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„Die große Welt unter einem Dach“

Knauf-Museum in Iphofen feiert im kommenden Jahr seinen 30. Geburtstag - Museumsleiter blickt zurück und in die Zukunft

 

von Michaela Schneider


Im kommenden Jahr wird sich der Geburtstag des Knauf-Museums im unterfränkischen Iphofen zum 30. Mal jähren. Anfangs sollte mancher Experte das Museum belächeln, schließlich wird in der Dauerausstellung kein einziges Original präsentiert, sämtliche Reliefs sind Repliken. Doch längst ist jeder Spott verstummt: Während andere Museen um Besucher kämpfen, konnte das Haus in Iphofen allein in den vergangenen sieben Monaten in der Sonderausstellung „Mythos Bullenheimer Berg“ fast 30000 Besucher begrüßen. In 30 Jahren Museumsgeschichte pilgerten mehr als 800000 Gäste nach Iphofen, um in die großen Kulturen der Weltgeschichte einzutauchen.

Renommierte Museen aus In- und Ausland fragen heute Leihgaben aus dem Knauf-Bestand an, zwischen zehn und 20 Objekte wandern jährlich von Iphofen aus in die Welt. So wird das hiesige Persepolis-Fries zum Beispiel 2013 in der Archäologischen Landesausstellung „Alexander der Große“ in Rosenheim zu sehen sein. 2010 wurde das Museum um einen modernen Anbau für die Sonderausstellungen erweitert.  Für den heutigen Museumsleiter Markus Mergenthaler ist der anstehende Museumsgeburtstag Anlass, auf die Entwicklung in drei Jahrzehnten zu blicken.

 

Tatsächlich basiert das Museum auf einer Idee des Gipsfabrikanten Dr. Alfons N. Knauf. Er widmete sich nicht nur Zeit seines Lebens der wissenschaftlichen Erforschung der Materie Gips, sondern war selbst ein großer Kunstliebhaber. Und so verband er zwei Leidenschaften, als er ab 1973 Originalabgüsse in den großen Museen der Welt wie auch bei Exkursionen an den Originalschauplätzen abformen ließ – vom Stein von Rosette im Britischen Museum und der Gesetzesstele des Hammurabi im Pariser Louvre über Meisterwerke der Ägypter, Griechen, Römer oder Maya bis hin zu Reliefs der Khmer-Tempelanlage Angkor Wat. Von Beginn an stand die wissenschaftliche Arbeit im Zentrum – laut Mergenthaler entstanden in jener Zeit etliche Abgüsse für universitäre Studiensammlungen. Zehn Jahre vergingen, bis mehr als 200 Kunstwerke der Welt abgeformt waren. Die tatsächliche Museumseröffnung Mitte 1983 sollte Ideengeber Dr. Alfons N. Knauf selbst nicht mehr erleben – er verstarb 1982. Doch passte das Museumskonzept nach dem Motto „wir holen die große Welt unter ein Dach“ hervorragend in jene Zeit: Die Gründung fiel laut Mergenthaler in eine Phase, in der keine neuen Kunstsammlungen mehr angelegt wurden. Und: Das Gebäude nahe dem Iphofer Marktplatz – ein Wirtshaus aus dem 17. Jahrhundert – stand schlichtweg leer.

 

Mit der Museumseröffnung war die Grundlage für eine museale Erfolgsgeschichte gelegt. Vor allem die jährlichen Sonderausstellungen ziehen Besucher aus nah und fern an. Im kommenden Jahr wird es vom März bis Juni um „Streifzüge durchs alte Japan“ gehen, aufgehängt an dem deutschen Maler Wilhelm Heine und dem Würzburger Naturwissenschaftler Philipp Franz von Siebold. Von Juli bis November werden dann „Teewege“ in den Blick rücken. Die Ausstellung wird sich um die Historie des Tees, etwa um den Samenhandel, drehen und um allerlei Traditionen. „Ich vermute, dass Tee unser neues Kultgetränk wird“, sagt Museumsleiter Mergenthaler. Vielleicht ist es diese vorausschauende Planung, die regelmäßig tausende Besucher in die Ausstellungen nach Iphofen pilgern lässt. Und deren Qualität. Hier spielt sicherlich mit hinein, dass die Knauf Gips KG bis heute als Mäzen fungiert.

 

Dennoch: Geld macht keine Ideen. Die kämen ihm manchmal in der Nacht, manchmal in der Badewanne, sagt der 39-jährige Markus Mergenthaler schmunzelnd. Im Jahr 2000 hatte er die Museumsleitung von seinem Vorgänger Kurt Schmitt übernommen. Dabei sieht sich der studierte Ethnologe als Vermittler zwischen Wissenschaft und Besuchern, von seinem eigentlichen Fachgebiet habe er sich ganz bewusst verabschiedet. Und tatsächlich ist es gerade in einem Museum der Größenordnung Knauf wichtig, sich breitgestreut einzubringen – gleichzeitig Marketingexperte, Museumspädagoge, Autor und Handwerker zu sein, denn: Der Museumsstellenplan sieht exakt eineinhalb Festanstellungen vor.

