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Herrlich gelassen und extrem genügsam
UN rufen 2016 das „Jahr der Kamele“ aus, um auf die Bedeutung der Tiere für den

Menschen aufmerksam zu machen – Ein Besuch bei einem Trampeltier- und Lamabesitzer in den Hassbergen


Von Michaela Schneider
Goßmannsdorf
Kamele sehen die Welt herrlich gelassen und punkten mit ihrem entspannten Wesen. Gleichzeitig sind sie extrem genügsam, weil ihr Körper auf ständiges Energiesparen ausgerichtet ist. Vielleicht machen gerade diese zwei Aspekte den besonderen Reiz der gewaltigen Trampeltiere aus Zentralasien aus in Zeiten, die von Stress und Konsumdenken geprägt werden. Für 2016 haben die Vereinten Nationen das „Internationale Jahr der Kamele“ ausgerufen, um auf deren Bedeutung für den Menschen aufmerksam zu machen. Und dabei geht es nicht allein um Trampeltiere, die hierzulande gemeinhin auch als Kamele bezeichnet werden, sondern um alle sechs lebenden Kamelarten. Denn Dromedare, Kamele, Lamas, Alpakas, Vikunjas und Guanakos gehören mit zu den wichtigsten Nutztieren. Sie dienen als Nahrungs- und Wollquelle sowie als Lasttiere.


Hierzulande zählen sie dagegen zu den Exoten, vor allem auch die zweihöckrigen Trampeltiere. Um die 1500 gebe es in Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen, die meisten davon lebten in Zoos und Zirkussen. In Privatbesitz befinden sich nicht mehr als 200 bis 300 Tiere, schätzt Stefan Lettner aus Goßmannsdorf. Der 47-Jährige weiß wovon er spricht: Er besitzt selbst sechs Trampeltiere sowie 34 Lamas und bietet Wanderungen mit den Tieren an. Die Lettners organisieren Coaching für Chefetagen, aber auch tiergestützte Aktivitäten, etwa für schwer erziehbare Jugendliche oder Menschen mit Behinderung. Inzwischen ist auch das erste Kamel zugeritten.


Wie aber kommt man als Unterfranke aufs Kamel? „Wir lieben Tiere, hatten eine Wiese und wollten Exoten“, erzählt Stefan Lettner. Und so kaufte die sechsköpfige Familie vor gut sechs Jahren vier Lamas. Schnell zeigte sich, dass die Tiere hervorragend als Landschaftspfleger im schwierigen Gelände taugen – auch, weil sie sich mit dem begnügen, was andere Weidenutzer übrig lassen, und gleichzeitig kaum Tritt- und Bissschäden verursachen. „Wir übernehmen mit unseren Tieren die Landschaftspflege für Besitzer von Steilhängen, die sonst keiner bearbeiten will“, erzählt Lettner. Staatliche Fördermittel gibt es dafür allerdings keine.  Vielleicht, weil Lamas hierzulande schlichtweg zu exotisch sind?  Wer Wasserbüffel zur Landschaftspflege in Feuchtgebieten einsetzt, bekommt Fördergelder, hält Stefan Lettner dagegen – und die zählten in Bayern ganz genauso zu Exoten.


Aus vier Lamas wurde eine große Herde, als ein anderer Halter 19 Tiere aufgeben musste. Die Weide hatte sich inzwischen zum beliebten Ausflugsziel für Familien entwickelt. Stefan Lettner, eigentlich ein gelernter Schreiner, war zu jenem Zeitpunkt im Beruf nicht mehr glücklich und beschloss, sich mit den Tieren selbstständig zu machen. Einen langjährigen Traum erfüllte sich der 47-Jährige, als er seine Lamaherde um Trampeltiere erweiterte. Er merkte bald: Bis sich Tier und Mensch vertrauen, kann es bei Trampeltieren dauern. „Dann allerdings sind das unglaublich tolle Tiere, wunderbar entspannt und ruhig“, sagt Lettner. Er bietet inzwischen geführte Kamelwanderungen an und auf Kamel Bruno auch geführte Ausritte. Ein seltenes Angebot, der Unterfranke schätzt, dass es in Deutschland kein Dutzend Betriebe mit reitbaren Kamelen gibt.


