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Griff zum Wasser statt zum Wein: Eine zufriedene Abstinenz bedeutet, auch ohne Alkoholkonsum glücklich zu sein und zu bleiben.                                                           

Foto: Michaela Schneider

„Kreuzbund als zweite Familie“

Selbsthilfe  Caritas-Fachverband für Suchtkranke und Angehörige besteht in Mainfranken
seit 100 Jahren - erste Gruppe einst in Aschaffenburg – Ein Betroffener erzählt vom Weg in die Abstinenz

 

Von Michaela Schneider

 

Mainfranken „Ein Trinker galt einst nicht als krank, sondern als willensschwach. Erst 1968 erkannte die Weltgesundheitsorganisation Alkoholismus als Krankheit an“, erzählt Harm Noontjes, Vorsitzender des Kreuzbundes in der Diözese Würzburg. Er hat sich intensiv mit der Historie des Selbsthilfe-Caritas-Fachverbands befasst, denn: Vor 100 Jahren wurde die erste Gruppe des Kreuzbundes in Unterfranken gegründet – und zwar von einem Kaplan in Aschaffenburg.

 

„Alkoholismus war eine Schande, über die man nicht sprach“, erzählt Noontjes. Doch das Problem riss vor allem in der Arbeiterschicht ganze Familien ins Elend. Auch der Bruder des Aachener Pfarrers Josef Neumann war Alkoholiker, der Priester erfuhr die verheerenden Suchtfolgen in unmittelbarer Nähe. Und so kam es, dass Neumann im Jahr 1896 einen Verband gründete, der bald als „Kreuzbündnis“ bekannt wurde. Innerhalb weniger Jahre gründeten sich deutschlandweit regionale Kreuzbund-Gruppen. So auch in der Diözese Würzburg. Im August 1912 rief der Aschaffenburger Kaplan Karl Lott  die erste Gruppe in Mainfranken ins Leben. Ab den 20er Jahren bis 1964 sollte er den Posten des Kreuzbündnis-Diözesandirektors innehaben.

 

„Die Gruppengespräche sind damals ähnlich verlaufen wie heute“, vermutet Noontjes. Es ging und geht darum, auf Menschen zu treffen, die die eigenen Probleme verstehen, über diese zu diskutieren und in Krisensituationen füreinander da zu sein. Bei seinen Recherchen fand Noontjes heraus: Bereits Ende des Jahres 1912 gab es zwei Kindergruppen. „Die Idee war, schon Kinder zur Abstinenz zu erziehen. Man dachte, so werde der Alkoholiker eines Tages aussterben“, so der Diözesanvorsitzende. Dem heutigen Prinzip gemein ist: Die Arbeit mit Angehörigen spielt beim Kreuzbund immer noch eine ganz zentrale Rolle. Ab 1968 erfuhr die Gruppenarbeit allerorts einen positiven Schub, denn: Die Weltgesundheitsorganisation erkannte Alkoholismus als Krankheit an, jetzt wurden von den Kassen Therapien übernommen. Heute treffen sich in der Diözese Würzburg jede Woche mehr als 550 Mitglieder und mindestens noch einmal so viele Besucher in rund 50 Selbsthilfegruppen.

 

So auch der 75-jährige Karl-Heinz Rau aus dem Raum Schweinfurt. Seit 25 Jahren lebt er abstinent, bleibt den Kreuzbund-Treffen aber treu, inzwischen als Gruppenleiter. Denn: Nach heutigen Erkenntnissen ist man ein Leben lang alkoholkrank - damit bleibt auch die Gefahr eines Rückfalls immer bestehen. Wie es bei ihm zum Alkoholismus kam? „Diese Frage kann kein Alkoholkranker echt beantworten“, sagt der 75-Jährige. Ehrenamtliches Engagement, das ihm über den Kopf wuchs, Stress im Job und die falsche Erkenntnis, dass der „15. Nothelfer Alkohol“ für Augenblicke über Probleme weghelfe, fasst er zusammen. Sein Chef war es, der ihn dann vor die Wahl Therapie oder Kündigung stellte. Dies sei genau richtig gewesen, sagt Rau, denn: Ein Alkoholiker reagiere nur auf Druck. Das Problem: Gerade Familien bewegten sich häufig längst in einer Koabhängigkeit und deckten den Erkrankten, statt ihm durch Nicht-Helfen bewusst zu helfen.

 

Rau kam zur Entgiftung und trat eine Therapie in einer Rehaklinik an. Er lernte Alternativen für die Freizeitgestaltung kennen und Mittel zur Stressbewältigung. Gewann wieder Selbstachtung. Und machte sich bewusst, was ihm im Leben wichtig ist. In der Zeit nach der Reha hätten ihm die Familie, die neue Anerkennung im Berufsleben und die Gespräche in der Selbsthilfegruppe geholfen - auch wenn ihn bei den ersten Besuchen Angst, Scham und Gehemmtheit begleiteten. Dankbar war Rau daher über die Regel: Jeder entscheidet für sich, ob er bei Treffen reden möchte. Heute ist der Kreuzbund für Rau eine zweite Familie. „In der Gruppe trägt jeder seine eigene Geschichte mit sich. Ich habe das Gefühl: Ich werde verstanden“, sagt der 75-Jährige.

 

i Am 3. Oktober  feiert der Kreuzbund Diözesanverband Würzburg e.V. sein 100-jähriges Bestehen. Los geht es um 10 Uhr mit einem Festgottesdienst, der Festakt findet danach auf dem Schiff „Alte Liebe“ statt.

 

 

Der Artikel wurde unter anderem  im  Fränkischen Tag veröffentlicht.

Infokasten: Selbsthilfegruppen – die Unterschiede

 

Neben dem Kreuzbund gibt es weitere Selbsthilfegruppen mit dem Schwerpunkt Alkoholismus. Evangelische Pendants zu der Caritas-Fachorganisation sind das Blaue Kreuz und die Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe. Konfessionell unabhängig sind die Guttempler wie auch die Anonymen Alkoholiker. Letztere unterscheiden sich von den übrigen Gruppierungen dadurch, dass an den Treffen generell nur Menschen mit Alkoholproblem teilnehmen dürfen. Dabei wird in der Regel nicht diskutiert, sondern die Betroffenen schildern im Monolog ihre Probleme. Anders als beim Kreuzbund handelt es sich bei den Anonymen Alkoholikern um keinen Verband. Zudem nennen Anonyme Alkoholiker bei Gruppentreffen nur ihren Vornamen, im sonstigen Privatleben haben sie keinerlei Kontakt zueinander. Beim Kreuzbund hingegen treten die Mitglieder bewusst aus der Anonymität heraus, treffen sich mit den Familien der Betroffenen und verbringen gemeinsame Freizeit. Dennoch oberster Grundsatz: Was in der Gruppe gesprochen wird, bleibt im Raum.