Ich schreibe für Sie!
Guten Tag!. Journalismus. Schwerpunkte. Pressetexte. Fotografie. Schöne Literatur. Veröffentlichungen. Archiv. Kontakt. Michaela Schneider - Freie Journalistin in Würzburg
Hier finden Sie eine Auswahl
an Verlagen und Agenturen,
für die ich schreibe:

Impressum

Meine AGB

Nürnberger Nachrichten

Franken.Das Magazin für Land und Leute

Behinderte Menschen

Porter & Pin

Publik Forum

Oper & Tanz

Die deutsche Bühne

Main-Echo

Opernnetz

Griaß di’ Allgäu

Schönes Schwaben

Journalismus

Pressetexte

Fotografie


Kurzgeschichten

                                          Chroniken


Auf Facebook posten
Auf Twitter posten
Auf Google Lesezeichen posten
Per E-Mail senden


Monolith im Herbstnebel


von Michaela Schneider

Eigentlich kannte Iris sie nicht. Jene Schlaflosigkeit, die sie wie ein tropfender Wasserhahn verfolgt hatte. Die ersten Gedanken waren leise herangeträufelt, später dann zum quälenden Rauschen gewachsen. Nicht greifbar, doch die Nacht über da.


Während Iris nun in ihren mausgrauen Parka gepackt den Feldweg entlang lief, versuchte sie, jene Flut im Kopf zu ordnen. Vergebens. Sie, Iris Mende die sich immer so sicher gefühlt hatte und pflichtbewusst und durchdacht den Weg gegangen war, den man von ihr erwartet hatte, fühlte sich mit ihren 48 Jahren plötzlich orientierungslos. Der herbstliche Frühnebel verstärkte jenes Gefühl. Als samtig-schweres Nichts hatte er sich mit Tagesanbruch über die Weiden gelegt und hüllte den Weg in einen weißen, wabernden Tunnel. Ein rutschiger Flickenteppich aus klammem, braunem Laub lauerte unter Iris Füßen. Nur schemenhaft sichtbar wie ihre Gedanken grasten in der Ferne die ersten Rinder.


Dabei waren es zunächst Gedanken wie jeden Tag gewesen. Ganz Alltägliches. Iris hatte die nächsten Stunden durchgeplant, wie sie es seit Monaten, Jahren, gefühlten Jahrzehnten tat. Sohn Paul hatte sich angekündigt und gedeckten Apfelkuchen bestellt, der Chef pochte auf die nächste Abrechnung, Hemden warteten vor seichter Fernsehberieselung aufs heiße Eisen. Und dann plötzlich war eine Unruhe aufgetaucht, die die 48-Jährige bis dahin nicht gekannt hatte. Dazwischen Ideenfetzen im Gedankennebel. Iris hatte sich die Nacht über unruhig im Bett gewälzt, war eingenickt, wieder hochgeschreckt und hatte doch nicht greifen können, was ihr den Schlaf raubte.


Dass sie aus dem nebligen Nichts heraus links abbog, merkte Iris kaum. Die in die Jahre gekommene Mütze tief ins Gesicht gezogen, lief sie wie von einer äußeren Kraft getrieben weiter. Unmerklich beschleunigte sich ihr Schritt. Es war lange her, dass sie den alten Trampelpfad zum Friedhof das letzte Mal gegangen war. Von etlichen Füßen liebkost und getreten, reich an Wissen und Erfahrung und trotzdem in Vergessenheit geraten.  Mit 15, 16 Jahren hatte Iris hier mit ihrer Freundin Maria viele Stunden verbracht. Unzertrennlich waren die Beiden gewesen, hatten kleine Sorgen und ganz große Träume geteilt, während sie mit Mischlingsrüde Sammy durch die Felder streiften.


Maria wollte im fernen Berlin Architektur studieren, Iris träumte von einer Ausbildung zur Designerin in Rom. Sie wollten die Welt erobern. Und nachdem sie im Englischunterricht über Australien geredet hatten, versprachen sich die Beiden in Junge-Mädchen-Manier, um die Erdkugel zu reisen und einmal im Leben im Outback jenen roten Monolithen namens Uluru zu sehen, dem man eine so magische Aura nachsagt. Mit dem alten Pfad zum Friedhof als Zeuge hatten sie sich damals geschworen, ihre Träume zu leben.  Dann, kurze Zeit später, zog Maria mit ihrer Familie nach Norddeutschland. Der Abschied der Freundinnen tränenreich, ein kleiner Koala und ein Plüschkänguru wechselten die Besitzer. Skippy sollte zu Iris treuem Begleiter als Schlüsselanhänger werden. Zwei, drei Mal trafen sich die Mädchen in den nächsten Jahren und schrieben sich eine Hand voll Briefe. Erst regelmäßig, dann schleichend seltener. Erinnerungen verblasten zu farblosen Fetzen, die eigenen Lebenswege zeichneten keine Gemeinsamkeiten mehr. Irgendwann hatten sich die jungen Frauen aus den Augen verloren.


