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Von Michaela Schneider

 

Oberschwarzach „Sehr viel ´irgendwie`, ´gewissermaßen` und ´würde`; ´von` mit Dativ statt mit Genitiv“: Handschriftlich ist dies im Einband von Hermann Hesses „Der Steppenwolf“ vermerkt. Die kritischen Notizen im Werk des Nobelpreisträgers hatte sich einst kein geringerer als Schriftstellerkollege Emil Erich Kästner gemacht. Und das Büchlein, das einst in der Privatbibliothek des 1974 verstorbenen Literaten, Dichters und Kinderbuchautoren stand, befindet sich heute – mit Kästners gesamtem Nachlass – im Haus Steinmühle im unterfränkischen Oberschwarzach. Hier stehen und liegen Bücher, Schreibmaschine,  Kleidung und Möbel nicht in Vitrinen oder hinter Glas. Die Erich-Kästner-Bibliothek ist ein kleines, aber sehr lebendiges Museum über einen Schriftsteller zum Anfassen. Jung und Alt können – nach Anmeldung - in Kästners Büchern schmökern und handschriftliche Notizen und Widmungen entdecken. Wer mag, darf Kästners Hut, seine Brille und sein Jackett anziehen. Und kann sich anschließend am Original-Schreibtisch an jene Schreibmaschine setzen, auf der unzählige Gedichte, Drehbücher, mancher kritische Text, Romane und unvergessene Kinderbuchklassiker wie „Emil und die Detektive“, „Das doppelte Lottchen“ oder“ Das fliegende Klassenzimmer“ entstanden.

 

Wie aber gelangte der Nachlass des gebürtigen Dresdners ausgerechnet ins Fränkische - und nicht etwa in eine von Kästners Wahlheimaten Leipzig, Berlin oder München? Ein Telegramm im Jahr 1974, kurz bevor der Literat in München starb, war ausschlaggebend. Damals gründete eine Gruppe Pädagoginnen ein heilpädagogisch-therapeutisches Kinderheim im unterfränkischen Mainbernheim. Entstehen sollte ein Ort, an dem traumatisierte Mädchen und Buben nach schrecklichen Erlebnissen wieder Kind sein können. Heute gehören zum Erich-Kästner-Kinderdorf sieben Kinderfamilienhäuser im Unterfränkischen für Mädchen und Jungen zwischen zwei und 21 Jahren, zwei heilpädagogische Tagesstätten und eine kleine, heiminterne Schule.

 

Doch zurück ins Jahr 1974. Was damals zur Gründung fehlte, war ein Titel für das Kinderdorf. „In einem Brief fragten wir bei Erich Kästner an, ob wir seinen Namen verwenden dürfen“, erinnert sich eine der drei Kinderdorfleiterinnen, Gunda Fleischhauer. Eine Antwort kam per Telegramm in aller Kürze: „Bin mit Kinderdorfernennung einverstanden. Erich Kästner.“ Er sei ein herausragender Schriftsteller gewesen, der tolle Kinderliteratur verfasst habe. Doch vor allem war die Haltung des Dresdners gegenüber den Kleinsten der Gesellschaft ausschlaggebend für die Namenswahl. „Erich Kästner hatte Hochachtung und Respekt vor Kindern“, betont Fleischhauer. Mehrfach sind in den Räumlichkeiten im Haus Steinmühle die weltberühmte Worte des Literaten zu lesen: „Jeder Mensch gedenke immer seiner Kindheit.“  In zahlreichen Vorworten habe Kästner die Sorgen und Nöte der Kleinen thematisiert, sagt die Kinderdorfleiterin; und zwar in einer Zeit, als dies noch längst nicht üblich war. Seine Romanfiguren seien ein tolles Vorbild für Kinder – jene kleinen Helden, die durchaus auch einmal Unsinn machen, Schwächen eingestehen und Mut beweisen. Und: Er zeichnet kein perfektes Bild von Erwachsenen.

 

Durch die Benennung der neuen Einrichtung in Erich-Kästner-Kinderdorf sollte das Pädagogen-Team in Franken Kästners langjährige Lebensgefährtin Luiselotte Enderle kennenlernen. Dennoch kam die Nachricht nach ihrem Tod im Jahr 1991 überraschend: Enderle überlies ihren gesamten Nachlass dem Trägerverein Erich Kästner Kinderdorf e.V. „zur Pflege des Namens Erich Kästners und der geistigen und körperlichen Pflege der Kinder“. Im Erbe enthalten: das gesamte Inventar des letzten Wohnsitzes in der Flemingstraße 52 in München – und damit all jene Dinge, mit denen sich Erich Kästner und Luise Enderle bis zu ihrem Tod umgeben hatten. Inklusive rund 10000 Büchern. Neben Kästners eigenen Werken – darunter zahlreiche Erstausgaben – fanden sich unter anderem etliche Fachbücher, vor allem auch zu historischen Themen und viele Klassiker der Literatur. Luise Enderle hatte sich zudem sehr für Kunst und französische Literatur interessiert. Widmungen zeigen hier: Zahlreiche Werke bekam sie wohl geschenkt. Kästner selbst kommentierte viele Ausgaben – siehe die kritischen Anmerkungen zu Hermann Hesses „Steppenwolf“.

