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Mit Tätern arbeiten, um Opfer zu schützen
In Würzburg gibt es seit Herbst 2014 die erste Fachambulanz für Gewaltstraftäter in Nordbayern


Von Michaela Schneider
Würzburg/Franken
„Täterarbeit ist ein Beitrag zum Opferschutz“, sagt die Diplom-Psychologin und psychologische Psychotherapeutin Anna Goesmann. Seit Herbst 2014 leitet sie die Fachambulanz für Sexual- und Gewaltstraftäter in Würzburg in Trägerschaft der Caritas. Das Einzugsgebiet deckt sich mit dem Oberlandesgerichtsbezirk Bamberg und reicht von Hof über Bamberg und Würzburg bis Aschaffenburg.  Während es Anlaufstellen für Sexualstraftäter schon seit einigen Jahren gibt, sind die Fachambulanzen für Gewaltstraftäter neu. Sie entstanden nach Wegfall der nachträglichen Sicherungsverwahrung, um Entlassene nach langen Haftstrafen aufzufangen. Anna Goesmann erzählt, wie es gelingen kann, Menschen wieder in die Gesellschaft einzugliedern, die von weiten Kreisen bereits aufgegeben wurden.  


Die Fachambulanz für Sexualstraftäter gibt es in Würzburg bereits seit 2011. Warum wurde sie damals eingerichtet?

Anna Goesmann: Die Gesetze zu Sexualstraftaten wurden verschärft. Werden Sexualstraftäter verurteilt, erhalten sie neben der Haft-, Sozial- oder Geldstrafe häufig auch die Auflage zu einer Therapie. Nicht selten kommt es vor, dass sie diese während der Haft verweigern - unter anderem aus Angst, im Knast geoutet zu werden. Bei anderen reicht die Zeit im Gefängnis nicht für eine Therapie. Zwar gibt es einige ambulante Kollegen, die Therapien für Sexualstraftäter anbieten. Aber die meisten Praxen sind vollkommen überlaufen. Vor 2011 gab es eine riesige Versorgungslücke. Deshalb ließ das bayerische Justizministerium einrichten. In Würzburg übernahm die Caritas die Trägerschaft. Deutschlandweit ist dies übrigens die einzige die einzige Diözese mit einer Fachambulanz für Sexual- und Gewaltstraftäter. Großartig, dass die Kirche die Türe jenen öffnet, die von weiten Kreisen der Gesellschaft nur noch verachtet werden!  


Seit Oktober 2014 bieten Sie nun auch als erste Fachambulanz in Nordbayern Therapien für Gewaltstraftäter an. Wie kam es dazu?  


Goesmann: Der Hintergrund ist: Es traten neue Regelungen zur Sicherungsverwahrung in Kraft. Es kann sein, dass ein Straftäter nach jahrelanger Haft von heute auf morgen entlassen werden muss. Die Fachambulanzen gehören zu einer Reihe Maßnahmen wie etwa auch der elektronischen Aufenthaltsüberwachung, um die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten. Bei unseren Klienten geht es nicht um einfache Körperverletzung, sondern um Delikte wie Mord, Totschlag oder versuchten Totschlag.  


Sie halten aber doch auch Plätze frei für Klienten, die ohne Weisung eine Therapie machen wollen?

Goesmann: Ja, das stimmt. Allerdings spielt Freiwilligkeit weniger bei Gewalttaten, sondern eher bei Sexualstraftaten eine Rolle. Zehn Prozent der Klienten kommen unabhängig von einer Therapieweisung zu uns, weil sie befürchten, sie könnten eine sexuell motivierte Straftat begehen.


Wenn nun ein Gewaltstraftäter aus der Haft entlassen wird und zu Ihnen kommt: Wie gehen Sie vor?

Goesmann:  Es kommt nicht selten vor, dass diese Menschen nach 15 oder 20 Jahren von heute auf morgen aus der Haft entlassen werden. Sie haben nichts, kennen niemanden, sind plötzlich in einer völlig anderen Welt und stehen auf der Straße. Hier ist erst einmal Lebenshilfe nötig. Deshalb haben wir in unserem Team für das Übergangsmanagement neben den Psychologen auch einen Sozialpädagogen. Erst, wenn jemand weiß, wo er schlafen kann und etwas zum Essen bekommt, kann eine Psychotherapie anfangen.


