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Frau geht, Verein bleibt

Drei Wissenschaftler forschen seit Jahresanfang  am
ersten Institut für Fankultur in Deutschland - Sitz ist in Würzburg

 

Von Michaela Schneider

 

Unzählige Interviews hat er in den vergangenen Monaten gegeben, nie hätte er mit einer solchen Resonanz gerechnet, gesteht Harald Lange. Der Würzburger Sportwissenschaftler hat Anfang des Jahres mit zwei Kollegen ein unabhängiges Institut für Fankultur gegründet – das erste überhaupt in Deutschland. Interdisziplinär wollen die drei Wissenschaftler den Fan – vorrangig im Fußball - in all seinen Facetten untersuchen. Hooligans waren früher, jetzt machen vor allem Ultras von sich reden. Gewalt in Stadien, Rivalität zwischen Fangruppen und rechtsextremistische Strömungen dominieren auf den ersten Blick das mediale Bild. Das allerdings entspreche nicht der Realität, die deutschen Fußballstadien seien mit die sichersten in Europa – Eltern könnten ohne Bedenken mit ihren Kindern ins Stadion gehen, betont der Politikwissenschaftler Martin Thein. Er spricht von einer „absoluten medialen Verzerrung“. Nicht jeder Ultra sei automatisch gewaltaffin.

 

Und auch der dritte im Institutsbunde, der Kriminologe Jannis Linkelmann, hält eine Differenzierung für wichtig und will den Fußballfan ein Stück weit rehabilitieren – zumal die Ultras weniger als fünf Prozent der Fans im Stadion ausmachen. Die wissenschaftlichen Fragestellungen, die sich auftun, wirken dabei nahezu unbegrenzt: Erfüllen die Ultras auch die Funktion von Sozialarbeitern – und entwickelt sich hier vielleicht sogar eine neue Jugendkultur? Wie verändert sich die Atmosphäre im Stadion durch immer mehr weibliche Fans? Welche Bedeutung hat der Fan für den Fußballsport und den Sportler an sich? Und wie sollten Architekten Fußballstadien planen für eine perfekte Fankultur?

 

Bereits vor Institutsgründung kannten sich die drei fußballbegeisterten Wissenschaftler, hatten sich vorab schon über Themen wie Gewaltprävention, Frauenfußball und natürlich Fankulturen ausgetauscht. „Wir kamen auf die Idee, eine Homepage einzurichten, dann nahm unsere Zusammenarbeit immer mehr Struktur an“, erinnert sich Lange.

Der Artikel ist unter anderen in der Südwest Presse und den Fränkischen Nachrichten erschienen

Betrachtet Fans als Mikrokosmos, über den man die Welt verstehen kann: Sportwissenschaftler Harald Lange.

 

Foto: Michaela Schneider

Die Idee zur Institutsgründung war geboren. Gelehrt wird nicht, die Einrichtung dient ausschließlich Forschungszwecken. Trotzdem will das Institutsteam die interessierte Öffentlichkeit einbinden, so fand kürzlich ein erstes bundesweit ausgeschriebenes Seminar zum Thema Fankultur für Studenten aller Fachrichtungen statt. Denn geplant ist, den thematischen Dialog auf möglichst viele Disziplinen auszuweiten – tatsächlich haben sich laut Lange beim Institut bereits unter anderem Soziologen, ein Jurist, eine Ethnologin, ein Germanist, ein Anglist und ein Historiker gemeldet. Und: Jede Menge Fanclubs haben den Forschern eine Zusammenarbeit angeboten und in Internetforen wird intensiv übers Institut diskutiert.

 

Vorrangiges Ziel der Institutsleiter ist es, die Ultras noch genauer und empirisch unter die Lupe zu nehmen. Schon jetzt haben sie ein recht konkretes Bild von jener Subkultur, die in den 90er Jahren aus Italien nach Deutschland schwappte. Die Spannungen zwischen Polizei und Ultras führt Jannis Linkelmann auf diese Zeit zurück. „Nachdem die Hooligans aus den deutschen Stadien verbannt werden konnten und die Ultras sich langsam entwickelten, konnte die Polizei diese Gruppen an vielen Orten nicht richtig zuordnen und trat vergleichbar repressiv, wie gegen die Hooligans, auf“, so der Kriminologe, obwohl es den Ultras – anders als den Hooligans – in erster Linie um das Spiel, nicht um Gewalt ging. Diese empfundene Kriminalisierung existiere aus Sicht vieler Ultras bis heute.