 

Stolz schwingt mit, wenn Mergenthaler darauf verweist: Sonderausstellungen entstünden komplett in Eigenregie – lediglich bei statischen Fragen, etwa beim Bau des begehbaren Bullenheimer-Berg-Modells, werde aus Sicherheitsgründen ein Statiker hinzugezogen. Auch inhaltlich unterstütze – je nach Thema – der ein oder andere Experte. Ein Innenarchitekt indes sei nicht nötig, das Wagenmodell aus der Bronzezeit habe er zum Beispiel selbst gebaut. Da kommt Mergenthaler zugute, dass er nicht nur studierter Wissenschaftler, sondern auch gelernter Schreiner ist. Ein wesentlicher Anspruch des 39-Jährigen ist übrigens auch: Von jeder Ausstellung soll etwas bleiben. Und so werden sein gezimmerter Bronzezeit-Wagen und der Ausstellungsfilm zum „Mythos Bullenheimer Berg“ künftig dauerhaft ins Mainfränkische Museum nach Würzburg wandern.

 

Dabei sind Knauf-Repliken heute in aller Welt zu sehen: Das irische Hochkreuz in der Klosterruine Clonmacnoise zum Beispiel ist längst kein Original mehr – dieses befindet sich seit Jahren im Museum.  In der Klosteranlage aus dem 6. Jahrhundert steht eine Knauf-Kopie. Und sogar die peruanischen Botschaft verschönert eine Knauf-Replik der Raimondi-Stele aus der archäologischen Stätte Chavin de Huántar. Zudem haben heute einige der Abgüsse längst wissenschaftlichen Wert. Zum Beispiel das Replik der Glyphentreppe in Copan. Durch den sauren Regen sei das Original heute derart verwittert, dass  die alten Schriftzeichen kaum mehr zu erkennen sind. Wer sie in besserem Zustand erleben möchte, sollte nach Iphofen statt Honduras reisen. Neue Abgüsse entstehen allerdings heute kaum mehr - einer pro Jahr, wenn’s hoch kommt. „Traditionelle Abformungen wie in den 70er Jahren wären heute nicht mehr möglich, teils aus politischen, teils aus konservatorischen Gründen“, betont Mergenthaler. Heute gebe es neue, sehr schonende Scanverfahren, um Repliken zu fertigen.

So konzentriert sich das Knauf-Museum auf neue Aufgaben, zum Beispiel auf regelmäßige Publikationen. Neben den Büchern zu den Sonderausstellungen verweist Mergenthaler auf die Schriftenreihe „Ponte fra le Culture“, zu Deutsch: Brücke zwischen Kulturen. Hier veröffentlichen Wissenschaftler Schriften zu Objekten in der Dauerausstellung - etwa über den Altar der Friedensgöttin Pax Augusta in Rom oder über die Reisen des letzten sächsischen Königs Friedrich August III. in den Sudan. Auch stellt sich das Museum dem digitalen Zeitalter, seit August steht eine neue Museumsseite im Netz, unter anderem mit einem visuellen Rundgang durchs Haus. Zehn bis 15 Prozent der Besucher kämen übers Internet erstmals mit dem Museum in Kontakt, schätzt Mergenthaler.  Dabei will er nicht zu viel und nicht zu wenig zeigen, um zum Museumsbesuch zu motivieren. Zu alten Sonderausstellungen finden sich ausführliche digitale Rundgänge im Netz. Wer sich indes für die jeweils aktuelle Ausstellung interessiert, muss selbst nach Iphofen reisen.

 

Gewandelt haben sich im Laufe der Jahre zudem die Anforderungen der Ausstellungsbesucher – und deren Zusammensetzung. „Auffällig ist: Heute kommen sehr viele Familien zu uns“, beobachtet der Museumsleiter. Auf die jungen Besucher geht das Museumsteam etwa im Rahmen der Audioführungen ein. Während die Eltern wissenschaftlichen Ausführungen lauschen, gibt es für Kinder eigenen Text – ein Skarabäus und zwei junge Ägypter begleiten die kleinen Besucher dabei akustisch durch die alte Kultur. Auch die Objektpräsentation hat sich laut Mergenthaler verändert. Früher genügte eine Einführungstafel, die Objekte selbst standen im Vordergrund, der Besucher Schritt von Vitrine zu Vitrine. Vermisste er eine Information, las er sie anschließend in der eigenen Hausbibliothek nach. „Heute dagegen wollen die Leute nicht mehr selbst entdecken; sie wollen am liebsten mit der Nase direkt auf die Dinge gestupst werden“, sagt der Museumsleiter. Das zeige sich etwa daran, dass Filme in Ausstellungen besonders gut ankommen. Text sollte wohl überlegt sein, denn die Ansprüche seien gestiegen: Ein Museumsbesucher wolle umfassend informiert werden, aber auch nicht zu viel Text lesen.

 

Von November bis Anfang März wird das Knauf-Museum nun zunächst einmal seine Türen schließen. Für Markus Mergenthaler bedeutet dies nicht, dass er ebenfalls in die Winterpause starten wird. Vielmehr beginnt für ihn gerade dann die heiße Vorbereitungsphase für die nächste Sonderausstellung: „Streifzüge durch Japan“.

Der Artikel ist in „Franken. Magazin für Land und Leute“ erschienen.