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Hexenbrenner - oder doch Hexenretter?
Historiker Robert Meier entdeckt neue Quellen und bringt das gängige Julius-Echter-Bild ins Wanken


Von Michaela Schneider
Wertheim/Würzburg  
Im Sommer 2014 macht Historiker Robert Meier im Staatsarchiv Wertheim einen Fund, der das Geschichtsbild manches Landeskundlers ins Wanken bringt: Im Schriftverkehr zwischen dem Zentamt Remlingen und der Kanzlei des Hochstifts Würzburg tritt Fürstbischof Julius Echter (1545 – 1617) nicht als „Hexenbrenner“, sondern eher als „Hexenretter“ auf. Der 49-Jährige beginnt zu forschen und findet Erstaunliches heraus: Quellen, die bislang das Echterbild prägten, könnten polemische Schriften sein und schon zu Lebzeiten den Ruf des Fürstbischofs geprägt haben.  


Fürstbischof Julius Echter polarisiert bis heute. Warum eigentlich?

Robert Meier: Die meisten Menschen verbinden Julius Echter mit einem Kirchenbild des 19. Jahrhunderts. Wer fortschrittlich sein will, meint, er müsse gegen den katholischen Kirchenfürsten sprechen. Wer sich in konservativen Kirchenkreisen bewegt, verteidigt Echter aus dem Bauch heraus. Interessant ist: Es gibt keine aktuelle, ausführliche Echter-Biographie, weil sich kein Historiker an diesen Mann herangetraut hat. Auch die Würzburger Hexenverfolgung wurde nie richtig wissenschaftlich aufgearbeitet.


Das wollen Sie ändern, Auslöser war ein Fund im Staatsarchiv Wertheim. Was genau machen Sie da?  

Meier: Ich arbeite in einem auf fünf Jahre angelegten Projekt für das Staatsarchiv Wertheim. In den 80er Jahren zog dieses ins Kloster Brombach um, damals wurden sämtliche Dokumente und Unterlagen aus Jahrhunderten in Kisten gepackt. Ich sichte die Bestände und dokumentiere sie. Die älteste Urkunde, die ich bislang gefunden habe, ist aufs Jahr 1330 datiert. Die Arbeit ist spannend, denn ich öffne zum Teil Kisten mit Schriften, die 500 Jahre lang niemand angeschaut hat.


Dabei stießen Sie im Sommer 2014 auch auf Unterlagen zu Julius Echter?

Meier:  Genau genommen stieß ich auf Prozessakten, Verhörprotokolle sowie den Schriftwechsel zwischen der Kanzlei des Hochstifts Würzburg und den Amtsleuten im Zentamt Remlingen aus den Jahren 1612 bis 1617. Dabei wurde ich stutzig, denn Julius Echter, der ja gemeinhin gern als „Hexenbrenner“ betitelt wird, trat in den Schriftstücken eher als „Hexenretter“ auf. Während die Dorfbewohner Mitbürger  der Hexerei beschuldigten und das Zentamt auf Folterung und Hinrichtung drängte, forderte Echters Kanzlei ordentliche Verfahren, mehr Indizien und Freilassungen.

 

Stehen diese Ereignisse nicht im Gegensatz zu den zeitgleichen Geschehnissen in Gerolzhofen als einer anderen Gemeinde im Hochstift Würzburg?

Meier: Doch, sicher, das machte mich stutzig und ich begann zu recherchieren. In Gerolzhofen starben zu jener Zeit bereits zahlreiche Menschen durch Hexenprozesse. Als Beleg für Echters Rolle gilt die sogenannte „Erzehlung“ in der Flugschrift aus Tübingen, darin wird er als der Hexenbrenner schlechthin dargestellt. Bisher wurde das Dokument wie eine amtliche Verlautbarung betrachtet. Ich glaube aber, dass es sich um Literatur handelt.


Wie kommen Sie darauf?

Meier: Ich habe die Flugschrift in der Zentüberlieferung nicht finden können. Wenn es sich um ein amtliches Dokument gehandelt hätte, müsste sie hier liegen. Außerdem stimmen die Termine in der Flugschrift nicht mit den Terminen der Prozesse aus Gerolzhofen überein, die Unterlagen hierzu liegen im Staatsarchiv Würzburg. Meine Vermutung ist deshalb, dass der Verfasser Julius Echter bewusst für die Ereignisse in Geroldshofen verantwortlich machen wollte. Wahrscheinlicher aber ist meiner Ansicht nach, dass diese vom Zentgrafen in Geroldshofen ausgingen, der sich durch die Prozesse selbst bereicherte. Julius Echter hat die Ereignisse nicht gestoppt und - keine Frage -, damit zeichnet er dafür auch verantwortlich. Doch vermutlich wusste der Zentgraf genau, mit welchen Formulierungen er arbeiten musste, damit Echters Kanzlei den Folterungen und Hinrichtungen zustimmte. Die Schwierigkeit mit Blick auf Geroldshofen ist: Hier gibt es keine Akten mehr vom Zentgericht. Dadurch fehlt die Sicht der Gemeinde. Dass beide Seiten zu Wort kommen, macht die Aktenlage in Remlingen so einzigartig.


Aber im Tagebuch des Würzburger Tuchscherers Jakob Röder wird doch ebenfalls eine Verbindung zwischen Echter und der Hexenverfolgung hergestellt, oder?

Meier: In Echters Todesjahr 1617 notiert Röder in seinem Tagebuch, dass von der Kanzel im Dom das Verbrennen von mehr als 300 Hexen binnen eines Jahres verkündet worden sei, das stimmt. Allerdings wissen wir weder, wer auf der Kanzel stand, noch auf welchen Raum sich die Zahl 300 bezog. Was wir indes wissen ist: In Würzburg selbst gab es in der Echterzeit keine einzige Hexenverfolgung, das spielte sich alles außerhalb der Stadt ab.


Spannend. Wie reagieren denn die Menschen auf ihre Recherchen?

Meier: Extrem unterschiedlich, weil dabei nun mal nicht herauskommt, was viele Menschen hören möchten. Manch einer reagiert, als würde ich den Holocaust verleugnen. Ich begründe ganz bewusst nur mit Quellen. Jetzt suche ich nach weiteren Überlieferungen von Zehntgerichten. Ich hoffe, dadurch eine Antwort auf die Frage zu erhalten, ob Remlingen oder Geroldshofen der Normalfall in der Echterzeit war. Gingen Verfolgungen von der Obrigkeit aus oder von den Ortschaften selbst?

Der Artikel  ist unter anderem  in den Fränkischen Nachrichten erschienen.

Historiker Robert Meier zeigt in Kopie ein Dokument aus dem Schriftwechsel zwischen dem Zentamt Remlingen und Julius Echters Kanzlei.


Foto: Michaela Schneider