 

Politikwissenschaftler Thein charakterisiert Ultras als jene Menschen, die sich als elitäre Retter des Fantums und wahre Vertreter des Vereins sähen - obwohl sie oft so gut wie keinen Kontakt zu den Klubs haben. In der Regel handle es sich von der Pike auf um Fußballfans, die dann mit 14, 15 Jahren in Kontakt mit den Ultras kämen. Diese seien sehr gut organisiert, hochintellektuell, stammten aus allen Gesellschaftsschichten und verfügten über extreme Kampagnenfähigkeit. Das mache sie für den Verein so unangenehm. Für die Stimmung in den Stadien seien sie indes von maßgeblicher Bedeutung: „In den 80er Jahren waren die Stadien tot, das hat sich mit den Ultras geändert“, erzählt Thein. Choreographien würden in harter Arbeit und manchmal für viel Geld einstudiert, das die Ultras selbst aufbringen. Dass das Fantum an sich seit ein paar Jahren dermaßen boomt, führt Thein auch auf einen gesellschaftlichen Werteverfall zurück: „Die Ehe geht kaputt und die Frau geht, aber der Verein bleibt“, veranschaulicht er. Kein echter Fußballfan wechsle in seinem Leben den Verein. Und: Ultras erfüllten gewissermaßen auch die Funktion von Sozialarbeitern – schließlich verbringe mancher Jugendliche viele Stunden pro Woche in den Räumlichkeiten der Ultragruppen.

 

Jannis Linkelmann setzt sich darüber hinaus als Polizeiwissenschaftler mit Polizeipräsenz in Stadien auseinander. Grundsätzlich funktioniere das Miteinander in deutschen Stadien seiner Auffassung nach sehr gut. Viele Länder blickten begeistert auf die stimmungsvollen Fankurven in Deutschland. Fanblöcke dürften allerdings kein rechtsfreier Raum sein, hier erfülle die Polizei vielerorts eine wichtige Funktion – etwa beim Trennen der beiden Fanlager. Es bedürfe immer individueller Einsatzkonzepte mit Augenmaß, die den jeweiligen Fangruppen gerecht würden. „Sehr wichtig ist, dass die Polizeibeamten die Möglichkeit bekommen, ihr Gegenüber zu verstehen“, so Linkelmann. Zum Beispiel in Vorträgen über Fans von unabhängiger Seite.

 

Mittelfristig, so Sportwissenschaftler Lange, wolle man im Institut die gesamte sportbezogene Fankultur als solche vermessen – von den Ultras über den „ganz normalen“ Fan im Stadion, über Public Viewing und Kneipenfußball bis zum Fan vor dem Fernseher. Langfristig sei darüber hinaus vorstellbar auch Fans von Stars, Musikgruppen und der Filmszene unter die Lupe zu nehmen. „Fans sind letztlich ein Mikrokosmos, über den man die Gesellschaft an sich verstehen kann“, ist Harald Lange überzeugt.

 

„Fußball versteht jeder,

und zwar sofort“.


(Sportwissenschaftler Harald Lange)

Infokasten: Über die Gründer des Instituts für Fankultur

Der Sport- und Bewegungspädagoge Harald Lange hat seit 2009 den Lehrstuhl für Sportwissenschaft an der Julius-Maximilians-Universität inne. Martin Thein ist Politikwissenschaftler, im Nebenfach hat er Psychologie studiert. Er hat an der Technischen Universität Dresden zum Thema Neonazismus in Deutschland promoviert. Seit geraumer Zeit schon erforscht er die deutsche Fußballfankultur, hat mehrere Bücher über Ultras und andere Fanphänomene publiziert. Und Jannis Linkelmann schließlich ist seit 2011 Doktorand am Institut für Sportwissenschaft in Würzburg, zuvor hatte er in Bochum Kriminologie und Polizeiwissenschaft studiert. So unterschiedlich die Fachrichtungen der drei Institutsleiter sind, haben sie doch vor allem eines gemein: Sie sind selbst Fußballfans und verbringen seit Jahren viel Zeit in Fußballstadien.