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Ton ab, Kamera läuft in Rothenburg

Sonderausstellung befasst sich mit der mittelfränkischen Kleinstadt als Drehort und
Filmkulisse – In fast 100 Jahren entstehen hier rund zwei Dutzend Kinoproduktionen

 

Von Michaela Schneider

Rothenburg ob der Tauber „Ton ab, Kamera läuft und Action – Rothenburg als Filmstadt und Drehort“ ist eine Sonderausstellung ab dem 14. April in der Stadt ob der Tauber betitelt. Denn über sage und schreibe fast 100 Jahre drehten hier gut zwei Dutzend Mal Kinofilmteams aus aller Welt. Mit der Stummfilm-Posse „Robert und Bertram. Die lustigen Vagabunden“  entstand schon im Jahr 1915 der erste Spielfilm. Immer wieder dienten über die folgenden Jahrzehnte romantische Höfe und dunkle Verliese, versteckte Winkel und beschauliche Gassen als Kulisse für Produktionen aller Genres. Zuletzt war die mittelfränkische Stadt in dem Historienfilm „Die Unbedingten“ aus dem Jahr 2009 zu entdecken – einer deutschen Produktion über die Jenaer Burschenschaft und die Ermordung des Dichters August von Kotzebue im Jahr 1819.

 

Dr. Karl-Heinz Schneider, dem Leiter des Rothenburger Kriminalmuseums, ist eine kleine Sensation gelungen: Über Jahrzehnte konnte er zu sämtlichen Rothenburg-Produktionen Kinoplakate auftreiben. Er sei ganz einfach zu den richtigen Zeiten an den richtigen Orten gewesen, sagt der Film- und Geschichtsfan bescheiden, ergänzt: „Ausdauer ist beim Sammeln das Wichtigste.“ Mal glückten ihm Aufkäufe aus Privathand, mal steigerte er im Auktionshaus – und griff dafür immer wieder tief in die eigene Tasche. Auch Programmhefte, Aushangfotos und frühe Wochenschauen aus den Nachkriegsjahren konnte der Kunsthistoriker erwerben. Nun hat er auf Basis seiner kompletten Privatsammlung besagte Sonderausstellung konzipiert, die sich historisch-kritisch mit dem Drehort Rothenburg auseinandersetzen wird. Der Museumsleiter bezeichnet die Kinofilme als wichtige Zeitdokumente, die vielfach das jeweilige Rothenburg-Bild ihrer Zeit veranschaulichen. Als Rahmenprogramm plant Schneider Filmabende, hier hat er vor allem auch die Filme aus den 40er Jahren im Blick – nicht nur, weil sie inzwischen rechtefrei sind, sondern vor allem auch, weil sie kaum ein Rothenburger je gesehen hat. Als wichtige Zeitdokumente will der Museumsleiter zudem Ausschnitte aus den frühen Wochenschauen zeigen, hier konnte er etwa Filmpassagen zur Einnahme Rothenburgs durch die Amerikaner und Aufnahmen zur zerbombten Tauberstadt auftreiben. Die Ausstellung ist dabei für Schneider eine Art Abschiedsgeschenk an die Rothenburger: Im Sommer wird seine Amtszeit als Kriminalmuseumsleiter enden und er geht in Ruhestand.

 

Warum aber lockt ein 11000-Einwohner-Städtchen über Jahrzehnte immer wieder Filmteams aus heimischen Landen, England und Amerika an? Eine entscheidende Rolle mag dabei spielen, dass sich Rothenburgs mittelalterliches Stadtbild so gut erhalten hat, wie in kaum einer anderen Kleinstadt. Seinerzeit eine bedeutende Reichsstadt, die ihre Bedeutung mit reger repräsentativer Bautätigkeit untermauerte, verlor die Stadt in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges an politischem Einfluss und Reichtum. Aus heutiger Sicht hat dies auch seine positive Seite: Die Stadt blieb von Eroberung und Zerstörung weitgehend verschont, auch wüteten keine größeren Brände und die Industrialisierung hielt sich in Grenzen. Nach dem zweiten Weltkrieg bewiesen die Rothenburger fiel Weitsicht, als sie zerbombte Bauten überwiegend nach historischem Vorbild wiederaufbauen ließen.  

 

Doch zunächst ein Blick auf frühere Zeiten: Bereits im 19. Jahrhundert prägt sich das romantische Rothenburg-Bild ins Bewusstsein ein. Nicht nur Maler hierzulande halten die Winkel, Gassen und Ecken als mittelalterliches Idealbild fest. Auch ist beispielsweise im Jahr 1893 der gotische Teil des hiesigen Rathauses auf der Weltausstellung in Chicago zu sehen. Zwei Jahre später folgt in Berlin die erste öffentliche Filmvorführung überhaupt in Europa. 20 Jahre später trifft das erste Filmteam in Rothenburg ob der Tauber ein und dreht 1915 den Stummfilmstreifen „Robert und Bertram, die lustigen Vagabunden“ nach der Posse von Gustav Raeder. 1920 folgt das Drama „Monika Vogelsang“.

