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Ein Sommerbote

von Michaela Schneider

 

Sanft und wärmend hätten sie sein sollen, die frühsommerlichen Sonnenstrahlen. Doch Katharina fröstelte es, als sie vom Wohnzimmer aus ins Himmelsblau schaute. Das kreischende Vogelzwitschern schien der jungen Frau wie Verrat. Sie schloss das Fenster und  griff zum Rolladenzug. Und doch brachte es Katharina nicht fertig, den Frühsommertag mit einer Handbewegung aus ihrem Leben auszusperren. Dann fiel ihr Blick auf das Foto im Herzrahmen.

 

„Was würdest Du tun?“, murmelte sie Theresa zu.  Über fast zwei Jahrzehnte hatte es sich zur guten Tradition entwickelt, dass die Zwillingsschwestern mit den ersten Frühsommerstrahlen an den nahen Waldsee spaziert waren. Als kleine Mädchen hatten sie barfuß am flachen Kiesufer geplanscht. Erzählten die nassen Hosenbeine später von einer wilden Wasserschlacht, lauschten die Kinder den mahnenden Worten der Mama daheim mit verschwörerischer Miene. Und war die Mutter weg, prusteten die Mädchen Jahr für Jahr gemeinsam los vor Lachen. Als sie ein bisschen älter wurden, lagen die Beiden jeden Frühsommer nebeneinander am Kiesstrand. Die Füße sanft umspült vom klaren Seewasser kicherten sie und sprachen über Jungs und andere süße Geheimnisse. Sogar als Theresa und Katharina eigene Berufs- und Lebenswege eingeschlagen hatten, blieb das Frühsommerritual: Mit den ersten Sommerboten trafen sich die Frauen am Elternhaus, um zusammen zum Waldsee zu spazieren.

 

Zuletzt vor einem guten Jahr. Nur eine Woche später war es passiert. Ein minimaler Augenblick der Unachtsamkeit riss einen Verlust in Katharinas Leben, der die junge Frau um den Verstand brachte. Als der Krankenwagen am Unfallort eintraf, hatte  das Herz der Zwillingsschwester bereits aufgehört zu schlagen. Unbändige Wut hatte Katharinas erste Fassungslosigkeit abgelöst. Am schlimmsten aber war es geworden, als die schmerzende Leere anklopfte. Katharina hatte ihr die Türe geöffnet, um sich von den eigenen Gefühlen  zu verabschieden.

 

Vogelzwitschern und Waldseeduft rissen die Frau zurück ins Hier und Jetzt. Nachdem sie das Foto ihrer Schwester zurück ins Regal gestellt hatte, hatte sich Katharina wie ferngesteuert in die Garage zum Auto bewegt.  Am Elternhaus hatte sie später geparkt und war losgelaufen. Zögernd, Schritt für Schritt, bewegte sich die junge Frau nun zum Kiesstrand. Sie zog Hausschuhe und Söckchen aus, krempelte die Hosenbeine hoch und setzte sich. Plötzlich, als das frische Frühsommernass des Sees die nackten Füße umschmeichelte, flossen nach vielen Monaten die angestauten Tränen über ihre Wangen und vermischten sich mit dem Waldseewasser. „Theresa, ich vermisse Dich“, flüsterte sie.  Im gleichen Moment stürmte eine Gefühlswelle auf Katharina zu.  Ganz  nach vorn gedrängelt hatte sich die ausgesperrte Trauer. Ein bisschen weiter hinten aber blinzelte dieser die Lebenslust über die Schulter.

 

Vielleicht war es Zufall, dass in dem Moment ein schillernder Schmetterling auf den Kieseln neben Katharina landete. Tröstlicher aber war für die junge Frau ein anderer Gedanke. Regungslos blieb der kleine Flattermann sitzen,  bis sich Katharina den Schmerz aus dem Herzen geredet hatte. Dann schlug er mit den Flügelchen, drehte mehrere Pirouetten in den frühsommerlichen Sonnenstrahlen und verschwand hinterm Waldsee zwischen den Bäumen.

 

Die Kurzgeschichte ist im Liboriusblatt erschienen.