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Mehr als getanzte Grenzenlosigkeit
Im tanzSpeicher im unterfränkischen Würzburg greift Choreograph Thomas K.
Kopp Themen auf, deren Tanzbarkeit man vorab hinterfragt – um dann überrascht zu werden  


Von Michaela Schneider
Würzburg Wer die Geschwister auf dem kleinen Foto  erkennen will, kneift am besten die Augen zusammen.  Das minimalistische Bühnenbild aus Stangen und Linien erinnert dagegen unverkennbar an ein Francis-Bacon-Gemälde. Es klingt wie Bach, dann wie Nirwana. Und doch irgendwie anders. Ein Grimmmärchen passt genauso auf die Bühne wie Rousseaus Erziehungsroman von 1762 oder Worte des deutschschweizerischen Schriftstellers Robert Walser. Mit den winzigen, poetischen Bewegungen einer Origamikünstlerin faltet Linn eine Schiffsflotte.  Und darf mit Tanzpartner Rodolfo doch zeigen, dass sie den befreiten, zügel- und grenzenlosen Tanz beherrscht.


Grenzenlosigkeit. Vielleicht die beste Beschreibung für die Produktion „achtmeterimquadrat“ und das gesamte Konzept des tanzSpeichers im unterfränkischen Würzburg. Zeitgenössischer Tanz, der sich nicht auf Bewegung beschränkt, sondern mit Sprache, Geräuschen, Bildern arbeitet. Sinneseindrücke, die umso intensiver wirken, als  die Bühne im komplett schwarzen Raum auf einer Ebene mit der Tribüne liegt. Die erste der fünf Publikumsreihen befindet sich keine zwei Meter von der Tanzfläche entfernt. Und die Grenzen zerfließen vollends als ein Handy-Piepkonzert auf der Tribüne Teil der Produktion wird.  Wer sich an einer Definition des Begriffs „zeitgenössischer Tanz“ versucht, muss zwangsläufig scheitern, dafür liefert tanzSpeicherleiter und Choreograf Thomas K. Kopp den besten Beweis. Eben weil der Kern choreographischer Bühnentanzkunst der Gegenwart die ständige Weiterentwicklung ist und gewohnte Grenzen überschritten werden müssen.


So grenzenlos die Produktionen so heimelig begrenzt platziert sich der tanzSpeicher auf dem Kulturgelände im Alten Hafen der Stadt am Main. Mittig präsentiert sich in den einstigen Speichergebäuden seit mehr als einem Jahrzehnt ein Museum für konkrete Kunst, links öffnen sich wie ein hungriger Schlund die Tore des Kabarettkellers „Bockshorn“. Und rechts führen zwischen flackernden Fackeln ein roter Teppich und eine Treppe in Süddeutschlands einziges Theater allein für zeitgenössischen Tanz. Denn was in Metropolen wie Berlin fraglos funktioniert, ist für manchen biederen Theatergänger in der bayerischen Provinz wohl immer noch eine Herausforderung.


Und trotzdem trifft sich seit inzwischen mehr als einem Jahrzehnt eine eingeschworene Fangemeinde, um die Eigenproduktion von Choreograph Thomas K. Kopp zu sehen. Ehe Kopp in die eigenen Räume auf dem Kulturgelände ziehen konnte, nutzte er als Bühne mal ein Parkhaus, mal eine Lagerhalle oder Fußgängerunterführung. Als er dann 2005 den tanzSpeicher eröffnete, belächelte manch einer das innovative Projekt. Zugegeben, den Würzburgern gibt Kopp seit Jahren unermüdlich Nachhilfe. Und so führt der Weg nicht gleich in den Theaterraum im Keller, sondern zunächst nach oben in die Bar. In roten Samtsesseln sitzend plaudern der Choreograph und seine Dramaturgin Dr. Brigitte Weinzierl über die Idee zur aktuellen Produktion, ihre Entstehung, ihre Inhalte.


Anschließend bewegen sich die Fans des Grenzenlosen wie auch die Tänzer erneut auf begrenztem Raum, genau genommen auf acht Metern im Quadrat. Auf diese Größe ist nicht nur die schwarze Tanzfläche begrenzt, sondern auch das deutsche Normkinderzimmer. Diese Mindestgröße war so zumindest beim Sozialbau bis 1980 festgeschrieben. Und darum geht es: Um Kindheit – angefangen bei der schwarzen Pädagogik, die darauf abzielte den Willen des Kindes zu brechen, über die antiautoritäre Erziehung bis hin zur Kindheit heute inklusive den Hikkomori - japanischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich freiwillig über Monate  im Zimmer einsperren, um dem gesellschaftlichen Druck und den an sie gestellten Anforderungen zu entkommen.


Ein tanzbares Thema in seiner fast grenzenlosen Vielschichtigkeit? Ja. Und das, obwohl Kopp weder die Schwedin Linn Eriksson noch den Portugiesen Rodolfo Piazza Pfitscher da Silva ein Kind tanzen lässt. Zu banal, viel zu naheliegend wäre dies. Die zwei Künstler tanzen immer nur sich selbst, ihre eigenen Erfahrungen ihre Gefühle – und nicht anders sah es aus, als sich Kopp in anderen Produktionen zum Beispiel mit medizinischen Phänomenen wie Autismus oder Alzheimer befasste oder in „Ausziehen 2.0“ mit dem Thema Datenspeicherung.  Ganz logisch ist es für den Choreographen deshalb auch, nach dem Casting die Stücke in Trainingsblöcken von Null auf gemeinsam mit den Tänzern zu entwickeln.  


Heraus kommt bei „achmeterimquadrat“ eine Fülle an unter die Haut gehenden Schlaglichtern. Geballte Information vermischt sich mit Emotion. Die dunklen, bösen, brutalen Kapitel wären so verdichtet kaum zu ertragen ohne die lichten, die schönen Momente. Zum Beispiel, als Linn Worte schreibt, dann den Satz „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“ legt. Und endlich mit dem Tanzpartner tollen, toben, ausgelassen spielen, strahlen und in herzlichen Umarmungen verschmelzen darf. Aufatmen nach bedrückenden, einschnürenden Momenten. Trotzdem verlässt man den tanzSpeicher nachdenklich. Blickt dann, daheim, auf sein Handy und spürt beim Lesen der Piepkonzert-SMS schon wieder Gänsehaut. „Die Hölle ist kalt. Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr. Du MUSST, du MUSST, du MUSST! Wir treiben auf schmelzendem Eis“, leuchtet in grausamen Buchstaben auf. Damit hat „achtmeterimquadrat“ eine Grenzenlosigkeit erreicht, die nicht einmal vor den heimischen Wänden stoppt.   

Der Artikel  ist als Fundstück in „Die deutsche Bühne“ erschienen.

Fundstück Tanzspeicher.


Foto: Michaela Schneider