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Ein Plüschbär für Trik

von Michaela Schneider

 

Der alte Range Rover holperte über die Schotterpiste. Links und rechts rauschten im Fahrstaub tropische Büsche und uralte Baumriesen vorbei. Nele blickte fasziniert aus dem Fenster – und hatte doch ein flaues Gefühl im Magen. Ihr schien es, als führe der Wagen immer weiter aus der Zivilisation heraus in eine Welt, die die junge Frau gleichermaßen faszinierte und bedrückte. Kambodscha: Reich an Natur, Kultur und Geschichte – und doch heute eines der ärmsten Länder der Erde. Innerhalb weniger Jahre hatten die roten Khmer zwischen 1,7 und 2,2 Millionen Kambodschaner – darunter beinahe die gesamte intellektuelle Elite des Landes - ermordet, um die Gesellschaft mit Gewalt in einen Agrarkommunismus zu führen. Gewaltherrschaft und Bürgerkrieg waren irgendwann beendet, das Land öffnete sich Ende der 90er Jahre auch wieder für Touristen – doch die Armut blieb.

 

Nele hatte dem Abflug nach Kambodscha entgegengefiebert. Die Hauptstadt Phnom Penh mit dem prachtvollen Königspalast, Tempeln und Pagoden,  dem Leben am Mekong und dem wüsten Straßenverkehr hatte die Frau gleich in ihren Bann gezogen. Fasziniert war Nele nach dem Weiterflug nach Siem Reap durch das weltberühmte Heiligtum Angkor Wat gestreift und hatte Tempelanlagen im Dschungel besucht. Riesige Feigenbäume schienen hier seit Jahrhunderten den Erzählungen alter Steine zu lauschen, sie hatten ganze Gebäude mit ihren gigantischen Wurzeln fest im Griff.

 

Heute Morgen dann hatte  vor dem Hotel der Range Rover der Patenorganisation gewartet. Drei Jahre war es her, dass Nele eine Patenschaft für die kleine Trik übernommen hatte. Fünf Jahre war das Mädchen damals gewesen, zwei bis dreimal pro Jahr schickte es über die Patenorganisation selbst gemalte Bilder, einmal im Jahr kamen ein Foto des Kinds und ein Brief mit Rahmendaten aus Triks Leben: sechs Geschwister, die Eltern Bauern, ein Haus aus Rohrstöcken mit Blechdach, keine eigene Latrine, ein Bohrbrunnen zum Wasserholen rund 20 Minuten entfernt. Immerhin konnte Trik eine recht nahe Grundschule besuchen.

Als sich Nele während der Fahrt das Leben ihres Patenkinds vor Augen führte, kam sie sich sonderbar schlecht vor mit ihrer Markenuhr, den neuen Trekkingklamotten und der Spiegelreflexkamera im Gepäck.  Jetzt bog der Range Rover von der Schotterpiste auf einen winzigen Fußweg ab. „Wir laufen das letzte Stück“, erklärte Madame Ith, Mitarbeiterin der Organisation. Ein paar Meter am Wegrand entfernt standen drei Mädchen und blickten den beiden Frauen mit großen Augen entgegen. Dann löste sich ein Kind aus der Gruppe, ging auf Nele zu, nahm schweigend ihre Hand und lief los.

 

Bis zum Abend kannte Nele Triks Familie und die kleine Wohnhütte, hatte ihr Lieblingsessen gekostet, ihren Lieblingsbaum im Dschungel kennengelernt und auch das kleine Hündchen, das der Familie zugelaufen war.  Sie war von der Dorfgemeinschaft mit Applaus begrüßt worden. Sie hatte Triks Schule besucht. Und hatte mit der Kleinen und ihren Geschwistern Ball gespielt. Darüber hatte sie die Zeit völlig vergessen.

 

Als Nele Trik zum Abschied einen kleinen Teddybär überreichte, strahlten die Augen des Mädchens voller Erstaunen, ganz vorsichtig nahm sie das Plüschtier dann in den Arm und streichelte die Hand ihrer Patin. In dem Moment blitzte in Nele die Erinnerung ans letzte Weihnachtsfest auf, als ihre Nichte – überladen von Geschenken – Plüschhund Max ausgepackt, kurz begutachtet und dann achtlos in eine Ecke gesetzt hatte. Da saß er auch noch beim nächsten Besuch. In dem Moment war sich Nele nicht mehr sicher, wo genau die Grenze zwischen Arm und Reich eigentlich verläuft.

Die Kurzgeschichte ist im Liboriusblatt erschienen.