 

Bereits 1990, ein Jahr vor Enderles Tod, hatte das Kinderdorf  eine alte, renovierungsbedürftige Mühle in Oberschwarzach gekauft. Nach längerer Überlegung stand fest: Hier sollten nicht nur Büro- und Gemeinschaftsräume einziehen. In der alten, benachbarten Tenne – so die Idee – sollte eine Bibliothek entstehen, die die Lebenswelt von Erich Kästner und Luiselotte Enderle möglichst anschaulich wiederspiegelte.

 

Gunda Fleischhauer erinnert sich noch gut daran, wie sie mit ihren Kollegen und einem Schwung Kinder die Wohnung in München betrat, um den Nachlass abzuholen: „Überall – im Bad, im Keller, in jeder Stube – lagen Bücher.“ Da stand echter Kristall neben einem Kirmesglas. Alte Koffer, Kleider, Bilder und Fotografien fanden sich, Ruheinseln für die Katzen Pola und Lollo, verschiedene, schöne Möbelstücke und im Garten gar eine Straßenlaterne. „Die Beiden hatten gelebt, nicht wie es üblich war, sondern wie es Ihnen gefiel“, sagt die Kinderdorfleiterin.

 

Dieses Ambiente lebt nun in der alten Tenne in der Steinmühle fort, Fleischhauer spricht von einem „Hauch aus München“: Bücher stehen nicht nur in Regalen, sondern liegen auch verteilt auf Tischen und Kommode. Ein Katzenkörbchen und ein altes Schaukelpferd stehen herum, die Straßenlaterne leuchtet und Kästners Kleidungsstücke warten auf die Anprobe. Dazwischen Objekte aus neueren Zeiten – Kästner-Verfilmungen, eine „Emil und die Detektive“-Uhr, Tassen oder ein „Das doppelte Lottchen“-Puzzle. Ein Museum, nicht wie es üblich ist, sondern, wie es Erich Kästner gefallen hätte. So dürfen die kleinen Bewohner des Kinderdorfs unbeaufsichtigt in den Bibliotheksräumen spielen, erzählt Kinderdorfleiterin Daniela Huhn. Das Pädagogenteam lege ganz bewusst Wert auf einen nahen, unverkrampften Umgang mit dem Literaten und seinem Nachlass. Da werden, wenn der Löwenzahn blüht, auch einmal die Fenster der Bibliothek geöffnet, damit Kästner hinausschauen kann. Hält ein Kind ein Referat über den Autor, ist es selbstverständlich, dass Hut und Brille mit in die Schule wandern. Und ein Bub brachte den unkonventionellen Umgang mit dem großen Literaten vor einiger Zeit mit der Frage auf den Punkt: „Wie heißt der Typ nochmal mit der Brille, der da drüben wohnt?“

 

Auch Besucher sind in der Erich-Kästner-Bibliothek nach Voranmeldung jederzeit willkommen. Mal kommen Schulklassen vorbei, um Erich-Kästner-Luft zu schnuppern, mal ganze Busse und dann wieder privat einzelne Erich-Kästner-Fans. Auch Seminararbeiten sind hier laut Daniela Huhn schon entstanden. Eine größere Projektarbeit etwa gingen kürzlich Studenten der Würzburger Universität vom Lehrstuhl für Didaktik an: Sie erarbeiteten im Rahmen ihrer Zulassungsarbeiten, wie man das Leben und Werk des berühmten Schriftsteller Schülern nahe bringen kann. Das Ergebnis präsentierten sie im Frühsommer 2012: Lehr-Lern-Materialien, fertig für den Einsatz im Unterricht. Wünschen würde sich Daniela Huhn nun, dass sich ein Wissenschaftler findet, der noch tiefer in die Erforschung des Nachlasses eintaucht. Zwar sind alle Bücher erfasst und in einem Onlinekatalog einsehbar, aber: „Mich schmerzt ein bisschen, dass sich zum Beispiel noch niemand intensiv mit dem Widmungen in den Werken auseinandergesetzt hat.“

 

Doch was nicht ist, kann noch werden. Das Kinderdorfteam setzt alles daran, dem Wunsch von Luise Enderle nachzukommen und den Namen Erich Kästners zu pflegen. Einmal pro Jahr im Herbst rufen die Pädagoginnen deshalb die Kästnerwoche aus – fünf Tage lang stehen  Literatur, Musik und Kabarett in Oberschwarzach rund um Erich Kästner auf dem Programm sowie Kultur, die auch dem Literaten gefallen hätte. Und ob es nun um die Bewahrung des Kästner-Andenkens oder das Engagement für traumatisierte Kinder geht, ist doch eines gewiss: Das Team in Oberschwarzach lebt Kästners Motto „Es gibt nichts Gutes. Außer man tut es.“

 

„Bin mit Kinderdorfernennung einverstanden. Erich Kaestner“

 

 

          

Erich Kästners Schreibmaschine und Brille  - zu sehen in der Bibbliothek im Kinderdorf.                                                                                                                                                 

 Fotos: Michaela Schneider

Das Kinderdorfteam.

 

„Jeder Mensch gedenke immer seiner Kindheit“

 

(Erich Kästner)

Blick in die Erich-Kästner-Bibliothek.

 

Alte Ausgabe eines großen Klassiker.

Erich Kästners Brille darf - wer mag - auch einmal aufsetzen.

Zitat eines großen Schriftstellers und Freigeists.

Der Artikel ist in „Franken. Magazin für Land und Leute“ erschienen.

Auch Schriftstellerkollegen haben das Erich-Kästner-Archiv schon besucht - zum Beispiel Kinderbuchautor Paul Maar.