Und die sechs Kamele taugen für mehr: Einen Teil der Kamelwolle lassen die Lettners verspinnen. Das allerdings ist ein teures Unterfangen: Fünf Kilo Rohmaterial wurden im vergangenen Jahr zu 2,5 Kilogramm Wolle verarbeitet. Kosten: fast 150 Euro. Bekannte der Familie würden zudem gerne in die Produktion von Kamelmilch einsteigen, die in den Herkunftsländern der Tiere als extrem gesund gilt. In Deutschland allerdings scheitert die Produktion bis dato daran, dass es keine Hygiene-Richtlinien für Kamelmilch gibt. Ein weiterer Bekannter testet Cremes und Seife aus Kamelmilch für Allergiker.


Die „Haßberglamas“ und „Haßbergkamele“ sind inzwischen längst ein Begriff bei Tierliebhabern und Familien in der Region. Rund 120 Touren standen 2015 auf dem Programm, vom Schulausflug bis zur Mehrtagestour.  Aktuell befindet sich ein Management-Coaching mit Lamas im Aufbau, 30 Banker aus Frankfurt haben das neue Angebot bereits getestet. „Das Lama holt raus, was der Mensch vergessen hat“, beobachtet Lettner. In einer Herde herrsche eine klare Rangordnung: Das erfahrenste Tier gehe in der Karawane vorneweg, der Chef laufe ganz hinten, um alle Schützlinge im Blick zu haben. Die „Jungspunte“ bewegten sich mittig im Schutz der Herde.


Gleichzeitig eignen sich die Tiere durch ihr ruhiges Wesen laut dem 47-Jährigen hervorragend für tiergestützte Aktivitäten. Denn anders als zum Beispiel Pferde halten Lamas von sich aus Distanz zum Menschen und sind nie aufdringlich. Bei einer geführten Tour fordert das Tier etwa eine Armlänge Abstand. „Der Mensch kann selbst entscheiden, wann er ein Lama berühren möchte. Wir hatten ein Mädchen mit Down-Syndrom da, das eigentlich Angst vor Tieren hat. Bei den Lamas war es froh um die Distanz und fasste dadurch schnell Vertrauen“, erinnert sich der Goßmannsdorfer. Aufgedrehte Kinder lässt er bei Touren indes gerne das Cheftier am Ende der Karawane führen: „Es muss sich dem Trott des Lamas anpassen und wird runtergeholt.“ Gerade bei schwer erziehbaren Kindern beobachtet er, dass die Angst mitspielt, das Tier könne spucken - auch wenn dies extrem selten geschieht. „Deshalb verhalten sich diese Kinder und Jugendlichen braver als sonst. Dabei merken sie: Verhalte ich mich gegenüber dem Tier anständig, macht es dies mir gegenüber ebenfalls“, erzählt der Lamaexperte. Eine Lektion fürs Leben.       


Mit dem Jahr der Kamele soll aber nicht nur auf domestizierte Tiere und ihre Bedeutung, sondern auch auf Wildtiere aufmerksam gemacht werden. Und um diese steht es gerade mit Blick auf Wildkamele als eine eigenständige, zweihöckrige Art in Zentralasien schlecht. Mit nur noch 600 lebenden Exemplaren sind sie vom Aussterben bedrohter als Panda, Tiger oder Orang Utan. In keinem einzigen Zoo der Erde werden Wildkamele gehalten, die „Genreserve“ fehlt. Für ihren Erhalt setzt sich unter anderem der Verein „Altweltkamele“ ein, in dem auch Stefan Lettner Mitglied ist.

Kati, Stefan und Conny Lettner mit zwei Trampeltieren.

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Fotos: Michaela Schneider


Der Artikel ist unter anderem im Main Echo erschienen.