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Begleitet auf dem Weg ins Glück
„Herzenssache“ ist eine regionale Kontakt- und Partnervermittlung für Menschen
mit Behinderung- Daes werden begleitet - Kooperiert wird etwa mit „pro familia“, um sexuelle Bildung zu ermöglichen


Von Michaela Schneider
Jutta erinnert sich noch gut an den Tag, als sie Christian zum ersten Mal begegnete. „Ich war total aufgeregt und knallrot im Gesicht“, erzählt die 40-Jährige. Doch funkte es zwischen ihr und dem heute 37-Jährigen sofort. „Wir haben noch am gleichen Abend telefoniert“, erinnert sie sich, denn Christian wollte wissen, ob sie gut heim gekommen sei. Kennengelernt haben sich die Beiden nicht, wie man vielleicht zunächst meinen mag, in einer Kneipe, einem Café oder auf der Arbeit, sondern in den Büroräumen von „Herzenssache“ – einer Kontakt- und Partnervermittlung für Menschen mit Behinderung im bayerischen Würzburg. Inzwischen hat Christian seinem „Schlumpf“, wie er die Freundin liebevoll nennt, einen Heiratsantrag gemacht.


Zuvor allerdings war der Beziehungsweg für die Beiden steinig. Jutta erzählt von Gewalt in früheren Partnerschaften und auch Christian erlebte manche Enttäuschung. Das war für die beiden der Punkt, den inneren Schweinehund zu überwinden und sich an „Herzenssache“ zu wenden. Tatsächlich kann die Partnervermittlung in der unterfränkischen Stadt am Main mit mancher Besonderheit aufwarten – vorneweg einer Peer-to-Peer-Beratung.  In dem inklusiven Team arbeitet seit der Gründung im April 2012 Mike Singleton, der mit den Folgen eines schweren Schädel-Hirn-Traumas lebt.  Seine Kollegin Evi Gerhard sitzt im Rollstuhl. Nur der Dienstjüngste im Beratungsteam, Reinhard Hemrich,  lebt ohne Handicap. „Sagt mir ein Klient: Ich finde niemanden, weil ich im Rollstuhl sitze, klingt es einfach viel  glaubwürdiger, wenn ich sage: Probier`s erstmal aus“, sagt Evi Gerhard.


Ein praktisches Problem ist häufig, dass Heimbewohner über Mitbewohner hinaus kaum die Chance haben, neue Menschen kennenzulernen. Deshalb organisieren die Herzenssache-Mitarbeiter das Jahr über Veranstaltungen vom regelmäßigen „Café Herzenssache“, über Tanz- oder Kochabende bis zum Adventsbasteln. Bewusst bezeichnet sich Herzenssache nicht nur als Partner-, sondern auch als Kontaktbörse und bringt etwa Fußballfans zusammen oder Menschen mit Handicap, die eine Kinobegleitung suchen. Und mit Aktionen wie Flirtkursen, einem Candle-Light-Dinner oder einem Fotoshooting will das Herzenssache-Team es Klienten ermöglichen, ihre Rollen als Mann und Frau zu erfahren.

Geht es bei Fragen zur Sexualität ins Detail, wird weitervermittelt – zum Beispiel an die Beratungsstelle „pro familia“. „Das Thema Sex spielt in unserer Gesellschaft, in den Medien eine große Rolle – und trotzdem reden die Menschen nicht ernsthaft darüber“, beobachtet  die Leiterin von „pro familia“ in Aschaffenburg, Maria Bakonyi. Bei Menschen mit Lernschwierigkeiten ist eine gute Aufklärung noch um ein Vielfaches wichtiger - um bei einer Einordnung der eigenen Gefühle, aber auch der medialen Bilder zu helfen; um über mögliche Konsequenzen mit Blick auf Gesundheit oder Schwangerschaft aufzuklären und damit eine befriedigende Sexualität erleben zu können.


„Jeder Mensch ist anders, egal ob mit oder ohne Behinderung“, sagt Bakonyi. Entsprechend unterschiedlich sei hier wie da das Bedürfnis nach Sexualität. Sie ergänzt: „Erst eine gute Aufklärung gibt Menschen mit geistiger Einschränkung die Chance, selbst zu entscheiden, ob und in welcher Form sie Sexualität leben wollen.“  Den Begriff fasst sie dabei weit: Es gehe auch darum, Partnerschaft, Zärtlichkeit und das Gefühl zu ermöglichen, sich im eigenen Körper wohl zu fühlen. Dieses Bewusstsein wächst erst langsam. Lange wurden Partnerschaft und Sexualität bei geistiger Beeinträchtigung  nicht zum Thema gemacht. Wie Werkstätten und Wohnheime damit umgehen variiert immer noch stark. Und in manchen Fällen tun sich gerade auch die Eltern schwer, im Nachwuchs nicht mehr das Kind zu sehen, sondern einen Mann oder eine Frau.

Diese Erfahrung macht auch das Herzenssache-Team. Es komme durchaus vor, dass Eltern die erwachsenen Kinder begleiten – und dem Berater dann zustecken, dass es nicht schlimm sei, wenn sich kein Partner finde. „Wir machen unmissverständlich klar, dass nicht der Vater oder die Mutter, sondern die junge Frau oder der junge Mann unser Klient ist“, sagt Reinhard Hemrich. Allerdings braucht es oft nun einmal die Unterstützung der Eltern, will sich ein Paar mit Handicap treffen. „Wir müssen viel Elternarbeit leisten und ermutigen dazu, es die Kinder einfach einmal ausprobieren zu lassen“, ergänzt Mike Singleton.


