Michaela Schneider - Freie Journalistin in Würzburg
Ich schreibe für Sie!
Guten Tag!.Journalismus.Schwerpunkte.Leseproben.Fotografie.Kurzgeschichten.Veröffentlichungen.Kontakt.
Hier finden Sie eine Auswahl
an Verlagen und Agenturen,
für die ich schreibe:

Impressum

Meine AGB

Fränkischer Tag

Franken.Das Magazin für Land und Leute

Presse & Kommunikation Saremba GmbH

KulturGut

Museumsmagazin ZeitenRaum

Tanner Werbung GmbH

Ideeologen - Gesellschaft für neue Ideen

Main-Echo

Heragon Verlag

Augsburger Allgemeine

Fränkische Nachrichten

Zwischen Angst und Hoffnung
Palliativmedizin Würzburger Professor beschreibt in neuem Buch, wie die Kommunikation mit sterbenskranken Menschen gelingen kann

 

Von Michaela Schneider

Er begleitet seit Jahren sterbenskranke Menschen und ihre Angehörigen: Professor Dr. Ernst Engelke aus Würzburg. Deutschlandweit führt der 70-Jährige Fortbildungen und Supervisionen für Mitarbeiter von Sozial- und Palliativstationen, Hospizen, Altenheimen und Hospizvereinen durch. Seine Erfahrungen hat er jetzt in dem Buch „Gegen die Einsamkeit Sterbenskranker. Wie Kommunikation gelingen kann“ niedergeschrieben. Das Werk solle Fragen beantworten, die sich jedem stellen, der Sterbenskranken begegnet, sagt der frühere Fachhochschulprofessor für Soziale Arbeit. Mit unserer Zeitung spricht er über das Verhältnis der Menschen zum Sterben, über die Kommunikation mit Sterbenskranken und ein - wie er sagt - unmenschliches Gesundheitssystem.  

 

Welches Verhältnis haben wir Menschen zum Sterben?

Engelke: Ein sehr Zwiespältiges. Einerseits ist da die Furcht vor dem Sterben, sterbenskranken Menschen zu begegnen und sich von ihnen berühren zu lassen. Niemand stirbt gern, obgleich wir alle wissen, dass wir eines Tages sterben müssen. Andererseits lassen wir uns durch das Sterben anderer Menschen unterhalten. Schauen Sie doch einmal ins Fernsehprogramm oder auf die Bestseller unter den Büchern: Krimis haben absolute Hochkonjunktur. Ein anderes Beispiel ist der Katastrophentourismus. Neugierige fahren gezielt an Unglücksorte, um sich vom Unglück anderer unterhalten zu lassen. Es zeigt sich: Wir sind fasziniert von Sterben und Tod - und wir fürchten uns zugleich davor.

 

War das früher anders?

Engelke: Nein. Früher haben sich unsere Vorfahren durch Gladiatorenkämpfe, öffentliche Hinrichtungen und blutige Schauspiele unterhalten lassen und wie wir gegen Krankheit, Altern und Tod gekämpft. Es stimmt auch nicht, dass früher meist im Kreis der Familie und im eigenen Bett friedlich gestorben wurde. Unzählbar viele Menschen starben grausam und einsam in Kriegen, wurden von Epidemien und Seuchen dahingerafft und verhungerten oder erfroren in Flüchtlingstrecks. Wie wir wünschten sich auch unsere Vorfahren einen schönen, plötzlichen Tod, wenn sie schon sterben mussten.

 

In der Sterbeforschung hat man gängige Regeln formuliert, wie ein Mensch sterben sollte. Was halten Sie davon?

Engelke: Diese Regeln und Modelle sind empirisch nicht begründet. Vielmehr gilt: In jedem Sterbeprozess gibt es typische Erkenntnisse, wie zum Beispiel die Erkenntnis: Mein Leben ist bedroht. Es gibt typische Aufgaben, wie zum Beispiel: Ich muss mich entscheiden, wie ich damit umgehe. Und es gibt typische Einschränkungen, wie zum Beispiel: Ich bin gelähmt. Mit diesen Erkenntnissen, Aufgaben und Einschränkungen geht jeder Mensch auf seine persönliche Weise um.

 

Welche weiteren Aufgaben und Einschränkungen fallen konkret unter dieses „Typisch“?

Engelke: Sterbenskranke Menschen müssen sich entscheiden: Wie teile ich meinen baldigen Tod meiner Umgebung mit? Wen lasse ich daran teilhaben? Oder auch ganz praktische Aufgaben, wie zum Beispiel: Wie bekomme ich einen Rollator? Eine zentrale Einschränkung ist die Tatsache, dass die Zeit nun eng begrenzt ist. Daraus ergibt sich: Wie nutze ich diese Zeit, die mir verbleibt? Wie Menschen diese Fragen für sich beantworten und mit diesen Aufgaben umgehen, das geschieht dann sehr individuell.

 

Ihr Buch handelt von der Kommunikation mit Sterbenskranken. Warum scheitert diese häufig?

Engelke: Weil zwei verschiedene Lebenswelten aufeinander treffen und der gesunde Mensch, der dem Sterbenskranken begegnet, sich nicht auf das Erleben des Sterbenskranken einlässt. Die beiden sprechen aneinander vorbei.

 

Können Sie das konkretisieren?

