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Mit dem Teddybär auf der Flucht

Zeitgeschichte Eine Sonderausstellung im Johanna-Stahl-Zentrum
beleuchtet Schicksale jüdischer Kinder in Würzburg zwischen 1920 und 1950

 

Von Michaela Schneider

 

Würzburg Sein Kindermädchen half Hans Schwabacher, zu überleben. Immer wieder organisierte es neue Unterkünfte in Familien und Klöstern rund um Würzburg, um den Jungen und seine zwei Brüder vor den Nationalsozialisten zu schützen. Denn: Hans‘ Vater war Jude, seine Mutter – einst eine Katholikin - war zum Judentum konvertiert. „So genannte Halbjuden wie Hans stuften die Nationalsozialisten als Geltungsjuden ein“, erzählt Dr. Rotraud Ries, Leiterin des Johanna-Stahl-Zentrums für jüdische Geschichte in Unterfranken. „Sie standen unter ständiger Beobachtung und wussten nicht: Sind wir auch noch dran?“ Biographien wie jene von Hans Schwabacher –  heute nennt er sich John und lebt in den USA – bilden die Grundlage einer Sonderausstellung, die ab Mitte April im Johanna-Stahl-Zentrum zu sehen sein wird. „jung – jüdisch – unerwünscht“ wird sie betitelt sein und sich um jüdische Kinder aus Unterfranken in der Zeit zwischen 1920 und 1950 drehen. Dabei im Fokus: Einzelschicksale wie jenes von Hans Schwabacher.

 

Möglich wurde die Ausstellung in dieser Form erst, weil die Stadt im April 2012 jüdische Zeitzeugen aus Israel, den USA und Südamerika eingeladen hatte, die einen Teil ihrer Kindheit in Würzburg verbracht hatten. Einige von ihnen waren während der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft mit der Familie oder mit Kindertransporten ins Ausland geflohen, andere hatten die Gräuel der Konzentrationslager überlebt. Insgesamt 23 überlebende Juden folgten zusammen mit ihren Familien der Einladung der Stadt in die einstige Heimat. Für Dr. Rotraud Ries und ihre Kollegin Stefanie Neumeister eröffnete sich dadurch –  technisch unterstützt vom Lehrstuhl für Europäische Ethnologie/Volkskunde der Würzburger Universität - die Chance für eine groß angelegte Zeitzeugenbefragung.

 

Das Resultat: 16 Videointerviews und ein Audiointerview mit Längen zwischen 30 und 90 Minuten. „Teils sprachen wir mit ‚Interview-Profis’, die ihre Geschichte schon vielfach erzählt hatten. Teils redeten die Gäste indes zum allerersten Mal über ihre Kindheit in Würzburg und ihr Schicksal, manches hörten selbst Angehörige während der Interviews zum ersten Mal. Wir erlebten viele, sehr emotionale Momente. Ich hatte das Gefühl, dass diese Menschen über ihre Schicksale sprechen möchten“, erzählt Stefanie Neumeister. Dabei ging es in den Interviews vor allem um Würzburg und die Umstände der Emigration oder Deportation.

 

Der Ausstellungsfokus indes wird auf ganz Unterfranken liegen und sich – jeweils anknüpfend an einzelnen Biographien - um folgende Komplexe drehen: Um die Emigration mit den Eltern oder mit Kindertransporten, um Deportationen und die Ermordung jüdischer Kinder und Jugendlicher, ums Überleben in Konzentrationslagern und in Verstecken sowie um die zeitweilige Rückkehr in die einstige Heimat nach 1945. Auf Texttafeln werden Hintergründe und Zusammenhänge erklärt, Videoausschnitte zeigen Passagen der Zeitzeugeninterviews. Zudem wird Ausstellungsbesuchern ein Einblick in den jüdischen Kinderalltag ab etwa 1920 ermöglicht –  vom Schulbesuch bis hin zu religiösen Festen und Bräuchen.

 

Und auch Würzburger Zeitgeschichte wird in den Einzelschicksalen greifbar. So befand sich Hans Schwabacher auch am 16. März 1945 während der Bombardierung der Stadt in Würzburg. Nach seiner Auswanderung fertigte er in der Schule eine Zeichnung mit einem kleinen Essay zu seinem Fluchtweg an. Das beeindruckende Dokument wird in der Sonderausstellung zu sehen sein. Ebenso zum Beispiel der Fluchtrucksack von Helen Feingold aus Aschaffenburg, das Sonntagsgeschirr einer jüdischen Familie aus Schonungen oder das Foto des Teddybären von Hans Hanauer. Mit einem Kindertransport flüchtete der Bub 1939 nach England und lebte dort bei einer Pflegefamilie. Seine leiblichen Eltern wurden deportiert, er sollte sie nie wieder sehen. Der Teddy und einige Briefe blieben ihm als einzige greifbare Erinnerung an seine Kindheit in Unterfranken.

Der Artikel ist unter anderem im KulturGut erschienen.

Mitten in den Ausstellungsvorbereitungen: Dr. Rotraud Ries und Stefanie Neumeister.

Foto: Michaela Schneider

Über die Ausstellung

 

Die Ausstellung „jung – jüdisch - unerwünscht“ wird am 11. April um 19.30 Uhr im Johanna-Stahl-Zentrum in der Valentin-Becker-Straße 11 eröffnet. Zu sehen ist sie dann vom 12. April bis zum 13. Oktober, Montag bis Donnerstag zwischen 10 und 16 Uhr sowie Freitag zwischen 10 und 14 Uhr. Führungen finden zudem an folgenden Sonntagen jeweils um 11 Uhr statt: 14. April, 12. Mai, 9. Juni, 14. Juli, 11. August, 8. September und 13. Oktober. Zudem wird es ein Begleitprogramm geben mit Vorträgen, Zeitzeugengesprächen, Filmvorführungen und Lehrerfortbildungen. Details im Internet unter www.johanna-stahl-zentrum.de