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Künstler, die Patientenmorden zum Opfer fielen
Ausstellung „Ich. Mein Selbst. Selbstbilder aus psychiatrischen Anstalten“ im
Martin-von-Wagner-Museum in Würzburg zeigt Outsider-Kunst –Alle neun Männer im Nationalsozialismus getötet


Von Michaela Schneider
Würzburg
Wilhelm Werner (1898 – 1940) wurde im Jahr 1919 mit der Diagnose “Idiotie“ in die Heil- und Pflegeanstalt Werneck eingeliefert. Als Kind hatte der Mittelfranke wohl neben einer einfachen Schulbildung auch Zeichenunterricht erhalten. Zwischen 1935 und 1938 wurde Werner in Werneck operativ sterilisiert. In den nächsten Jahren nutzte er die Kunst, um sich mit dem Zwangseingriff auseinanderzusetzen – zeichnete Ärzte und Krankenschwestern mit riesigen chirurgischen Instrumenten, aber auch Patienten in puppenartigen Szenarien. Im Herbst 1940 wurde Werner im nationalsozialistischen Regime in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein nach Sachsen verlegt und ermordet. Jetzt sind einige seiner sowie weitere Arbeiten von insgesamt neun Künstlern in der Gastausstellung „Ich. Mein Selbst. Selbstbilder aus psychiatrischen Anstalten“ im Martin-von-Wagner-Museum in Würzburg zu sehen.


Alle Künstlern verbindet ein tragisches, gemeinsames Schicksal: Sie wurden in den Jahren 1940/41 Opfer  der systematischen Krankenmorde der Nationalsozialisten. Die Ausstellung organisiert hat der Arbeitskreis Würzburger Stolpersteine, Kuratorin ist die Kunsthistorikerin und Kulturwissenschaftlerin Dr. Bettina Keß. Zur Verfügung gestellt hat die Leihgaben das Universitätsklinikum Heidelberg.


Wie aber waren die Arbeiten einst nach Heidelberg gelangt? In den Jahren nach dem ersten Weltkrieg erhielt Hans Prinzhorn (1886 – 1933) von der Psychiatrischen Klinik Heidelberg den Auftrag, Gemälde, Zeichnung, Collagen, Skulpturen, aber zum Beispiel auch Texte von Psychiatrie-Patienten zusammenzutragen. Der junge Psychiater arbeitet damals als Assistenzarzt, hatte zudem Kunstgeschichte studiert. Anders als viele seiner Kollegen wollte er die Arbeiten daher nicht allein zur Diagnose nutzen, sondern beurteilte sie auch nach ihrem künstlerischen Wert. Hans Prinzhorn legte seinerzeit die Grundlage zu einer einzigartigen Sammlung. Einige Objekte aus der Sammlung Prinzhorn sind heute in Heidelberg im gleichnamigen Museum zu sehen. Und auch das internationale Interesse an der sogenannten „Outsider-Kunst“ ist aktuell groß, regelmäßig fragen Museen aus aller Welt Leihgaben an.


Dabei geht es heute  allein um den künstlerischen Wert und – wie in der Würzburger Ausstellung – um die zeitgeschichtliche Einordnung der Arbeiten. Diagnosen oder Krankheitsbilder indes, so die Wissenschaft heute, lassen sich von den Werken nicht ableiten. So unterschiedlich die Arbeiten sind, geben sie dennoch interessante Einblicke, denn die Künstler setzen sich mit der eigenen Person auseinander, mit Ängsten und Nöten, aber zum Beispiel auch mit dem Alltag in Heil- und Pflegeanstalten. Bei der Werkauswahl legte Kuratorin Keß jedoch ganz bewusst Wert darauf, nicht nur bedrückende Motive zu zeigen. „Die Ausstellung ist gleichzeitig eine sehenswerte Kunstausstellung“, sagt sie, fügt an: „Lässt man sich auf die Inhalte und Schicksale ein, merkt man aber natürlich rasch, dass mehr dahinter steckt.“


Der prominenteste Künstler in der Ausstellung dürfte Paul Goesch (1885 – 1940) sein. Sein Selbstporträt ist auf den Ausstellungsplakaten zu sehen. Goesch hatte als Architekt gearbeitet, aber auch Kunstgeschichte studiert. Bekannt war er seinerzeit für seine expressionistische Architektur. Nach mehreren Nervenzusammenbrüchen lebte er Jahrzehnte in verschiedenen Sanatorien und erlangte als schizophrener Künstler einen gewissen Kultstatus. Dieser allerdings wurde ihm unter den Nationalsozialisten zum Verhängnis, denn Goesch geriet früh in die Mühlen der sogenannten „rassenhygienischen Studien“ und wurde zum entarteten Künstler erklärt. Im August 1940 wurde er im Rahmen der so genannten„T4-Aktionen“ ermordet.


Hintergrund:  Menschen mit psychischen Erkrankungen, Behinderungen, aber zum Beispiel auch Pflegebedürftige  waren unter der Terrorherrschaft der Nationalsozialisten zu „lebensunwertem Leben“ erklärt worden. Im Oktober 1939 verfügte Hitler, „unheilbar Kranken (solle) der Gnadentod gewährt werden“. Zuständig für das Mordprogramm war eine Unterabteilung der Führerkanzlei, die Zentraldienststelle T4. Bis in den August 1941 töteten Ärzte im Zuge der T4-Aktionen mehr als 70000 Menschen durch Injektionen oder Gas.   Viele weitere Patienten starben bis zum Kriegsende durch Nahrungsentzug und Vernachlässigung.


Auch von den unterfränkischen Heil- und Pflegeanstalten in Werneck und Lohr aus wurden Menschen in Tötungsanstalten  gebracht und ermordet. Tatsächlich wurde Werneck im Oktober 1940 von heute auf morgen geräumt, um Platz für ein Umsiedlungslager zu schaffen. Ein Teil der Patienten kam nach Lohr, ein Teil wurde in Zwischen- oder direkt in Tötungsanstalten abtransportiert.


An die Erforschung der T4-Opfer  hatte sich laut Ausstellungskuratorin Bettina Keß lange Zeit kaum ein Historiker herangewagt. Der Arbeitskreis Würzburger Stolpersteine hat nun in den vergangenen Monaten Lebensläufe von mehr als 100 Würzburgern recherchiert, die wegen ihre Erkrankungen und Behinderungen ermordet wurden. Seit Februar 2015 erinnern die ersten „Stolpersteine“ in Würzburg an ihr Schicksal.

Der Artikel  ist unter anderem  im Main-Echo erschienen.

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Infokasten:  „Ich. Mein Selbst“ - Öffnungszeiten und Begleitprogramm


Die Ausstellung „Ich. Mein Selbst. Selbstbilder aus psychiatrischen Anstalten“ des Arbeitskreises Stolpersteine ist im Martin-von-Wagner-Museum in Würzburg bis einschließlich 30. April zu sehen. Das Museum ist täglich außer montags zwischen 10 und 13.30 Uhr geöffnet. Begleitet wird die Ausstellung von einem Vortrags- und Filmprogramm.