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Bis zu 50 Prozent aller Lebensmittel landen weltweit im Müll, während in Drittweltländern Menschen verhungern. Mit Lebensmittelverschwendung soll endlich Schluss sein, fordert die Initiative Foodsharing – und leistet dazu einen erheblichen Beitrag. Auch in Franken.


Die Lebensmittelretter

Von Michaela Schneider

Regelmäßig türmen sich in Annette Seiferts Wohnung Brötchen, Brotlaibe und süße Teilchen. Pünktlich um halb acht klingelt es und Studenten wie Rentner, Hartz-IV-Empfänger wie Akademiker ziehen mit Tüten ausgerüstet am Backwarentisch vorbei. Mal packen sie mehr, mal weniger der Leckereien ein. Kostenlos. Denn die Würzburgerin Annette Seifert ist „Foodsaver“, zu Deutsch Essensretter.  Im Namen der Initiative „Foodsharing“ holt sie bei einer Bäckerei Lebensmittel ab, die tagsüber nicht verkauft wurden, im Mülleimer oder Tierfutter landen würden, und verteilt diese weiter. Ehrenamtlich und aus tiefer Überzeugung.


Die Idee, Lebensmittel zu retten, entstand vor rund fünf Jahren. Damals arbeitete Regisseur Valentin Thurn an dem Kinofilm „Taste the Waste“ und wollte mit seinem Team nicht nur wachrütteln, sondern auch ganz praktisch aktiv werden. Das war die Geburtsstunde der Internetplattform www.foodsharing.de. Das Konzept dahinter: Zum einen werden Lebensmittel von privat zu privat weitergegeben. Sind Lebensmittel im Haushalt übrig, stellt man auf der Webseite einen virtuellen Essenskorb ein und wartet ab, wer diese abholen will. Zum anderen arbeiten die Essensretter mit Unternehmen wie Supermärkten, Restaurants oder Bäckereien zusammen, um Brote, nicht verkauftes Gemüse oder Lebensmittel mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum vor dem Mülleimer zu retten. Explizites Ziel ist dabei die Lebensmittelrettung - anders als bei Initiativen wie der „Tafel“. Hier steht die Versorgung Bedürftiger im Vordergrund.   


Annette Seifert kam zum Foodsharing über einen Verwandten, den sie eines Nachts beim Containern begleitete. Bei einem einzigen Supermarkt rettete die Gruppe vier große Säcke guter Lebensmittel aus den Mülltonnen. „Ich war schockiert über diese Menge“, erinnert sie sich. Selbst containern wollte die 31-Jährige nicht, denn tatsächlich ist „Mülltauchen“ in Deutschland illegal und wird vor dem Gesetz als Diebstahl eingestuft. Umso begeisterter war sie, als sie erfuhr, dass sich in Würzburg eine Foodsharing-Gruppe gegründet hatte.


Alle zwei Wochen bekommt sie seither Waren aus einer Bäckereifiliale, meistens ist ihr Auto randgefüllt. An den übrigen Tagen holen andere Lebensmittelretter dort ab, was vom Tagesgeschäft übrig geblieben ist. „Ich habe die Gewissheit: Was ich im Auto mit nach Hause nehme, wird nicht weggeworfen“, sagt Seifert. Und selbst für den Fall, dass einmal nicht alle Waren mitgenommen werden, hat sie vorgesorgt: Ein Herr verarbeite diese dann zu Semmelbröseln. „Fair-Teiler“ nennen sich im Foodsharing-Sprachgebrauch Plätze, von denen aus Lebensmitteln an Mann und Frau gebracht werden, die sonst im Müll landeten.


Für ein etwas anderes, doch ebenso unkompliziertes Fair-Teiler-Konzept hat sich die Schweinfurterin Birgit Rassbach entschieden. In ihrem Vorgarten stehen unterm Garagendach zwei kaputte Kühlschränke. Retter, die Lebensmittel übrig haben, aber auch Privatleute können Waren bei ihr abgeben. Birgit Rassbach legt sie dann in die Kühlschränke. Aus Haftungsgründen, ergänzt die 46-Jährige. Denn Lebensmittelspenderbetriebe werden von jeglicher Haftung für die Genießbarkeit und gesundheitliche Unbedenklichkeit der Ware entbunden, die Foodsaver übernehmen die Verantwortung. Obst, Gemüse, Backwaren und Co. darf dann aus Birgit Rassbachs Kühlschränken herausnehmen, wer will – ohne zu klingeln, ohne nachzufragen. Und irgendetwas gibt es hier in der Regel immer, denn die zwölf bis 15 aktiven Retter aus Schweinfurt holen regelmäßig bei fünf bis sechs kooperierenden Betrieben Waren ab - von der Tankstelle bis zum Supermarkt.


