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Männliche Jungfrauen und das älteste Konfetti der Welt
Im neuen, multimedial und modern gestalteten Deutschen Fastnachtsmuseum in Kitzingen gehen Besucher in Themenräumen auf Erkundungstour und erfahren viel Spannendes zur fünften Jahreszeit

Von Michaela Schneider
Würzburg  
Die Narrenfiguren aus verschiedenen Regionen Deutschlands und Österreichs stehen stumm in Reih und Glied. Dann wird es dunkel, Musik setzt ein und Gestalten wie der Schuttig aus Elznach, eine fränkische Hexe oder der Kehrer aus Nassereith in Tirol erheben sich wie Geister aus den Originalen, schweben und poltern, treten ein in den Wettstreit der Narren. Die einen märchenhaft, die anderen zum Fürchten, doch alle tief verwurzelt in Geschichte, Brauchtum und lebendiger Fastnachtstradition. Die aufwändige Multimediashow aus Originalobjekten und Technikeffekten ist heute Herzstück des Deutschen Fastnachtsmuseums in Kitzingen. Und doch bildet sie nur ein kleines Element in einem Haus, in dem das ganze Jahr über Karneval herrscht. Und das wunderbar veranschaulicht, dass hinter dem ausgelassenen Treiben in der fünften Jahreszeit weit mehr steckt, als fröhliches Verkleiden, Helau- und Alaaf-Rufe und bunte Umzüge.


Wer nicht zum ersten Mal auf närrische Spurensuche im unterfränkischen Kitzingen geht, mag sich noch ans frühere Fastnachtsmuseum im historischen Falterturm erinnern. 1967 war das „Offizielle Museum des Bundes Deutscher Karneval e.V.“ seinerzeit eröffnet worden unter der Trägerschaft der Kitzinger Karnevalsgesellschaft.  So viele Exponate wie möglich versuchte man zu zeigen auf den sieben Falterturm-Stockwerken à rund 30 Quadratmetern. Jede Ecke wurde genutzt, teils hingen Exponate bis zu den Bildleisten.  Das hat sich grundlegend verändert.


Auf den inzwischen 550 Quadratmetern im Gebäude in der Luitpoldstraße ist mit rund 500 Original-Exponaten vielleicht ein Viertel der früheren Ausstellungsstücke zu sehen. Stattdessen sind diese in Kontext, Mitmachstationen und Multimedia eingebettet. Man wird nicht länger von einer Objektfülle auf engstem Raum erschlagen, sondern kann in Themenräumen auf angeleitete Erkundungstour gehen. Mit wenig Text, doch liebenswerten Details wie Narrenkappen zum Anprobieren, einem Schellengurt zum Lärmen  oder einer Audioeinspielung der fränkischen Fastnachtsgrößen Waltraud und Mariechen aus Fürth werden zentrale Botschaften vermittelt. Wer tiefer einsteigen will, kann dies via App oder Audioguide.  In den Themenräumen geht es zum Beispiel um die Geschichte des Karnevals, um regionale Bräuche, um das Wechselspiel zwischen Karneval und Politik, Prinzessinnenkostüme, Gardetanz  oder Frauen im Karneval.


Die nämlich spielten im Rheinischen Karneval überhaupt keine Rolle, das Treiben war eine reine Männersache. Selbst die Funkenmariechen waren anfangs Kerle. Zumindest dies sollte sich irgendwann ändern, weil ein tanzendes Mädchen im kurzen Rock eben doch hübscher aussieht. Die Jungfrau im Kölner Dreigestirn mimt dagegen bis heute ein Mann. Mit dieser Tradition brachen lediglich ab 1938 die Nationalsozialisten. Sie lehnten Männer in Frauenkleidern strikt ab, das widersprach dem nationalsozialistischen Herrenmenschen-Ideal. Nach dem Krieg allerdings schlüpfte rasche wieder ein Mann ins Jungfrauen-Kostüm.  


