Ich schreibe für Sie!
Guten Tag!. Journalismus. Schwerpunkte. Pressetexte. Fotografie. Schöne Literatur. Veröffentlichungen. Kontakt. Michaela Schneider - Freie Journalistin in Würzburg
Hier finden Sie eine Auswahl
an Verlagen und Agenturen,
für die ich schreibe:

Impressum

Meine AGB

Fränkischer Tag

Franken.Das Magazin für Land und Leute

Presse & Kommunikation Saremba GmbH

KulturGut

Museumsmagazin ZeitenRaum

Tanner Werbung GmbH

Ideeologen - Gesellschaft für neue Ideen

Main-Echo

Heragon Verlag

Augsburger Allgemeine

Fränkische Nachrichten

Journalismus

Pressetexte

Fotografie


Kurzgeschichten

                                          Chroniken


Auf Facebook posten
Auf Twitter posten
Auf Google Lesezeichen posten
Per E-Mail senden

Kunst mit allen Sinnen „sehen“


Von Michaela Schneider
Als hart, kalt und groß erlebte Patryk die Pieta von Käthe Kollwitz  im Museum am Dom im unterfränkischen Würzburg. Und hohl habe sie geklungen, ergänzt der 13-jährige Schüler noch. Patryk nimmt Kunst anders wahr als viele andere Menschen, denn: Der Jugendliche ist blind. Trotzdem kann er Skulpturen und Gemälde im unterfränkischen Würzburg nun erleben. Im dortigen Museum am Dom hatten Studierende der Museologie und der Sonderpädagogik der Julius-Maximilians-Universität hinterfragt: Wie lassen sich Gemälde und Plastiken für Blinde und Sehbehinderte erfahrbar machen? Zusammen mit einer Inklusionsklasse der Graf-zu-Bentheim-Schule entwickelten sie verschiedene Stationen. Dabei arbeiteten die Studenten mit Tastfiguren, Umrissen, Materialien wie Sandstein, vergrößernden Computermodellen oder Duftproben.  


Was hier beispielhaft umgesetzt wurde, steckt  innerhalb der deutschen Museumslandschaft noch in den Kinderschuhen. Viele Häuser verbinden mit dem inklusiven Museum bis dato  lediglich eine Rollstuhlrampe und einen Fahrstuhl im Gebäude.  Doch solle eben vor allem auch der Zugang zu Inhalten und Themen ermöglicht werden, sagt Simone Doll-Gerstendörfer aus dem unterfränkischen Randersacker. Im Auftrag der Professur für Museologie hatte sie das studentische Projekt im Museum am Dom betreut und kürzlich eine Tagung in der Bischofsstadt mitorganisiert unter dem Motto „Barrierefreiheit ist mehr als die Rampe am Eingang: auf dem Weg zum inklusiven Museum“. Zudem berät die Museumspädagogin freiberuflich Museen, die inklusive Angebote auf die Beine stellen wollen.


Tatsächlich ist es seit wenigen Jahren explizite Aufgabe von Museen, Kunst und Kultur auch für Menschen mit verschiedenen Einschränkungen  erfahrbar zu machen. Rechtlicher Hintergrund: 2009 hatte Deutschland die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen ratifiziert. Damit einher geht auch die Verpflichtung, eine kulturelle Teilnahme zu ermöglichen. 2013 brachte der Deutsche Museumsbund die 82-seitige Handreichung „Das inklusive Museum – Ein Leitfaden zu Barrierefreiheit und Inklusion“ heraus mit vielen praktischen Tipps zur virtuellen und räumlichen Zugänglichkeit zum Museum, zielgruppenorientiertem Service, Ausstellungsgestaltung, speziellen Vermittlungsmöglichkeiten und Ansprechpartnern. Ebenfalls eine praktisch orientierte Handreichung: Der „Leitfaden für eine für blinde und sehbehinderte BesucherInnen barrierefreie Gestaltung von Museen und Ausstellungen“ des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands.