Engelke: Die Gesunden wollen für gewöhnlich erreichen, dass Sterbenskranke ihr Sterben akzeptieren und sich klaglos in ihr Schicksal einfügen. Aber: Fast alle Menschen wehren sich gegen den eigenen Tod und hoffen, dass sie noch nicht sterben müssen. Weil die Gesunden das nicht akzeptieren, fühlt sich der Kranke allein gelassen. Gesunde Menschen müssen begreifen, dass sie – wären sie in der Situation des Kranken – ebenfalls weiterleben wollten und sich gegen das Sterben sperrten. Sie müssen dem Kranken den Wunsch, nicht sterben zu wollen, und die Trauer in seinem Sterben zubilligen.

 

Wie kann ich einen sterbenskranken Menschen in seiner Trauer unterstützen?

Engelke: Wahrnehmen, was diesen Menschen wirklich bewegt – seine Lebenswirklichkeit, seine konkreten Bedürfnisse und Verluste. Diese sind zu begleiten. Auf ihn hören, statt auf ihn einzureden, ihn zu bevormunden oder unter Druck zu setzen. Er ist ernst zu nehmen und zu respektieren als ein Mensch, der noch ganz viel selber machen möchte. Was nicht heißt, dass sich ein sterbenskranker Mensch nicht an die Gepflogenheiten des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu halten hat. Die Würde der Ärzte und Pflegenden ist auch von Sterbenskranken zu achten. Auf einen sterbenskranken Menschen einzugehen, kann auch heißen, mit ihm zu weinen oder zu klagen. Palliativstationen haben oft einen „Raum der Stille“. Ich würde einen „Raum der Klage“ bevorzugen.

 

Bisher ging es um die Kommunikation zwischen Sterbenskranken und jenen Menschen, die ihnen nahe stehen. Wie steht es um die Kommunikation in Kliniken zwischen Fachpersonal und Sterbenskranken?

Engelke: Zunächst möchte ich hervorheben: Wer im Krankenhaus mit sterbenskranken Menschen arbeitet, der ist oder war hoch motiviert. Aber die Rahmenbedingungen für die Versorgung Sterbenskranker sind in unserer Gesellschaft unmenschlich.

 

Welche Rahmenbedingungen machen die Arbeit unmenschlich?

Engelke: Ärzte und Pflegende sind dem rigorosen Diktat von Ökonomen ausgeliefert. Es kommt – als Beispiel dafür – immer häufiger vor: Am Vormittag stirbt ein Patient und am Nachmittag muss aus ökonomischen Gründen das gleiche Bett bereits wieder mit einem neuen Sterbenskranken belegt werden. Das Personal hat weder ausreichend Zeit, sich vom Sterbenskranken und seinen Angehörigen zu verabschieden, noch zu trauern und sich zu erholen. Deshalb entscheiden sich Mitarbeiterinnen häufig für Teilzeitarbeit – oder wechseln nach kurzer Zeit die Stelle. Es drängt sich der Eindruck auf: Politiker, Kranken- und Pflegekassen und Geschäftsführer managen Palliativstationen, Hospize und Heime wie Autofabriken. Für jeden Schritt, jeden Handgriff gibt es äußerst knappe Zeitvorgaben. Und ständig wird noch hinterfragt, ob nicht ein noch ökonomischeres Arbeiten möglich wäre.

 

Was müsste sich in Krankenhäusern ändern?

Engelke: Betriebsmodelle der Industrie passen nicht für die Versorgung Sterbenskranker. Ärzten und Pflegenden muss ausreichend Zeit zugestanden werden. Individuelle Wünsche, Belange oder Klagen Sterbenskranker kann ein Arzt oder Pfleger nur berücksichtigen, wenn er ausreichend Zeit dafür hat. Außerdem: In der Ausbildung der Ärzte und der Pflegenden kommt das Training alltagstauglicher Kommunikation zu kurz. Darauf sollte mehr Wert gelegt werden.

Wie hat sich Ihr Leben ganz persönlich verändert durch ihre Arbeit mit Sterbenskranken?

Engelke: Wer Sterbenskranken begegnet, wird immer wieder auf die eigenen Grenzen aufmerksam gemacht und ermahnt, sie zu beachten. Zugleich wird man mit Lebensbilanzen konfrontiert. Da liegt zum Beispiel ein Mensch im Sterben, hat fünf Kinder – und niemand besucht ihn. Für mich heißt das: Ich bemühe mich, mein eigenes Leben so zu gestalten, dass die Menschen, mit denen ich zusammenlebe, sich mit mir wohl fühlen - und ich mich mit ihnen auch.

 

Hat sich Ihr Verhältnis zum Sterben verändert?

Engelke: Meine Angst vor dem Sterben ist geblieben.

Der Artikel ist in „Gesundheit - Das Magazin“ erschienen

Ernst Engelke (im Bild) beschreibt in seinem neuen Buch, wie die Kommunikation mit sterbenskranken Menschen häufig scheitert – und wie sie gelingen kann.

 

Foto: Michaela Schneider

Engelke, Ernst: „Gegen die Einsamkeit Sterbenskranker. Wie Kommunikation gelingen kann“, Lambertus-Verlag, Freiburg im Breisgau 2012, ISBN 978-3-7841-2111-6, 23,90 Euro