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Viel Blut und große philosophische Gedanken
Mainfranken Theater bringt mit Leo Tolstois „Krieg und Frieden“ ein ganz großes Stück
Weltliteratur auf die Bühne – Regisseur Malte Kreutzfeldt reduziert die Handlung und wirft zeitlose Fragen auf


Von Michaela Schneider
Würzburg  
Blut fließt, Waffen qualmen, Detonationen dröhnen im Mainfranken Theater Würzburg. Nach den Buddenbrooks ist  im großen Haus nun mit Leo Tolstois „Krieg und Frieden“ erneut ein Stück ganz große Weltliteratur zu sehen. Auch wenn es laut und blutig zugeht: Regisseur Malte Kreutzfeldt konzentriert sich weder auf große Effekthascherei noch auf eine gefühlsduselige Liebesgeschichte. Stattdessen wirft er große philosophische Fragen auf. Das Publikum wirkt nach drei Stunden zwar etwas erschlagen – kann aber viele Denkanstöße mit auf den Heimweg nehmen.


Im russischen Epos geraten die Mitglieder dreier Adelsfamilien während der Napoleonischen Kriege ins Räderwerk der Geschichte. Was sie eint: Alle drei suchen nach einem Sinn, suchen ihren Lebensweg. Andrej flüchtete sich vor der Leere der „guten Gesellschaft“ in den Krieg, ist bereit, für Ruhm und Macht selbst seine Familie zu opfern. Sven Mattke gelingt eine hervorragende Charakterzeichnung. Er spielt Andrej mit kühler Arroganz, lässt deren Fassade bröckeln, bis zur Erkenntnis:  „Alles ist und existiert nur dadurch, dass ich liebe.“ Pierre indes bleibt in Moskau und sucht in der Begeisterung für Napoleon, in Theorien und Konzepten nach Orientierung. Doch Ideale erweisen sich als Trugbilder. Oliver Jaksch mit seinem zauseligen Haar gibt Pierre einen fast schizophrenen Anstrich, lässt ihn sämtliche Gefühlswelten durchirren  – Orientierungslosigkeit, tiefgehende Verzweiflung, unbändige Wut, fieberhaften Wahn. Schließlich ist da noch die junge Natascha, die allein auf ihre Gefühle vertraut mit dem Lebensziel, „den Richtigen zu finden“. Als Andrej stirbt, ist sie allein. Claudia Kraus spielt gut, wirkt trotz kleiner Körpergröße jedoch fast zu erwachsen. Mit noch mehr Kindlichkeit zu Beginn wäre im Laufe des Abends mehr Wandel möglich.


In Tolstois mehr als 2000-seitigem Epos treten mehr als 250 Personen auf – Malte Kreutzfeldt kommt mit 13 aus. Er konzentriert sich dabei zum einen auf die verzweifelte Suche der Protagonisten nach ihrem Platz im Leben. Auf der anderen Seite greift und wirft er vor allem auch die philosophischen, soziologischen und kriegstheoretischen Fragen auf, die „Krieg und Frieden“ durchziehen: die Zweifel am Sinn und Zweck des grausigen Blutvergießens; Tolstois Verständnis von Weltgeschichte, die sich erst durch das Zusammenspiel von vielen Zufällen entwickelt; Lebenswege, die als Teil des Ganzen ebenso wenig planbar sind.


Mit seiner Bühnenadaption macht Malte Kreutzfeld das Gegenteil dessen, was Hollywood heute mit dem „Krieg und Frieden“-Stoff täte: Er verzichtet auf die großen Gefühle, die emotionsheischende Herz-Schmerz-Geschichte und auf empörende Intrigenspiele. Stattdessen reduziert er die Handlung auf knappe Blitzlichter. Diese wechseln sich ab mit alptraumartigen Kriegsszenen. Obwohl sich Verwundete und Sterbende das Bühnenblut ganz offen aus Fläschchen und Dosen über den Körper laufen lassen, sind gerade diese Momente erschreckend realistisch.


Bühnenbildner Nikolaus Porz erschafft aus kargen Bäumen, Friedhofskreuzen und lodernden Flammen auf verstörende Art poetische Bilder. Er spielt mit Licht, lässt die Gestalten mal konturenhaft auftreten, setzt sie dann gleißendem Licht aus. Der Geruch der Gewehrschüsse und der Lärm der Explosionen zieht das Publikum mit allen Sinnen in das Kriegsgeschehen. Szenen, die - zum Teil in die Ist-Zeit transportiert - Tolstoi gerecht werden: Der Literat hatte selbst Erfahrung im Konflikt um die Halbinsel Krim gesammelt, seinerzeit schrieb er ungewohnt realistisch über die drastischen Verhältnisse an der Front. Ansprechend auch die Kostüme von Veronica Silva-Klug in historischer Silhouette mit modernen Elementen, um die Zeitlosigkeit der Ereignisse zu unterstreichen.


 Auf der einen Seite gewinnt die Bühnenfassung durch die reduzierte Handlung, die verstörenden Traumbilder, die Fülle an philosophischen Gedanken an konzentrierter Tiefe. Und nicht zuletzt durch eine sehr gute Ensembleleistung – sowohl, was einzelne Charakterzeichnungen, als auch das Zusammenspiel in den Kriegsszenen betrifft. Auf der anderen Seite fällt es vor allem nach der Pause schwer, dem eigentlichen Handlungsstrang zu folgen. Wer Krieg und Frieden nicht kennt, sollte sich vorab einlesen oder die Stückeinführung besuchen. Das rührt auch daher, dass Kreutzfeldt zu mancher Regie-Freiheit greift, die es bei der Dichte des Abends nicht bräuchte und das Verständnis erschwert. Den Bauern Platon lässt er etwa als Eisbären auftreten, „wunderschön und ein wenig verrätselt, in jedem Fall aber berührend und gleichzeitig auch tieftraurig“ solle die Szene wirken, ist im Programmheft nachzulesen. Mancher Besucher empfindet sie schlichtweg als skurril und unnötig. Weniger wäre gelegentlich mehr.


Fazit: Um Spaß an „Tolstois „Krieg und Frieden“ in der Bühnenversionen von Malte Kreutzfeldt zu haben, muss man sich auf die großen Fragen einlassen wollen, die hinter dem Stück Weltliteratur stehen. Dann wird man um einiges länger als nur drei Stunden vom Theaterbesuch haben.  


Dauer: 185 Minuten (mit Pause); nächste Vorstellungen: jeweils 15 Uhr:  21.06.; jeweils 19.30 Uhr: 25.04./ 09.05./ 13.05./ 16.05./ 19.05./ 27.05./ 28.06./ 08.07.


Der Artikel  ist unter anderem  im Main-Echo erschienen.

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