen, als sich zu bewegen. Im gewissen Maß können Lehrer erziehen, stoßen aber an Grenzen. Hier sollte die Schule viel selbstbewusster sagen: Wir sind kein gesellschaftlicher Reparaturbetrieb!

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Lehrerberufs?

Jung: Viele Lehrer hätten es gerne, dass die ganz normale Arbeit, ein guter Unterricht und ein enger Kontakt zu den Kindern wieder mehr in den Vordergrund rücken. Fakt ist: Lehrersein ist ein sehr anspruchsvoller, aber auch sehr schöner Beruf.  

 

Ihre Unterstützung:

 

Hat Ihnen mein Artikel gefallen? Dann würde ich mich freuen, wenn Sie mich mit einem Klick  „flattern“, um mir ein kleines Zeichen der Anerkennung zu schicken. Herzlichen Dank!

 

Flattr this

Infokasten: „Weltlehrertag“ am 5. Oktober

 

Am 5. Oktober ist Weltlehrertag. Begangen wird er seit 1994 in Erinnerung an die „Charta zum Status der Lehrerinnen und Lehrer“. Diese wurde 1964 von der UNESCO, der Internationalen Arbeitsorganisation und der Bildungsinternationalen angenommen. Ziel der gemeinsamen Initiative: qualifizierte Lehrer für eine qualifizierte Bildung. Weltweit vertritt die Bildungsinternationale mehr als dreißig Millionen Lehrkräfte. An Deutschlands Schulen unterrichten insgesamt fast 800000 Lehrkräfte.  

 

Der Artikel  ist unter anderem  im  Main-Echo erschienen.