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„Am schlimmsten sind das Warten und Nichtstun“


Von Michaela Schneider

Die Zahl der Asylbewerber steigt dramatisch. Allein im Jahr 2014 erreichten gut 4000 neue Flüchtlinge Unterfranken. Die Würzburger Gemeinschaftsunterkunft ist als „Drehscheibe“ für die Erstversorgung zahlreicher Neuankömmlinge zuständig, um die Erstaufnahmeeinrichtungen in München und Zirndorf zu entlasten. Vorteil im Regierungsbezirk: Die Verantwortlichen können auf ein bestehendes Netz aus Verbänden, Ärzten und vor allem auch Ehrenamtlichen zurückgreifen.


Unterfranken Am schlimmsten sind für Behailu Mengistu die Ungewissheit, das Warten und das Nichtstun. Vor fast zwei Jahren musste der Äthiopier aus seiner Heimat flüchten. Weil er den Mut gezeigt hatte, mit anderen Studenten  gegen die autoritäre Regierung zu demonstrieren. Weil er in seiner Masterarbeit reale Missstände im Land beschrieben hatte. Und weil ihm nach zwei Gefängnisaufenthalten mit lebenslanger Haft und Todesstrafe gedroht wurde. Schlepper brachten den Studenten aus der Heimat. Per Flugzeug gelangte er nach Deutschland - in ein Land, von dem er so gut wie nichts wusste. Inzwischen lernt der 28-Jährige dank privater Hilfe Deutsch, hofft auf seine Anerkennung als Flüchtling und würde gern Sozialarbeit oder  Wirtschaftswissenschaften studieren. Bis dahin bleiben die Ungewissheit und das Warten. Behailu als ein Einzelschicksal.


Die Regierung, die Städte und die Kommunen in  Unterfranken indes blicken derzeit weniger auf einzelne Fälle, sondern versuchen  mit allen Mitteln, den zunehmenden Flüchtlingsstrom aus Krisenregionen wie Syrien oder der Ukraine zu bewältigen. Während 2012 noch 921 Asylbewerber nach Unterfranken kamen, waren es ein Jahr später 1831. Bis Ende 2014 rechnete die Regierung von Unterfranken bei Redaktionsschluss mit gut 4000 Neuankömmlingen. Und die Situation wird sich Experten zufolge weiter zuspitzen. Anfang Oktober hatte ein Krisenstab der Bayerischen Staatsregierung entschieden, dass zum einen jede Kreisverwaltungsbehörde in der Lage sein muss, kurzfristig 200 bis 300 Asylbewerber aufzunehmen.

Zum anderen ist die Würzburger Gemeinschaftsunterkunft (GU) seit Mitte Oktober „Drehscheibe“, um die Erstaufnahmeeinrichtungen in München und Zirndorf zu entlasten. Das heißt: Die Asylbewerber müssen in der unterfränkischen Bezirkshauptstadt erst noch erfasst, erstversorgt und medizinisch untersucht werden, ehe sie auf Notunterkünfte verteilt werden können – zum Teil in Unterfranken, zum Teil aber auch in anderen Bundesländern. Eine drastische logistische und personelle Herausforderung – drei Mitarbeiter teilen sich in der Gemeinschaftsunterkunft Würzburg derzeit eine 24-Stunden-Bereitschaft und erfahren unter Umständen erst wenige Stunden vorher, dass ein neuer Bus mit Flüchtlingen eintreffen wird.


Allein im Oktober und November passierten 430 Asylbewerber die Würzburger „Drehscheibe“. Im Oktober stellte die Regierung deshalb auf dem Gelände der Gemeinschaftsunterkunft zunächst Zelte auf, funktionierte dann aber kurzerhand Gemeinschaftsräume um. Angebote wie die ehrenamtliche Rechtsberatung von Amnesty International mussten in dieser Zeit vorübergehend ausfallen. Seit Dezember stehen auf dem Gelände  Wohncontainer für die Notunterbringung. Trifft ein Bus mit Neuankömmlingen ein, werden diese laut Albert Cicero, Leiter der Würzburger Gemeinschaftsunterkunft, direkt von Medizinern in Empfang genommen für einen ersten Gesundheitscheck. An den nächsten Tagen folgen ausführlichere Untersuchungen mit Blutentnahme, Stuhlprobe und Röntgenaufnahme. Bis die Befunde vom Gesundheitsamt vorliegen, wohnen die Asylbewerber in gesonderten Notunterkünften. Räume zur Verfügung stellen seit Herbst die Erlöserschwestern in Würzburg, weitere 90 Plätze hat die Regierung im Würzburger Technikum am Heuchelhof geschaffen.  