Worüber sprechen Sie mit den Gewaltstraftätern zunächst?

Goesmann: Die Arbeit ist vor allem am Anfang nicht einfach. Häufig sind unsere Klienten noch nie gefragt worden, wie es ihnen geht und sollen plötzlich über sich selbst sprechen. Vielleicht wird ihnen zum ersten Mal im Leben geholfen. Deshalb geht es zunächst darum, Vertrauen aufzubauen. Ich rede mit einem neuen Klienten erst einmal, worüber er reden möchte. Warum nicht mit einem Landwirt über landwirtschaftliche Schlepper sprechen?  Dabei kann ich andere Fragen einstreuen. Ich möchte wissen, wie ein Mensch zu dem wurde, der er heute ist. Deshalb geht es um Biographisches. Und wir reden viel über Emotionen. Oft haben unsere Klienten keine Sprache für ihre emotionalen Wahrnehmungen, diese müssen wir erst erarbeiten. So entsteht in den Vorgesprächen ein Bild und ich verschaffe mir - soweit möglich – eine Delikthypothese.


Wie geht es nach den Vorgesprächen weiter?

Goesmann: Wir stellen im Team eine Indikation. Ist die Motivation fraglich oder liegen andere Problematiken wie eine Sucht vor, ist eine Indikation schwierig. Eventuell suchen wir Alternativen wie etwa den sozialpsychiatrischen Dienst oder die Suchtberatung. Fehlende Motivation kommt bei ganz wenig Fällen vor. Wird die Therapie verweigert, liegt es beim Gericht, eine erneute Haft zu verhängen oder die Weisung zu verändern. Wenn wir aber eine Chance sehen, beginnen wir mit der Therapie. In der Regel kommen die Klienten wöchentlich, die Therapiedauer hängt vom Rückfallrisiko ab, Pi mal Daumen beträgt sie zwei Jahre.


Welche Ziele verfolgt die Therapie?

Goesmann: Wir wollen Alternativen suchen, damit die einstigen Täter nicht wieder rückfällig werden. Ziel ist vor allem auch der Opferschutz. Bis dato mit Erfolg, bei den Sexualstraftätern hatten wir keinen einschlägigen Rückfall. Natürlich weiß ich, dass dies passieren kann, auch eine Therapie hat Grenzen. Bei den Gewaltstraftätern hoffe ich auf einen ähnlichen Erfolg. Allerdings nehme ich an, dass die Quote der Abbrecher höher sein wird, weil der Leidensdruck bei Sexualstraftätern größer ist. Wissen muss man auch: 60 Prozent unserer Klienten wurden früher selbst sexuell missbraucht oder ihnen wurde Gewalt angetan. Es geht bei der Therapie darum, diese Kette zu durchbrechen.


Macht Ihnen Ihre Arbeit Spaß?

Goesmann: Ja, natürlich! Ich hatte schon Klienten, die erfolglose Therapien hinter sich hatten und bei mir plötzlich gesagt haben: „Wie konnte ich meinen Kindern so etwas antun?“ Das sind Momente, in denen man weiß, wofür man arbeitet. Es geht in der Therapie vor allem auch darum, dass Klienten begreifen, was Leid bedeutet und Mitgefühl entwickeln. Am schönsten aber ist es für mich, wenn ein Mensch sagt „Ich brauche Sie nicht mehr“ und ich kann ihm dies bestätigen.

Anna Goesmann ist Leiterin der Fachambulanz für Sexual- und Gewaltstraftäter.

     

Foto: Michaela Schneider

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Der Artikel  ist unter anderem  im Main-Echo erschienen.

Infokasten: Kontakt zur psychotherapeutischen Fachambulanz


Wer befürchtet, er könne eine sexuell motivierte Straftat oder Gewaltstraftat begehen, kann einen Gesprächstermin vereinbaren. Erst dann wird die genaue Adresse der Fachambulanz genannt. Postanschrift für die Kontaktaufnahme: Franziskanergasse 3, 97970 Würzburg. Eine Anmeldung ist auch per Telefon unter der 0931/38666500, per Fach unter 0931/38666599 und per Email unter fachambulanz@caritas-wuerzburg.de möglich.