Die meisten Unternehmen tun dies aus Überzeugung. So auch Gina Schäflein. Nicht lange, nachdem sie „Up Fresh Energy“ in Würzburg eröffnet hatte – einen Imbiss und ein Café mit stets frisch gekochten vegetarischen und veganen Gerichten – fragte Foodsharing Würzburg an, ob sie sich eine Kooperation vorstellen könne. „Ich war begeistert, weil es mir total weh tut, Essen wegzuwerfen“, sagt die 38-Jährige. Entsprechend kalkuliert sie sehr bewusst ein, riskiert es lieber, dass ein Gericht  am Spätnachmittag ausverkauft ist, als zu viele Reste zu haben. “Trotzdem bleiben mal zwei bis drei Portionen Suppe übrig“, sagt sie. Diese übergibt sie dann nach Feierabend den Lebensmittelrettern.


Mit als erstes waren im fränkischen Raum übrigens die Nürnberger Lebensmittelretter aktiv, aktuell gibt es in der Stadt drei frei zugängliche Fair-Teiler. 161 Foodsaver haben sich inzwischen angemeldet, auch wenn nicht alle ständig aktiv sind. Um Lebensmittelretter zu werden, muss man zunächst einen Onlinequiz bestehen und drei begleitete Probeabholungen machen. „Dadurch wollen wir einen angemessenen Auftritt vor Ort sicherstellen“, sagt die 27-jährige Nürnbergerin und Foodsharing-Botschafterin Johanna Wiglinghoff. Zu den Foodsharing-Regeln gehört es zum Beispiel auch, dass sämtliche Lebensmittel mitgenommen werden, die ein Betrieb bereitstellt.


Die Nürnberger Foodsaver haben sich neben der eigentlichen Rettung auch das Thema Aufklärung  groß auf die Fahnen geschrieben, organisieren Schulworkshops oder klären Betriebe auf. Ein weiteres Mittel, um Foodsharing noch bekannter zu machen, sind in Nürnberg die monatlichen Foodsharing-Dinner. Kommen kann, wer will. Verarbeitet und gegessen wird, was an dem Abend gerade an geretteten Lebensmitteln zur Verfügung steht.


Übrigens hat Johanna Wiglinghoff auch einen ganzen Schwung Tipps für Privathaushalte parat, so dass diese gar nicht erst in die Bredouille kommen, Essen wegzuwerfen. „Man sollte sich stets fragen: Was brauche ich wirklich?“, sagt sie. Darauf sollte der Einkauf abgestimmt sein. Sie empfiehlt, kleine Portionen zu kaufen, selbst wenn eine große Packung im Angebot verlockt. Eine Alternative ist es, das überschüssige Gemüse und Obst einzufrieren, einzumachen oder mit Nachbarn zu teilen. Und viele Dinge lassen sich weiterverarbeiten, selbst wenn sie alt scheinen: Aus Brot zum Beispiel lassen sich leckere Semmelknödel, Semmelbrösel, Brotsuppe oder Brotchips herstellen. Und ganz oft landen Lebensmittel von Vornherein unnötig auf dem Müll: Radieschenblätter zum Beispiel schmecken hervorragend im selbst gemachten, grünen Smoothie. Beim Brokkoli sind nicht nur die Röschen essbar, sondern auch der Stil.


Schließlich ist da noch die Sache mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum. Denn  – anders als das Verfallsdatum – handelt es sich bei der Angabe nicht um ein Wegwerfdatum, sondern eine Empfehlung des Herstellers, das Produkt in dieser Frist zu verbrauchen. Bis dahin garantiert er, dass Geschmack, Geruch, Farbe, Konsistenz und Nährwert des Produkts seinen spezifischen Eigenschaften entsprechen. Bei Joghurt etwa bildet sich nach einer gewissen Zeit zwar Wasser auf der Oberfläche, genießbar bleibt es aber manchmal noch Monate nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums.  


Eine Studie der Universität Stuttgart aus dem Jahr 2012 hatte ergeben, dass jeder Deutsche privat pro Jahr durchschnittlich 82 Kilogramm Lebensmittel wegwirft, landesweit macht dies 6,7 Tonnen. Die Lebensmittelmassen, die bei Supermärkten & Co. in der Tonne landen, sind hier noch nicht berücksichtigt. Die gute Nachricht: Seit Lebensmittelretter die ehrenamtliche Arbeit in Deutschland aufgenommen haben, konnten sie immerhin schon 3,2 Millionen Kilogramm Nahrung einsammeln, verwerten und verteilen.   


Auch wenn eine weitere Initiative mit Foodsharing nicht direkt zu tun hat, sei sie zum Schluss erwähnt. Kürzlich hatte die 24-jährige Marlene Lange gemeinsam mit ihren Studienkollegen Veronika, Stephanie und Lea-Sophie zum ersten Foodswap in Würzburg eingeladen, das Konzept stammt aus Amerika. Menschen, die gerne kochen, backen oder einmachen treffen sich und tauschen untereinander selbst gemachte Lebensmittel aus. Ein guter Anlass, nicht nur um fremdgemachte Leckereien zu testen, sondern auch um die eigenen Marmeladenbestände im Keller zu reduzieren und gegen Dinge wie orientalisches Pesto, Dattel-Mandel-Aufstrich oder Cashewcreme einzutauschen. Ein zweiter Foodswap in Würzburg ist in Planung.

Der Artikel ist im „Franken. Magazin für Land und Leute“ erschienen.