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Herbstmärchen vom kleinen Blatt

 

von Michaela Schneider

 

„Neeeeeeeein!“ Was für das kleine Herbstblatt wie ein gellender Schrei klang, nahmen Passanten im dunstigen Herbstnebel nur als sanftes Blätterrauschen wahr. Doch für das kleine Eichenblatt schien eine Welt unterzugehen. Verzweifelt hatte es sich am Ast festgeklammert – und doch der fiesen Windböe nicht standgehalten. „Jetzt bist Du dran“, hatte sie grausam gepfiffen und es mit sich gerissen. Nun lag es da, ganz oben auf dem klammen Herbstlaubteppich, und schluchzte im tristen Novembergrau leise raschelnd vor sich hin.

 

So schön waren die Kindertage im Frühling gewesen, als alles noch neu und unsagbar aufregend gewesen war. Frau Marienkäfer hatte dem kleinen Blatt Besuche abgestattet und Herr Spatz hatte in direkter Nachbarschaft ein Nest für seine Herzenspätzin gebaut. Es sprießte und blühte, frischer Lebensduft durchströmte die Wiese. Dann kam der Sommer und der zarte Spross war zu einem stolzen Eichenblättlein herangewachsen. Es hatte die prickelnden Sonnenstrahlen geliebt und ebenso gejauchzt, wenn erfrischend prasselnde Regenschauer seiner Eiche noch intensiveres Leben schenkten.

 

Und dann, im Spätsommer – im Nachbarbaum begannen die saftigen Äpfel inzwischen rot zu leuchten - war Familie Spatz noch einmal vorbeigekommen und hatte traurig gezwitschert: „Lebewohl, kleines Eichenblatt, schön war die Zeit mit Dir.“ Verwirrt hatte es sein grünes Pflanzenköpfchen geneigt und gefragt: „Wohin werden Sie denn fliegen Herr Spatz?“ „Nicht wir, Du wirst fliegen“, hatte Herr Spatz geantwortet. Erst als sich seine Blattnachbarn in den folgenden Tagen gelb verfärbten und einer nach dem anderen in die Tiefe segelte, hatte das kleine Blatt begriffen. Mit aller Kraft hatte es sich gewehrt gegen den Herbst des Lebens und am tröstenden Ast festgeklammert. Und doch hatte es den Kampf gegen das Altern anscheinend verloren und lag nun traurig fröstelnd auf der klammen Herbsterde.

 

Aus lauter Kummer übersah es dabei die alte Dame. Mit einer Plastiktüte in der Hand spazierte sie – warm eingepackt in Parker, Schal und Mütze - über die Wiese und schien sich nicht weiter am nebligen Novemberwetter zu stören. Als sie keinen Meter mehr von ihm entfernt auftrat, erschrak das kleine Eichenblatt derart, dass es – wie von einer Windböe angehoben -  einen Hopser in die Luft machte. „Na Du bist mir ja vorwitzig“, sagte die alte Dame, schmunzelte, griff sich das erschrockene Laub und verstaute es vorsichtig in ihrer Tüte.

 

Daheim angekommen sollte es einen Ehrenplatz in der guten Stube einnehmen. Das kleine Blatt zierte fortan einen liebevoll dekorierten Windlichthalter. Abend für Abend saß es – vom Kerzenschein so hübsch wie nie zuvor beleuchtet – mit der alten Dame am Wohnzimmertisch. Sie plauderte über glückliche Jugendtage, las ihm aus alten Schmökern vor und ließ es an ihrer jahrzehntelangen Lebenserfahrung teilhaben. Und das kleine Blatt erinnerte die alte Dame an Frühlingsdüfte, spielende Spatzenkinder und wohltuende Sommerschauer. Häufig griff sie in solchen Momenten zu Aquarellfarben und Staffelei und hielt fest, was sie in Jahrzehnten mit allen Sinnen erlebt hatte. Und dann waren die alte Dame und das kleine Blatt im Herbst ihres Lebens gemeinsam glücklich.

 

Die Kurzgeschichte ist im Liboriusblatt erschienen