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Ein Geiziger auf Plateauschuhen
Schauspiel Mainfranken Theater interpretiert Molières Komödie unkonventionell und
erfrischend und verpasst der Komödie des 17. Jahrhunderts einen punkigen 80er-Jahre-Look


Von Michaela Schneider

Würzburg Er stöhnt und scheint dem Herzinfarkt nahe, er blickt sich linkisch-gehetzt um und flüstert mit golomhaft-fieser Stimme, dann wieder wendet er sich in tiefster Verzweiflung ans Publikum und poltert in nächster Sekunde los, geht dem eigenen Sohn an die Gurgel und beißt den Diener in die Wade: Molières Rolle des Harpagon in der Komödie „Der Geizige“ ist Kai Christian Moritz wie auf den Leib geschrieben. Schauspielerisch schwer zu toppen, meint man – bis das neue Ensemblemitglied Petra Hartung als Heiratsvermittlerin Frosine die Bühne betritt und im tiefsten Thüringisch loslegt. Ganz losgelöst von der Inszenierung selbst: Was das Ensemble bei der Premiere im Würzburger Mainfranken Theater abliefert ist rundum eine Glanzleistung. Zum Beispiel Sven Mattkes herrlich überzogene Heuchelgesten; Georg Zeies, der zwischen den Rollen des französischen Kochs und des alten Kutschers hin- und herspringt; die putzig Verliebten Robin Bohn und Theresa Palfi. Zu viel Übertreibung geht nicht, könnte man diesen Theaterabend der Absurditäten überschreiben.


Im Intrigenspiel um den alten, geizigen Harpagon geht es um junge Liebespaare und geschäftstüchtige Machenschaften: Harpagon will die junge Mariane (Theresa Palfi) heiraten – doch mit der Schönen hat sich sein eigener Sohn Cléante (Robin Bohn) heimlich verlobt. Auch dass Tochter Elise (Marianne Kittel) den wenig vermögenden Valère (Sven Mattke) liebt, ist nicht im Sinne des Vaters. Zeit, dass Heiratsvermittlern Frosine auf den Plan tritt. Auch Meister Jacques (Georg Zeies) will mitmischen, der mal als Koch, mal als Kutscher Harpagons herrlich absurd agiert. Ebenfalls wunderbar besetzt: die Rolle des Dieners mit Boris Wagner im Angela-Merkel-Look. Am Ende tritt der Don persönlich als das i-Tüpfelchen der Groteske auf den Plan.


Intelligent ist die Idee, dem Molière-Stück einen theatralen Prolog im Foyer-Café vorauszusetzen und so der bewusst überzogenen Komödie einen ernsten Pol entgegenzusetzen. Zu einem Molière passt dies, erhob er doch seinerzeit das Theater zum Diskussionsforum und regte das Publikum an zu hinterfragen: Welches Verhalten in der Gesellschaft ist richtig, welches ist falsch? Ein Blick auf den 30-minütigen Auftritt des Bürgerchors: Schwarzgewandet mit goldenen Masken, das Dollarzeichen anbetend, schreitet er Weihrauch schwenkend zum Orgelklang ins Foyer-Café. Die Religion des Kapitals sei der allumfassende Gott, andere Religionen seien nichts als Lippenbekenntnisse tönen Stimmen. Im Wechsel sprechen die „Priester“, das Kapital und der Chor wie in einer Andacht. Der Text „Die Religion des Kapitals“ stammt von Paul Lafargue, dem Schwiegersohn von Karl Marx. 1890 erschienen, erklärt der französische Sozialist darin den Kapitalismus zum religiösen System.


Der Chor zieht ab, das Theaterpublikum geht in den Großen Saal – und trifft nun auf eine völlig andere Welt. Momme Röhrbein hat sich für ein ganz schlichtes und doch kreischendes Bühnenbild entschieden. Ein Vorhang aus Glitterfäden hängt von der Decke herab und schillert und blinkt discohaft in allen Farben. Auf der Bühne ist eine zweite, leicht erhöhte Bühne angedeutet und mit Lichterband umrandet. In die Vollen gegriffen hat Angelika Rieck in Sachen Kostüme: Männer wie Frauen vollführen auf quietschigen Plateauschuhen fast schon akrobatische Kunststücke. Zusammen mit den Schauspielern in Pink und Glitzer, Karo und Pelz taucht das Publikum ein in eine Welt der Illusion und Maskerade. Riesige Fantasieperücken und überschminkte Gesichter ergeben eine surreale Kombination aus 17. Jahrhundert und punkiger Moderne.


Eine Anekdote erzählt, dass bei der Uraufführung der Komödie „Der Geizige“ 1668 in Paris außer einem Kritiker keiner im Publikum lachte. Von den Zuschauern im Mainfranken Theater wird dies sicher niemand behaupten. Ob Molière seinen Spaß an dieser Premiere gehabt hätte, ist schwer zu sagen: Die Inszenierung von Stephan Suschke im poppigen 80er-Jahre Look dürfte das Würzburger Publikum des 21. Jahrhunderts polarisieren. Doch genau diese mutigen, unkonventionellen, überraschenden Bühnenstücke braucht ein Theater, um auch ein jüngeres Publikum zu locken und das Image des Angestaubten abzuschütteln.


Dauer: 130 Minuten (mit einer Pause), nächste Vorstellungen, jeweils 19.30 Uhr: 06.11./ 21.11./ 23.11./ 04.12./ 13.12./ 15.12./ 25.12./ 04.01; 15 Uhr: 17.11. Der Prolog des Bürgerchors „Die Religion des Kapitals“ beginnt jeweils 30 Minuten vor der Vorstellung.

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Der Artikel ist unter anderem im Main-Echo erschienen.