Ist Deutschland mit dem stetig steigenden Flüchtlingsstrom überfordert? „Es war und ist abzusehen, dass eine wachsende Zahl an Flüchtlingen kommen wird“, sagt der Würzburger Anwalt Michael Koch,  3. Vorsitzender des Fördervereins Bayerischer Flüchtlingsrat e.V.. „Man will überfordert wirken, um entsprechende Gesetzesänderungen durchzubringen“, so sein Vorwurf.  Auch dass Neuankömmlinge von Freistaat ohne Erstaufnahme nach Franken „verschubt“ werden, betrachtet Koch skeptisch, vor allem mit Blick auf die medizinische Versorgung und ansteckenden Krankheiten wie Hepatitis B oder C. Das Missionsärztliche Institut und das Rote Kreuz übernähmen zwar in Würzburg die Untersuchung – deren Aufgabe aber sei dies eigentlich nicht.


Unabhängig von der „Drehscheibe“ und exemplarisch schildert GU-Leiter Cicero  die „normale“ Unterbringungssituation von Asylbewerber. Regulär leben auf dem alten Kasernengelände in der Veitshöchheimer Straße derzeit rund 450 Menschen aus 40 Nationen, vor allem aus Äthiopien, der Ukraine und ehemaligen Sowjetrepubliken – manche für Jahre.  130 Bewohner dürften bereits ausziehen, finden aber unter anderem keine Wohnung. Jedem Asylbewerber stehen rechtlich minimal sieben Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung, Zimmer werden in Würzburg mit maximal vier Personen belegt.  Rechtlicher Hintergrund der Unterbringung: Während des laufenden Asylverfahrens müssen Asylbewerber in Gemeinschaftsunterkünften oder "dezentral", also in kleineren angemieteten Wohnungen oder Pensionen wohnen.  In Unterfranken lebten Ende Oktober 2163 Menschen in 25 Gemeinschaftsunterkünften und 1939 in mehr als 120 dezentralen Unterkünften. Erst wenn dem Asylantrag stattgegeben wurde, also entweder Asyl, Flüchtlingsschutz, subsidiärer Schutz oder ein Abschiebungsverbot zuerkannt wurde, dürfen sich die Ausländer eine eigene Bleibe suchen.  


Welche Unterbringungsform letztlich geeigneter ist, ist strittig. Beispiele zeigen, dass bei dezentraler Unterbringung gerade die Integration von Familien in die Gesellschaft gut funktionieren kann. Ein beispielhafter Blick in den Landkreis Aschaffenburg nach Großostheim. In der Gemeinde mit 16300 Einwohnern sind in den Ortsteilen Pflaumheim und Ringheim in einem ehemaligen Gasthaus sowie in einer einstigen umgebauten Fabrikhalle gut 50 Asylbewerber untergebracht. „Natürlich gibt es immer ein paar Vorbehalte, aber insgesamt klappt das Zusammenleben sehr gut“, sagt Felix Krämer, stellvertretender Geschäftsleiter im Rathaus. Privat habe sich etwa eine Nachbarschaftshilfe gebildet, die Bewohner werden zu Festen eingeladen, einige engagierten sich in örtlichen Vereinen.