 

Als nächstes nutzen die Nationalsozialisten Rothenburg als propagandistisches Idealbild des deutschen Mittelalters, ab 1929 avanciert die Tauberstadt zur NS-Hochburg. Viermal dient sie während des dritten Reichs als Filmkulisse, unter anderem für die Produktion „Das kleine Hofkonzert“. „Dies war die Zeit der Heile-Welt-Filme“, sagt Schneider. Auf den ersten Blick greifen die Spielfilme kein nationalsozialistisches Thema auf und dienen der Unterhaltung, dennoch handelt es sich um ein Propagandamittel, denn: Letztlich sollen die Kinoabende von der Realität ablenken und „Normalität“ trotz Kriegs und Terror vermitteln.

 

Eine der wohl bedeutendsten Rothenburg-Produktionen entsteht dann im Nachkriegsjahr 1951 mit „Entscheidung vor Morgengrauen“, Schneider spricht von einem „absoluten Kultfilm“. Das US-amerikanische Antikriegsdrama des Regisseurs Anatole Litvak spielt im Deutschen Reich kurz vor Kriegsende. In den 50er Jahren drehen Kamerateams zudem Filme unterschiedlichster Genres: Sehr gut zu erkennen ist Rothenburg laut dem Museumsleiter in der ersten deutsch-amerikanischen Koproduktion nach dem Krieg überhaupt, im Historienstreifen „Martin Luther“ (1953). Als verschollen gilt der Märchenfilm „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“. Als romantisch-biederes Ideal rückt die Tauberstadt wieder 1956 in den Filmblick mit dem Heimatfilm „Die Christel von der Post“. Prominente Schauspieler wie etwa die Schweizerin Lilo Pulver kommen in dieser Zeit für weitere Produktionen ins Mittelfränkische. 1962 entsteht dann mit dem Märchenepos „Die wunderbare Welt der Gebrüder Grimm“ die größte US-Produktion überhaupt mit Rothenburg als Drehort. In den Hauptrollen: Laurence Harvey und Karlheinz Böhm. Das Filmteam reist nicht nur ins Taubertal, sondern auch auf Schloss Neuschwanstein und nach Weikersheim.  

 

Es folgen Gruselthriller wie „Die Schlangengrube und das Pendel“ (1967)  mit Lex Barker; der englische Kinderfilm „Tschitty Tschitty Bäng Bäng“ (1968), der bis heute regelmäßig in der Weihnachtszeit im Fernsehen läuft und in dem unter anderem ein Gefangenenwagen aus dem Kriminalmuseum zu sehen ist; der Klamauk „Zwanzig Mädchen und die Pauker“ (1971); oder die britische Verfilmung „Der Rattenfänger von Hameln“, die wohl derart schlecht ist, dass sie in Deutschlands Kinos erst gar nicht anläuft. In den folgenden Jahren wird es ruhiger um Rothenburg als Drehstätte. Erst in den 90er Jahren entsteht wieder eine größere Produktion: Regisseur Peter Sehrs deutsches Historiendrama „Kaspar Hauser“ mit André Eisermann in der Hauptrolle erhält mehrere Auszeichnungen. Die jüngsten Produktionen in der Rothenburg-Drehort-Reihe : Der Jugend-Fantasyfilm „Der Brief für den König“ (2008) und der Historienstreifen „Die Unbedingten“. Im Jahr 2010 reist ein Filmteam ins Taubertal um Passagen für den Kassenhit  „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ zu drehen – auf der Kinoleinwand schließlich ist Rothenburg jedoch nicht zu entdecken, die Szenen wurden aus dem Film geschnitten.

 

Wer noch mehr über den Drehort Rothenburg erfahren möchte kann dies vom 14. April bis zum 5. Mai in der Sonderausstellung „Ton ab, Kamera läuft – Rothenburg als Filmstadt und Drehort“ in der Johanniterscheune des Kriminalmuseums.

Der Artikel  wurde für „Saremba Presse und Kommunikation GmbH“ verfasst.

Nicht nur Kinoplakate, sondern auch Programmhefte und Aushangfotos hat Dr. Karl-Heinz Schneider, Leiter des Rothenburger Kriminalmuseums, über Jahrzehnte gesammelt.

Foto: Michaela Schneider

Gut zwei Dutzend Kinofilme entstanden über Jahrzehnte in Rothenburg.

 

Foto: Michaela Schneider