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Freiheit als Worthülse
Uraufführung Mit „Kafka 2.0.“ projektiert Autor und Regisseur Björn Gabriel Franz Kafkas Gedanken
am Mainfranken Theater in eine Gegenwart des Datensammlungswahns und gläsernen Bürgers


Von Michaela Schneider
Würzburg  
Zwei düstere Typen mit Strumpfmasken empfangen das Publikum. Manche Gäste werden direkt in den Zuschauerraum gewunken. Andere nicht. Um 360 Grad drehen, Hände an die Wand lautet die nonverbale Anweisung. Erst, nachdem man mit Blicken durchleuchtet ist, wird der Weg in die Kammerspiele des Mainfranken Theaters in Würzburg freigegeben. Mit „Kafka 2.0“ projektiert Autor und Regisseur Björn Gabriel Franz Kafkas Gedankenwelt in eine Gegenwart des Datensammlungswahns und gläsernen Bürgers.


Der Kölner Schauspieler macht sich seit 2009 auch als Regisseur einen Namen, 2015 wurde er mit dem Petra Meurer Preis für innovative Theaterinszenierungen ausgezeichnet. Mit „Kafka 2.0“ arbeitet Gabriel zum ersten Mal mit dem Mainfranken Theater zusammen, bringt hier als Autor und Regisseur sein eigenes Werk zur Uraufführung. Als Basis dienen ihm Kafkas Tagebucheinträge, Briefe, Erzählungen und Romanfragmente. Seine Figuren rebellieren nicht gegen die Obrigkeiten, gegen Ungerechtigkeiten und die eigene Ohnmacht, sondern fügen sich den äußeren Umständen. Diesen Gedanken transportiert Gabriel in die Gegenwart. „Wir denken absurderweise, dass wir unsere Entscheidungen selber treffen“, sagt Claudia Kraus auf der Bühne.


Zunächst liegt der Fokus vor allem auf dem Thema Vorratsdatenspeicherung. Dann lässt Björn Gabriel seinen Protagonisten auf der euphorischen Suche nach Freiheit nach Amerika reisen. Doch Edward Snowdens Bild hängt schief. Die Menschen flüchten – vor allem vor sich selbst. Folterbilder blitzen über die Leinwand. Vor dem Gesetz steht längst ein Türhüter. Freiheit, Menschenwürde und Privatsphäre verkommen zu leeren Worthülsen – auf den Punkt gebracht von Timo Ben Schöfers kabarettistischem Monolog, in dem er Zitate und Phrasen ad absurdum zusammenbastelt.  

Dabei arbeitet Regisseur Gabriel mit Bühnen- und Kostümbildnerin Stefanie Dellmann und Videokünstler Tilmann Oestereich zusammen, verwischt sämtliche Grenzen zwischen Fiktion und Realität. Das Würzburger Publikum prallt auf eine schier die Luft nehmende multimediale Dichte. Wie im Film Matrix rauschen die Datenströme über eine bühnengroße Leinwand; der Ton ist überlaut, so dass in der folgenden Stille der Schrei einer Krähe Gänsehaut macht. Immer wieder werden die Worte „Collecting Data now“ eingeblendet, die Kamera richtet sich aufs Publikum, scannt Zuschauer auf der Suche nach „critical behaviour“, zu Deutsch „kritischem Verhalten“.


Daniel Ratthei, Claudia, Kraus, Alexander Hetterle und Timo Ben Schöfer spielen Franz eins bis vier natürlich live – allerdings die meiste Zeit hinter der Videoleinwand vor Videokameras. Die Bilder werden live auf die Leinwand geworfen und vermischen sich mit vorab eingespielten Szenen. Der Zuschauer wird selbst zum datensammelnden Beobachter. Dann bricht das Ensemble aus der Bühne aus, bewegt sich im Zuschauerraum. „Das ist ein Schauprozess. Du bist das Beispielopfer. Sie wollen die da!“ tönt es Franz entgegen, ehe Alexander Hetterle mit einer grellen Lampe in der Hand durchs Publikum läuft, einem nach dem anderen ins Gesicht leuchtet, jeden durchleuchtet.  


Björn Gabriel projektiert Kafka in eine Gegenwart, in der die Menschen ebenso wenig frei in ihrer Persönlichkeitsentwicklung sind, wie es ein Josef K. in „Der Prozess“, der Landvermesser K. in „Das Schloss“ oder Karl Rossmann in „Der Verschollene“ waren. Zig Bruch- und Baustücke formen sich in den Kammerspielen zum beklemmenden Gesamtbild, Gabriel betitelt sein Werk als „eine Collage aus fiktiv-realen Szenen“. Eine Uraufführung, die beim Publikum bewusst kein gutes Gefühl hinterlässt, doch beeindruckt.


Dauer: 85 Minuten (ohne Pause); 20 Uhr:  25.02./ 04.03./ 10.03./ 19.03./ 30.03./ 06.04./ 13.04./ 20.04./ 30.04./ 13.05./ 22.05.

Der Artikel  ist unter anderem  im Main-Echo erschienen.