Doch wie gut Integration klappt, variiert. Behailu Mengistu ist froh, dass er nach sieben Monaten im 780-Einwohner- Dörfchen Gänheim im Landkreis Main-Spessart in die Gemeinschaftsunterkunft nach Würzburg verlegt wurde. Essen und Schlafen seien in Gänheim seine einzigen „Arbeiten“ gewesen.  Mit Büchern und online versucht er, ein bisschen Deutsch zu lernen. Die übrige Zeit nagte die Angst um die Eltern in Äthiopien, zu denen er seit der Flucht keinen Kontakt mehr hatte. Es quälte die Frage, warum eine Zukunft in der Heimat verwehrt bleibt. Und es erdrückten die Leere in der fremden Kultur und die gnadenlose Unsicherheit, wie es weitergehen wird. Etwas besser geht es Behailu in der Gemeinschaftsunterkunft in Würzburg: „Hier habe ich Deutsche getroffen und erklären können, wer ich bin“, sagt der 28-Jährige. Der hochgebildete junge Mann traf auf Menschen, die sich für ihn und sein Schicksal interessierten. Eine Familie finanziert ihm nun privat Deutschkurse an der Universität. Sollte Behailu bleiben dürfen, wären sie Voraussetzung für ein Studium. Der äthiopische Masterabschluss im Fach „Führung und Management“ wird in Deutschland nicht anerkannt.   


Wie aber steht Unterfranken im Vergleich zu den anderen bayerischen Regierungsbezirken da? Zwar hat die Notunterbringung alle getroffen. Unterfranken ist es jedoch recht zügig gelungen, eine Struktur aufzubauen, um den Flüchtlingsstrom zu bewältigen. „Unser Vorteil war und ist, dass gerade in der GU Würzburg Strukturen wie die medizinische Versorgung und das Engagement verschiedener Verbände bereits bestanden“, sagt Johannes Hardenacke, Pressesprecher der Regierung von Unterfranken. Nächste große Aufgabe: Nach Vorgaben der Bayerischen Staatsregierung muss in jedem Regierungsbezirk eine Erstaufnahmeeinrichtung zur Entlastung entstehen. Die erste eröffnet nach München und Zirndorf in diesen Tagen in Deggendorf, die nächsten werden im Sommer 2015 voraussichtlich die Unterfranken sein. Genutzt werden sollen dafür Teilflächen der ehemaligen US-Kasernen in Schweinfurt.  


Krisenplanung im Regierungsbezirk, in Städten und Kommunen auf der einen, ein immenses ehrenamtliches Engagement in der Bevölkerung auf der anderen Seite. Das war nicht immer und überall so, weiß Esther Seibert.  Vor dreieinhalb Jahren baute sie den „Initiativkreis Menschenwürde für Flüchtlinge Aschaffenburg“ mit auf. Damals – so ihre Erfahrung – gab es so gut wie keine Berührungspunkte zwischen Bewohnern der örtlichen Gemeinschaftsunterkunft und der Bevölkerung. „Eine Iranerin hat uns bei ersten Begegnungen unterstützt. Das öffnete Türen und wir erlebten: Die Menschen in der GU haben ein großes Bedürfnis zu erzählen.“ Esther Seibert bewegen die Lebensgeschichten. Sie ist beeindruckt vom hohen Bildungsstand etlicher Asylbewerber. Und sie erlebt unglaubliche Wärme und Herzlichkeit. Ins öffentliche Bewusstsein rückten die Flüchtlinge laut der 42-Jährigen mit Protestmärschen und Demonstrationen. Auch die steigenden Flüchtlingszahlen wirken sich unterm Strich positiv auf die ehrenamtliche Arbeit aus, so dramatisch diese faktisch sind. „Für uns ist es eine Erleichterung, dass das Thema jetzt in den Medien, in der Stadt, in der Bevölkerung angekommen ist“, sagt Seibert. Einige Beispiele: Kleiderspenden gehen ein, Weihnachtspäckchen wurden abgegeben, nicht nur Fachpersonal, sondern auch ehrenamtliche Kräfte unterrichten Deutsch.  


Das Engagement Ehrenamtlicher weiß auch Behailu Mengistu zu schätzen. Hätte er drei Wünsche frei, so stünden für ihn auf Platz eins Freiheit und Menschenrechte in Äthiopien.  Für sich persönlich hofft er auf die Chance, studieren und arbeiten zu dürfen. Und: „Ich möchte Deutschland eines Tages etwas zurückgeben und etwas für die Menschen in Äthiopien tun.“

Der Artikel  ist unter anderem  in „Franken. Magazin für Land und Leute“ erschienen.

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