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Im Räderwerk der Rechtsprechung
Mainfranken Theater Würzburg zeigt beim Theater-Doppelabend Shakespeares
 „Kaufmann von Venedig“ und auf Basis von Originaldokumenten den Justizkrimi „Mollath“


Von Michaela Schneider

Würzburg Auf den ersten Blick könnten Sie kaum unterschiedlicher sein: William Shakespeares Klassiker  „Der Kaufmann von Venedig“ und das dokumentarische, hochaktuelle  Drama „Mollath – Neues von der bayerischen Justiz“. Kunstsprache auf der einen, nüchternes Bürokraten- und Juristendeutsch auf der anderen Seite. Barocker Prunk versus grelle Gerichtssaal- und Psychiatrieatmosphäre. Und trotzdem kreiert Schauspieldirektor Stephan Suschke am  Mainfranken Theater Würzburg aus den zwei Werken einen verdichteten, stimmigen und tiefgehenden Doppelabend. Gerade weil die Uraufführungen mehr als 400 Jahre trennen, erfährt Shakespeares Protagonist Shylock erschreckende Brisanz: Wie der ehemalige Psychiatriepatient Gustl Mollath ist er ein Einzelner, der mit der Mehrheit kollidiert. Wie Mollath gerät er ins Räderwerk einer automatisierten Rechtsprechungsmaschinerie.


Spannend ist dabei die räumliche Trennung, denn nach dem „Kaufmann“ wechseln die Theaterbesucher die Perspektive: Sie sitzen jetzt auf einer Tribüne hinter der Bühne und blicken auf selbige sowie in den Zuschauerraum. Die Ensemblebesetzung indes bleibt die Gleiche – Georg Zeies, zunächst in der Opferrolle  des Shylock - wird jetzt zu Gustl Mollath.

Zunächst ein Blick auf die gekürzte „Kaufmann“-Inszenierung – ein Werk, das auch Shakespeare-Experten bis heute vor Rätsel stellt. Auf der einen Seite ist da die Liebesgeschichte zwischen der reichen Erbin Porzia (Claudia Kraus) und dem Lebemann Bassanio (Sven Mattke), die am Ende ihr Happy End erleben. Auf der anderen Seite steht das verstörende Geschehen um den Juden Shylock. Der überlässt dem verhassten Kaufmann Antonio (Timo Ben  Schöfer) zwar eine hohe Geldsumme, allerdings gegen ein drastisches Pfand: Sollte Antonio das Geld nicht in drei Monaten zurückzahlen, will er dem Konkurrenten ein Pfund Fleisch aus dem Leib schneiden. Am Ende wird Shylock zum Opfer rechtlicher Zwangsgewalt.


Ein Bühnenstück also, das in sich kaum widersprüchlicher sein könnte und bis heute keiner Textgattung zugeordnet werden kann. Genau  hier setzt Suschke an: Das komödienhafte Liebesgeschehen inszeniert er auf der Leinwand (Videobearbeitung: Nikolai Kröhnert) und schmückt es bis aufs Äußerste mit barockem Prunk und Kitsch aus. Da dürfen poppig-barocke Kleider (Kostüme: Angelika Rieck) funkeln und Schmetterlinge fliegen; Schwäne recken sich die Hälse in Herzform entgegen und das Publikum erlebt leidenschaftliche Leinwandküsse. Auf der Bühne selbst indes (Bühnenbild: Momme  Röhrbein) bewegt sich das Ensemble dreidimensional in einer kargen Geschäftswelt über triste Brücken und Treppen im kalten Licht. Mancher Protagonist schafft es dabei, sich zwischen den zwei kontrastreichen Welten zu bewegen, denn Geld macht sexy. Anderen gelingt dies nicht. Eine Kaufmann-Inszenierung also, die sich weder auf das Komödienhafte noch das Verstörende beschränkt, sondern das Viehschichtige, Merkwürdige des Shakespeare-Werks in den Vordergrund rückt. Fürs Publikum kein leichtes, aber sehr konzentriertes Unterfangen.


Nach 100 Minuten Shakespeare und einer Umbaupause folgen gut 60 Minuten hochbrisantes Dokudrama. Dramaturgin Wiebke Melle zieht dafür Originaldokumente zum Fall Gustl Mollath heran – jenem Mann, der eigentlich Schwarzgeldgeschäfte aufdecken will, jedoch wegen eines inzwischen sehr umstrittenen Gerichtsbeschlusses für Jahre in der Psychiatrie  landet.  Verdichtet erlebt das Publikum die Ereignisse bis zum Justizskandal 2013 mit, die an einen überzogenen Krimi erinnern. „Für mich ist es, als steckte ich mitten in einem 007-Film“, sagt Mollath selbst. Immer wieder schütteln Theaterbesucher über Verfahrensfehler und Vetterleswirtschaft den Kopf, über Justizministerin Beate Merks schwammige Zitate sowie über psychiatrische Gutachten, die rein nach Aktenlage erstellt wurden. Das Mainfranken Theater bezieht offen Position pro Gustl Mollath – und bringt das Publikum schon während der Vorstellung zum Raunen und Diskutieren.  


Schauspielerisch ohne Frage eine sehr gelungene Ensembleleistung, trotzdem dominiert den Theater-Doppelabend klar Georg Zeies – erst als Shylock, dann als Mollath. Beide Figuren zeigt er wandelbar, Shylock treibt zunächst der Rachegedanke, Mollath der Wunsch, die Welt zu verbessern,der Wunsch nach Gerechtigkeit. Am Ende jedoch verbinden die beiden Figuren fassungslose Blicke, resignierte Gesten und verzweifeltes Händeringen.


Fazit: Shakespeare und das brandaktuelle Justizdrama „Mollath“ sind für sich sehenswert. Doch gelingt Schauspieldirektor Stephan Schuschke gerade mit der Kombination aus Neuinszenierung und Eigenproduktion ein Theaterabend, der das Publikum – im positiven Sinne - zum Grübeln, Nachdenken und Kopfschütteln bringt.


Dauer beider Stücke (mit Pause) 190 Minuten; nächste Vorstellungen: 18.06./ 27.06./ 03.07./ 11.07./ 13.07. Die zwei Schauspiele können auch einzeln besucht werden, Karten zu „Mollath“ sind nur im Freiverkauf erhältlich.  

Der Artikel  wurde unter anderem im Main-Echo veröffentlicht.

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