Doch zurück nach Würzburg ins Museum am Dom. Das Haus präsentiert auf 1800 Quadratmetern gut 300 Kunstwerke. Sie umspannen ein Jahrtausend, „alte“ und „neue“ Kunst werden direkt gegenüber gestellt. Werke von Tilman Riemenschneider und Johann Peter Wagner treffen auf Arbeiten von Ernst Barlach, Käthe Kollwitz oder Joseph Beuys. Wie setzten Schüler und Studierende nun das Thema „Kunst für Blinde“ in den Museumsräumen um? Schnell war vor  allem eines klar: Nicht jede Idee der Studierenden taugte für die blinden und sehbehinderten Schüler - deshalb ist`s bei inklusiven Museumsprojekten extrem wichtig, Zielgruppen von Beginn an einzubeziehen.  „Wir wollten mit taktilen Medien arbeiten, unser erster Gedanke waren 3D-Drucke“, erzählt die 21-jährige Studentin Helen-Sophie Mayr. Die kleinen Nachbildungen  schienen ihr und den Kommilitonen eine optimale Möglichkeit, um Skulpturen für blinde Menschen erlebbar zu machen. Der 13-jährige Patryk ist von Geburt an blind – und ernüchterte die Studentengruppe rasch: „Es war viel schöner, die echte Pieta anzufassen. 3D-Drucke sind ganz nett, aber eigentlich zu klein. Ich konnte keine Details spüren.“ Und er erlebte auch nicht das harte, kalte, hohl klingende Material der  Bronzeskulptur.


Bei der Sandstein-Skulptur des Jakobus von Tilmann Riemenschneider entwickelten die Studenten deshalb einen Kompromiss. Um die  Form des  Kunstwerks zu vermitteln, wurden diesmal mehrere 3D-Figuren gefertigt - zum einen der komplette Jakobus für einen Gesamteindruck, zum anderen vergrößerte Ausschnitte für Details.  Zusätzlich können blinde Museumsbesucher an der Station das Material Sandstein gesondert ertasten.  Und über ein blindentaugliches Brettspiel wird spielerisch Wissen rund um die Heiligenfigur vermittelt.  


Kunst mit allen Sinnen zu erleben schätzen übrigens auch sehende Museumsbesucher, wie sich bei der Arbeit mit der Inklusionsklasse zeigte: Zum Gemälde „Anbetung der Könige“ bastelten Schüler und Studenten nicht nur ein Tastrelief, sondern stellten Kästchen mit Weihrauch, Myrrhe und Messingklümpchen bereit. Auch die sehenden Schüler schnupperten und tasteten eifrig. „Ich habe das Bild dadurch viel echter und realer erlebt“, erzählt die 13-jährige Emilia – obwohl ihr auch das farbenfrohe Gemälde an sich schon gefallen habe.


Auch mit Blick auf audiodeskriptive Bildbeschreibungen für blinde Menschen stellte sich bei der Arbeit im Museum am Dom heraus: Diese sind komplizierter, als es die Studenten zunächst erwartet hatten. „Wir haben Bilder mit Worten beschrieben und dann malen lassen“, sagt Studentin Helen-Sophie Mayr, erzählt weiter: „Jedes Bild sah am Ende anders aus, weil wir ganz unterschiedliche Vorstellungen im Kopf haben. Ist ein Museumsbesucher von Geburt an blind, wird`s umso komplizierter, denn ihm fehlen genau diese Vorstellungen.“ Die Studenten empfehlen deshalb, bei Bildbeschreibungen mit Sinneseindrücken zu arbeiten, die der blinde Besucher kennt. Praktisches Beispiel: Eine Landschaft mit Wald. Wer nicht sehen kann, verbindet diesen mit Vogelzwitschern, knackenden Ästen, Blätterrauschen, Moos- und Holzgeruch, dem Gefühl von Baumrinde oder erdigem Boden. Mit pastellfarbenen Bäumen in Aquarelltechnik indes kann Schüler Patryk nichts anfangen, wie er selbst sagt.  