Iris fröstelte plötzlich im klammen Morgengrau und grub ihre Hände tief in die ausgebeulten Taschen des Parkas. Weshalb sich jene Erinnerung aus dem Frühnebel gelöst hatte, hätte sie in dem Moment nicht sagen können. Wahrscheinlich war es der alte Trampelpfad, der nicht vergessen, nicht verdrängt hatte. Jeder kantig-markante Kieselstein unterm Herbstlaub ein unerfüllter Traum aus Jugendtagen.


Iris hatte sich nach dem Abitur von den großen Mädchenfantastereien verabschiedet, getan, was man eben so tut. Die Eltern knapp bei Kasse, die Idee vom Leben als Designerin ein Luftballon, schön und voller Leichtigkeit. Doch mit der Nadel der Vernunft traktiert war er rasch zerplatzt und zur nutzlosen Gummihülse erschlafft. Stattdessen hatte Papas Gesangskollege Karl Mies einen Ausbildungsplatz in der nahen Rechtsanwaltskanzlei organisiert. Paragraphen statt designten Damenpumps. Fränkisches Landleben war der Hoffnung auf römisch-leichtes Großstadt-Flair gewichen. Dann hatte das Leben selbst vorgegeben, wie es weitergehen sollte: Eines Tages fand Iris ihren einstigen Mitschüler Hans Mende gar nicht mehr so unattraktiv. Verliebt, verlobt, verheiratet, Hausbau und Schwangerschaft.


Iris hatte sich nie beschwert über das Leben, wie es mit ihr Hand in Hand durch die Zeit geschritten war. Schließlich waren die Ehe, die Abende im Kegelclub, Kindererziehung, Elternabende, Urlaube im Schwarzwald und am Gardasee und der Wiedereinstieg in den Beruf harmonisch die Jahre entlang geplätschert.


Iris konnte nicht sagen warum, doch mit einem Mal schien es ihr, als sei mit einer morgendlichen Herbstböe jene Zielstrebigkeit aus Jugendtagen zurückgekehrt. Wie von selbst streckte sie die Hand aus nach dem abgegriffenen Knauf. Mit einem schnarrenden Krächzen öffnete sich das schwere, schmiedeeiserne Tor. Manchmal hatten Maria und sie sich in den Friedhof geschlichen, um sich ganz hinten unter der großen Weide ins Gras zu legen und Mädchenträume zu teilen. Als Iris Blick zu dem alten Trauerbaum fiel, erinnerte er sie jetzt mit seinem hängenden Blätterkleid im Nebeldunst an einen Geist vergangener Tage.


Dann plötzlich, blieb Iris Aufmerksamkeit an einem Grab hängen – zwischen den verwitterten Nachbarn aus Stein wirkte der Granit jung und frisch. Auf der kleine Grünfläche neben der Grabplatte eine Hand voll gelber Astern und Zwergwacholder. Doch war es vor allem die Form des gräulich-roten Grabsteins, die Iris Blick gefangen hielt. Mit einem flauen Gefühl näherte sie sich. Und auf einmal musste sie ihre Augen nicht einmal schließen, um Kreuze, fremde Namen, Herbstlaub und ihre nächtliche Unruhe im Nebel verschwinden zu lassen. Der Grabstein verwandelte sich für Iris in einen Monolithen inmitten roter Wüstenlandschaft. Strahlend, magisch.


Als Iris Blick auf die Inschrift fiel, drängte sich das erste Sonnenzwinkern durchs Nebelnichts und ließ den Stein im warmen, wissenden Morgenrot aufleuchten. Als führe sie eine zweite Hand, griff Iris in ihre Parkatasche und drückte das kleine, abgegriffene Plüschkänguru, das sie seit drei Jahrzehnten bei sich trug. Noch heute, gleich nach der Arbeit, würde Iris ins Reisebüro fahren. Sanft und liebevoll strich sie dann über den Namen jener Frau, die seit kurzem unter dem Granit schlief und las ein zweites Mal die gemeißelten Worte: „1962 bis 2010. Marias Leben war zu kurz. Aber sie hat die Welt erobert.“



Aus meiner Bildergalerie

Der Traum
ist der beste Beweis dafür,
dass wir nicht so fest
in unsere Haut eingeschlossen sind, wie es scheint.