Fühlen sich Eltern beim Thema Aufklärung überfordert, können Sie die Schule um Sexualaufklärung im Unterricht bitten. Auch unterstützen Einrichtungen wie etwa „pro familia“. Als Sexualberaterin und Sexualpädagogin begleitet Bakonyi gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen unter anderem Jungen und Mädchen, Frauen und Männer mit Handicap in Workshops. „Ich mache tolle Erfahrungen, denn Menschen mit geistiger Beeinträchtigung sind oft sehr direkt und offen, haben weniger Hemmungen und stellen sehr konkrete Fragen“, erzählt sie. Eltern empfiehlt die Expertin, aus dem Alltag heraus über Sexualität zu reden. Sie rät zu einer sehr konkreten, detaillierten Sprache, ein „da unten rum“ reiche nicht. In Workshops arbeitet sie gerne mit Knete, will sie den menschlichen Körper erklären. Und es gebe einige gute Broschüren von Beratungsstellen, zum Teil auch in einfacher Sprache.


Vor mehr als einem Jahrzehnt sah dies anders aus, weiß Susanne Porzelt, Beraterin bei Wildwasser Würzburg – einem Verein gegen sexuelle Gewalt an Mädchen und Frauen. Tatsächlich gab es seinerzeit kaum taugliches Aufklärungsmaterial für Menschen mit geistiger Behinderung. Der Verein beantragte Fördergelder und die Diplom-Sozialpädagogin erarbeitete gemeinsam mit Kolleginnen und einer Grafikerin die beiden Aufklärungsbücher „Anna ist richtig wichtig“ für Mädchen ab zwölf Jahren mit speziellem Förderbedarf sowie „Richtig wichtig- Stolz und stark“ – ein Bilder-Lesebuch über sexuelle Gewalt für Frauen mit Lernschwierigkeiten und geistiger Behinderung. Wie wichtig dies ist, weiß Porzelt aus ihrer täglichen Arbeit.

Bei Aufklärungsprojekten musste Sie erfahren, dass etliche Frauen mit Handicap sexuelle Gewalt bereits erlebt hatten.


Tatsächlich ist belegt, dass Frauen mit geistiger Behinderung noch viel häufiger  zum Opfer werden. „Eine Frau kann Gefahren nicht einschätzen, wenn sie sich nicht damit auseinandersetzen konnte.  Zumal Menschen mit Handicap häufig Pflege brauchen und dadurch von vornherein mehr Berührungen ausgesetzt sind und weniger Intimsphäre kennen, als andere Menschen“, sagt Porzelt. Bei der Aufklärungsarbeit will sie bewusst machen, was schöne und was blöde Gefühle sind – und ob man bestimmte Berührungen vielleicht nur erduldet und sich nicht traut „Nein“ zu sagen. Sie will Selbstwertgefühle stärken und Selbstbestimmung ermöglichen.


„Gute Aufklärung ist für jeden zentral - ob mit oder ohne  Behinderung“, sagt die Sozialpädagogin. Doch fehlt Menschen mit geistiger Behinderung oft die Möglichkeit sich zu informieren – manchmal mit dramatischen Folgen. So weiß sie von einem Paar, das Pornos besorgte, um zu verstehen wie Sex funktioniert. Dabei gerieten die Beiden an Gewaltpornos, hielten dies für Normalität und die Frau erlitt schwerste Verletzungen. Gefahren sieht Porzelt auch in Online-Partnerbörsen, weil hier leicht Identitäten vorgespielt werden können. Zu großer Vorsicht rät sie bei ersten Treffen. Ihre Tipps: nur im öffentlichen Raum, keine Übernachtung, keine Fahrten in andere Städte, ausreichend Geld für eine Taxifahrt nach Hause und ein Notfallkontakt, der weiß, wo man sich aufhält.  


Anders als bei Onlinebörsen werden die Vermittlung und das Kennenlernen bei Herzenssache intensiv begleitet. Wer in die inzwischen rund 120 Personen zählende Personenkartei aufgenommen werden will, wird bei einem der Mitarbeiter persönlich vorstellig, füllt einen Fragebogen aus und unterhält sich über Vorstellungen und Wünsche. So soll auch Missbrauch vorgebeugt werden. „Bei uns kann kein Voyeur landen, der bloß mal mit einer Behinderten ins Bett gehen will“, bringt es Evi Gerhard deutlich auf den Punkt. Auch das erste Date findet auf Wunsch begleitet statt – entweder direkt in den Herzenssache-Räumen oder zum Beispiel im Café Herzenssache. „Manchmal verschwinden wir nach zehn Minuten dezent, weil wir überflüssig sind. Und dann gibt es wieder Paare, die brauchen fünf oder sechs erste Dates, bis es funkt“, erzählt Mike Singleton.


Auch Jutta und Christian haben es langsam angehen lassen, sich anfangs ab und zu gegenseitig besucht. Und wussten doch bald, dass sie zueinander gehören „Jutta ist einfach nicht so wie die anderen. Sie ist so ehrlich“, sagt Christian. Und Jutta lobt immer wieder die Hilfsbereitschaft ihres Verlobten. Noch wohnt das Paar auf dem Papier getrennt, will aber heuer ganz offiziell zusammenziehen. 2017 sollen die Hochzeitsglocken läuten.


Seit kurzem sind Christian und Jutta verlobt, 2017 wollen sie heiraten. Kennengelernt haben sich die Beiden über die Partner- und Kontaktvermittlung „Herzenssache“.

Fotos: Michaela Schneider


Der Artikel ist unter anderem im Magazin „Behinderte Menschen“ erschienen.