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Amerikanischer Traum im Pelzmantel
Mainfranken Theater Würzburg zeigt Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“


Von Michaela Schneider
Würzburg  
Die Stimmen in Willy Lomans Kopf werden lauter.  Es rauscht, sirrt und tost. Panisch wirft er Bretter auf einen Haufen. Der personifizierte amerikanische Traum schüttet Benzin aus, Willys gescheitertes Lebenswerk geht in Flammen auf. Als Arthur Millers Werk „Tod eines Handlungsreisenden“ 1949 in New York uraufgeführt wurde, soll mancher Theaterbesucher am Ende das Gesicht in den Händen vergraben und geweint haben. Jetzt ist das mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Werk am Mainfranken Theater in Würzburg zu sehen. Regisseurin Katrin Plötner liefert dem Publikum ein sehr verdichtetes Bild, reduziert die Akteure auf Willy Lomans Familie und den personifizierten „American Dream“, arbeitet mit Stereotypen. Eine in sich runde, stimmige Regiearbeit – auch wenn sie individuell nicht so berührt, wie es seinerzeit im Morosco Theatre geschah.


Willy Lohman (Uwe Fischer) hat mehr als 30 Jahre lang als Handelsvertreter gearbeitet und wird nun von seinem jungen Chef vor die Tür gesetzt. Weil er nicht Schritt halten konnte mit dem Fortschritt. Weil es allein ums Geschäft und nackte Zahlen geht in einem inhumanen Wirtschaftssystem. Weil als gescheitert und Versager gilt, wer keine Leistung und Effizienz mehr abliefert. Um nicht alle Selbstachtung zu verlieren, fantasiert sich Willy eine großartige Vergangenheit zu Recht, flüchtet sich immer stärker in seine Lebenslüge. Frau und Söhne sind angehalten, ihn dabei zu unterstützen. Uwe Fischer passt sich dabei hervorragend in die Rolle ein, mit leicht steifem, in die Jahre gekommenem Gang schwankt er zwischen Resignation, Frust und verzweifelten Optimismus-Ausbrüchen. Das Publikum begegnet einem nicht wirklich sympathischen Mann, schwankt zwischen Ablehnung und Mitleid.


Und auch Ehefrau Linda (Christina Theresa Motsch) weckt gemischte Gefühle. Als Sinnbild der amerikanischen Ehefrau und Mutter ist sie immer gut gestylt, erträgt jeden Wutausbruch, beißt nur in der Einsamkeit verzweifelt in den Rocksaum und versucht sich den Mund mit ihren Putzhandschuhen reinzuwaschen. Linda ist eine Frau, die man als Zuschauer am liebsten heftig schütteln und wachrütteln würde. Christina Theresa Motsch treibt das stereotype Bild dabei auf die Spitze mit stoischem Dauerlächeln, der perfekten Frisur, überzogenen Gesten und dauerkorrekter Körperhaltung. Die grünen Putzhandschuhe streift sie erst über dem Grab ihres Mannes ab. Sohn Lucky (Sven Mattke) flüchtet sich in Frauengeschichten. Sohn Biff (Maik Rogge) scheitert an einem Gelegenheitsjob nach dem anderen und sehnt sich nach Selbstverwirklichung außerhalb der Stadt.


Und schließlich ist da noch der amerikanische Traum in Gestalt von Schauspielerin Theresa Palfi, der Willy Lohman unter anderem in seinem jungen Chef oder seinem Bruder Ben begegnet. Palfi stöckelt mal in Highheels, gleitet mal auf Skiern über die Bühne, wirft mit Goldglitzer um sich, räkelt sich im Pelzmantel oder in Dessous. Und sie ist immer an Willys Seite, um ihm sein Scheitern vor Augen zu führen. Der „American Dream“ als gesellschaftliche Leitidee ist damit in Katrin Plötners Regiearbeit für Willy sichtbar dauerpräsent ist und vernichtet ihn am Ende. Eine gelungene Zuspitzung mit Palfi in sehr passender Besetzung.


Katrin Plötner arbeitet  mit Bühnenbildnerin Anneliese Neudecker zusammen, dem Zuschauer eröffnet sich ein Szenario aus Natur in Form von Ästen, einem gefällten Baumstamm und jeder Menge Brettern zum Zimmern, zum Werken. Denn einerseits steht Natur für die Protagonisten, vor allem für Biff, für Selbstverwirklichung und Erfüllung. Andererseits zählt gesellschaftlich eben nur, wer arbeitet und schafft, sich den herrschenden Normen von Leistung und Effizienz anpasst. An der hinteren Bühnenwand deutet ein Strahlenkranz aus Holzbrettern die amerikanische Freiheitsstatue an und mahnt ständig, sich der Leitidee des „American Dream“ unterzuordnen. Für die Kostüme zeichnet Johanna Hlawica verantwortlich, spitzt die Stereotypen noch zu mit Linda im 50er Jahre Kostüm oder Lucky im rosa glänzenden Anzug und Lackschuhen. Crossover-Musiker Markus Steinkellner rundet die Inszenierung ab mit Tonelementen, die in Willy Lomans Gefühlszustand blicken lassen mit Stimmengewirr, schmerzendem Lärm und sirrendem Dauersound.


An dieser Stelle sei erwähnt: Eigentlich hatte Arthur Miller seinerzeit mit dem Gedanken gespielt, sein Werk „Inside of His Head“ zu nennen. Diesen Blick tief hinein in Willy Lomans von einer gesellschaftlichen Leitidee geprägte und zerstörte Gedankenwelt gewährt Katrin Plötner mit ihrem Team auf ihre eigene, verdichtete, zugespitzte Art. Das Publikum spendet dem Ensemble viel Applaus, nur ein vereinzelter Buhruf tönt der 1985 in Berlin geborenen Regisseurin entgegen.

  

Dauer: 135 Minuten (mit Pause); nächste Vorstellungen: 19.30 Uhr: 23.02./ 26.02./ 02.03./ 05.03./ 11.03./ 20.03./ 23.03./ 26.03./ 31.03./ 06.04./ 16.04.; 15 Uhr:  03.04./ 10.04.


Der Artikel  ist unter anderem  im Main-Echo erschienen.