(Christian Friedrich Hebbel)

Hier geht es zu weiteren Kurzgeschichten von mir:


Ein Schneemann im Outback

Heimat ist, wenn man sich geborgen fühlt. Das funktioniert auch am anderen Ende der Welt im Kühlraum eines Hotels.



Ein Kerzenleben

Eine kleine Kerze trägt Licht in die Herzen zweier Menschen. Ein Märchen zu Maria Lichtmess.



Hundemorgen

Manchmal wüsste man zu gern, was in den Köpfen unserer vierbeinigen Freunde vorgeht.



Stadt der Masken

Eine junge Frau trifft beim Karneval in Venedig ihre große Liebe - und schwört sich, fortan keine Masken mehr zu tragen.



Die letzte Sms

„Ich bin in der Fastenzeit digital weg“, simst eine junge Frau ihren Bekannten, bevor sie ihr Handy für 40 Tage ausschaltet.



Land der langen, weißen Wolke

Ein junger Maori und ein Deutscher machen sich ihre ganz eigenen Gedanken über Chancengleichheit.



Ein Sommerbote

Ist die Begegnung mit einem Schmetterling nur Zufall? Ein anderer Gedanke ist für Katharina  tröstlicher.



Wettlauf gen Himmel

Dubais Turmbau zu Babel und andere allzu menschliche Versuche, dem Himmel nachzueifern.



Namaste und Lotusblüten

In Singapur stehen Kirche, Moschee, Tempel und Synagoge gleich nebeneinander. Alles eine Frage des Respekts...



Lichtpunkte

Hin und wieder ist das Universum so schön, dass es keine weiteren Erklärungen braucht.



Sommer ohne Worte

Manchmal können wir Großen von Kindern ganz schön viel lernen - zum Beispiel im Sommerurlaub am Strand.



Frische Erdbeeren

Für Luise sind frische Erdbeeren von der Kindheit bis ins hohe Alter der schönste Liebesbeweis.



Der Liebesbund

Eine Deutsche und ein Franzose verlieben sich 1939 Hals über Kopf. Das junge Glück währt nur kurz - und trotzdem prägt der Liebesbund ein langes Leben.



Blumenglück

In der Schule nannten die Kinder Luis Doofkopf, doch hat er eine ganz besondere Gabe: Er kann tief in traurige Herzen blicken.



Ein Plüschbär für Trik

Manchmal weiß man nicht so genau, wo die Grenze zwischen Arm und Reich verläuft. Ein Besuch in Kambodscha.



Der Geigenspieler

Ein Geigenspieler aus Porzellan erzählt Friedhofspassanten von Wiener-Walzerklängen und seiner lebensfrohen Grabbewohnerin.



Herbstmärchen vom kleinen Blatt

Ein kleines Blatt teilt den Herbst seines Lebens mit einer alten Dame. Gemeinsam erinnern sich die beiden an Frühlingsdüfte und spielende Spatzenkinder.



Russische Gurken

Was russische Gurken und echte Gastfreundschaft miteinander zu tun haben, erfährt, wer nach Sibirien reist.



Advent mit allen Sinnen

Nele erlebt mit ihrer Mama beim Waldspaziergang den Advent mit allen Sinnen.



Das Weihnachtswunder

Weihnachtswunder geschehen, wenn man nur ganz fest daran glaubt. Das darf eine Krankenschwester während ihres Heiligabend-Dienstes erleben.

Kurzgeschichten auf Bestellung


Sie suchen für Ihr Magazin oder für einen privaten Anlass eine ganz bestimmte Kurzgeschichte? Gerne helfe ich Ihnen! Sie geben Thema und Länge vor - ich lasse meine Fantasie spielen und liefere einen Text nach Ihren Wünschen.




Ihre ganz persönliche Biographie


Sie haben viel erlebt und wollen die Erinnerung für Familie, Freunde und Nachwelt lebendig halten? Gerne unterstützte ich Sie dabei. Sie erzählen mir Ihre Geschichte, ich bringe diese ansprechend zu Papier.




Vereins- und Firmenchroniken


Sie wollen Vereinsanekdoten oder die Geschichte Ihres Unternehmens in eine Chronik packen? Doch wie bastelt man aus Zahlen und Fakten eine spannende Lektüre? Gerne bin ich Ihnen behilflich! Als Historikern bin ich fit im Umgang mit Quellen und als Journalistin recherchesicher; als Kurzgeschichten-Autorin weiß ich, wie man Fakten ansprechend und spannend „verpackt“.


Zur vorherigen Seite

Zur nächsten Seite