Bei der Arbeit mit den Jugendlichen der  Graf-zu-Bentheim-Schule merkten die Studenten auch: Einzelne Bedürfnisse unterscheiden sich drastisch, einen „goldenen Inklusionsweg“ gibt es schlichtweg nicht. Denn während  viele Museumsbesucher mit Sehbeeinträchtigung am liebsten Gemälde mit kräftigen Farben betrachten, sind extreme Kontraste für den sehr lichtempfindlichen Schüler Luis eine Tortur, die in den Augen schmerzt. Er bevorzugt Werke in Schwarzweiß. Und ganz oft helfen Museumsbesuchern wie Luis schon Kleinigkeiten weiter wie eine Lupe oder Tablets, um Bildausschnitte in Vergrößerung zu betrachten.


Vielleicht das wichtigste  Fazit des Seminars laut dessen Leiterin Simone Doll-Gerstendörfer: Es gibt eine Vielzahl an Mitteln um Kunst für blinde Menschen und Besucher mit Sehbeeinträchtigung erlebbar zu machen. In manchen Fällen ist`s eine Kostenfrage, in anderen Fällen braucht es vor allem kreative  Ideen. „Das Ziel von Inklusion muss sein: Wir bieten nicht alles für alle an, sondern für jeden etwas“, sagt die Museumspädagogin.


Mit Tastfiguren wie hier im Museum am Dom lässt sich Kunst auch für Menschen mit Sehbehinderung erlebbar machen.


Foto: Michaela Schneider


Ihre Unterstützung:


Hat Ihnen mein Artikel gefallen? Dann würde ich mich freuen, wenn Sie mich mit einem Klick  „flattern“, um mir ein kleines Zeichen der Anerkennung zu schicken. Herzlichen Dank!


Flattr this

Der Artikel  ist unter anderem  im Fachmagazin „Behinderte Menschen“ erschienen.

Infokasten: Museumsangebote für Menschen mit Sehbeeinträchtigung – einige Beispiele


Das Kunstmuseum Bayreuth bietet bei Sonderausstellungen Spezialführungen bei  Sehbehinderung an.  „Verschiedene Bilder werden dafür fotografiert, dann lassen wir Tastbilder anfertigen“, sagt der stellvertretende Museumsleiter Bernd Romankiewitz. Ein Beispiel: Zeigt ein Gemälde eine Landschaft im Sturm, verdeutlicht die Ausrichtung der Nagelköpfe, in welche Richtung der Wind weht.  http://www.kunstmuseum-bayreuth.de/


Elmar Reither, Museumspädagoge am Kunst- und Kulturpädagogischen Zentrum (KPZ) Nürnberg, schnürt für Museen der Region inklusive Angebote. Mit Menschen mit Seheinschränkung besucht er gerne das Museum Tucherschloss. Das entsprechende KPZ-Angebot nennt sich „Auf Tuchfühlung mit der Renaissance“. Mit Handschuhen darf Mobiliar, ein Kaminrelief, das Mauerwerk, die Treppe, das Dachgewölbe oder auch die Tapete erfühlt werden.  (http://www.kpz-nuernberg.de/kpz/tuc.shtml)


Unter dem Motto „Das Goldene Zeitalter“ haben verschiedene Vereine zusammen mit dem  Staatlichen Museum Schwerin ein „Lesetasthörbuch“ entwickelt. Der Museumsführer ist für sehende, sehbehinderte und blinde Menschen nutzbar und macht acht Werke holländischer Meister des 17. und 18. Jahrhunderts mit allen Sinnen erlebbar. (http://www.museum-schwerin.de/)


Das LehmbruckMuseum in Duisburg beherbergt eine in Europa einzigartige Sammlung internationaler Skulpturen der Moderne. Neben buchbaren Spezialführungen für blinde Menschen ist jederzeit eine selbstständige Begehung möglich. An der Kasse liegen eine Liste und ein spezieller Audioguide bereit, denn einige Exponate dürfen ertastet werden. (http://www.lehmbruckmuseum.de/)


„Hands-on“ betitelt das Landesmuseum Mainz jene Objekte, die im Museum ertastet werden dürfen. Für Blinde und Sehbehinderte gibt es eine spezielle audiodeskriptive Führung auf den Audioguides. Bei verschiedenen Objekten wird  neben dem Tast- auch der Riechsinn angesprochen. Das Aufsichtspersonal begleitet Besucher mit Seheinschränkung zu begreifbaren Objekten. (http://www.landesmuseum-mainz.de/)