Gestaltet sind die Themenräume in zum Teil aufwändiger, symbolischer Optik – allen voran der „Raum der elf Thesen“. Dieser erinnert an ein Gotteshaus, die sakrale Architektur spiegelt den engen Zusammenhang zwischen Karneval und Kirche wieder. „Vor der Fastenzeit waren Essen, Trinken und Tabubrüche noch einmal erlaubt“, erzählt Museumsleiterin Daniela Sandner. Eine Art Schwellenzeit, die – psychologisch betrachtet -  als Ventil diente, ehe wieder strikte Unterordnung folgte. Und eine Schwellenzeit mit ganz praktischem Nutzen, um verbliebene Lebensmittel vor dem strengen Fasten zu verbrauchen.  Doch nicht nur die enge Verbindung zur Kirche, sondern auch der hochpolitische Hintergrund des Karnevals wird im Museum deutlich mit der Verbalhornung der Obrigkeiten als zentralem Element: Nicht umsonst ähnelt die älteste bekannte Narrenkappe in einer Vitrine aus der Zeit um 1840 den Pickelhauben des Militärs.

 

Bei den rund 500 Ausstellungsstücken im Museum – diese machen übrigens nur ein Zehntel des gesamten Depotbestandes aus – handelt es sich übrigens durch die Bank um Originale. Darunter finden sich auch so kuriose Stücke wie das mutmaßlich älteste Konfetti der Welt, das eines Tages aus einer Kölner Kappe von 1875 rieselte.


Das Deutsche Fastnachtsmuseum in Kitzingen ist das ganze Jahr über geöffnet, und zwar Dienstag bis Sonntag, zwischen 13 und 17 Uhr. Für Gruppen öffnet das Museum auf Anfrage unter Telefon 09321/23355 auch außerhalb der regulären Geschäftszeiten.  An jedem ersten Sonntag im Monat findet um 15 Uhr eine offene Führung statt.

Die Jungfrau im Kölner Dreigestirn ist bis heute ein Mann. Im Bild mit der Leiterin des Fastnachtsmuseums, Daniela Sandner.

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Fotos: Michaela Schneider


Infokasten: Zur Geschichte des Deutschen Fastnachtsmuseums in Kitzingen


Eröffnet wurde das „Offizielle Museum des Bundes Deutscher Karneval e.V.“ im Jahr 1967 unter der Trägerschaft der Kitzinger Karnevalsgesellschaft. Über die Jahre zogen auch das „Zentralarchiv der Deutschen Fastnacht“, die Europäische Dokumentationszentrale für fastnächtlichen Brauchtum“ und die Passstelle des „Bundesverbandes für karnevalistischen Tanzsport in Deutschland“ in die unterfränkische Kommune, Kitzingen hatte sich zum bedeutenden Zentrum der Karnevalisten, entwickelt. Dann allerdings musste im Jahr 2010 der Falterturm aus Brandschutzgründen geschlossen werden, das Ende einer Ära drohte. Bernhard Schlereth, Präsident des Fastnachtsverbandes, wollte sich damit nicht abfinden – und tatsächlich konnte der Kommunalpolitiker und Fastnachter den Umzug und eine vollständige Neukonzeption des Museums anstoßen. Gesamtkosten: 4,5 Millionen Euro. Im November 2014 eröffnete es die Türen. Seitdem zählte es mehr als 20000 Besucher. Träger ist die neu gegründete „Stiftung Kulturzentrum Fasching, Fastnacht, Karneval“, für die Museumsleitung zeichnet seit der Neueröffnung Volkskundlerin Daniela Sandner verantwortlich.  Und der Fastnachtsverband hat weitere Gebäude angekauft, hier sollen Veranstaltungs-, Schulungs- und Tagungsräume entstehen sowie eine kleine Museumsabteilung zur „Fastnacht in Franken“.  

Der Artikel ist unter anderem im Main Echo erschienen.