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Mobil trotz Handicap

Fahrschulchef Horst Kwiotek hat es sich zum Ziel gemacht, Menschen
 mit körperlichen Behinderungen auf dem Weg zum Führerschein zu begleiten


Von Michaela Schneider
Ohne die Hilfe Ihrer Eltern zur Arbeit? Bislang war das für die 21-jährige Ramona Rupprecht nicht möglich, denn eine Zugverbindung gibt es nicht von ihrem Heimatort, dem unterfränkischen Markt Bibart, aus in die 30 Kilometer entfernte Gemeinde Obernzenn. Für die junge Frau stand kurz nach Arbeitsantritt fest: Ein Führerschein muss her. Leichter gesagt als getan, denn die junge Frau ist mit nur 1,30 Metern kleinwüchsig, an einer Spastik in den Beinen erkrankt  und auf den Rollstuhl angewiesen.  Mit ihren Eltern begann sie zu recherchieren, stieß auf die Fahrschule Kwiotek in Würzburg. Unter dem Motto „Mobil trotz Handicap“ hat es sich das Team um Fahrschulchef Horst Kwiotek zum Ziel gemacht, Menschen mit körperlichen Behinderungen wie etwa einer Spastik, Querschnittslähmung, halbseitigen Lähmungen oder Amputationen auf dem Weg zum Führerschein zu begleiten. Und nicht nur das: Auch Legastheniker, Analphabeten oder  Schüler mit Autismus oder Ängsten werden in der Fahrschule individuell betreut bis zur eigenen Fahrerlaubnis.  


Tatsächlich bedeutet ein Führerschein gerade für Menschen mit Handicap Mobilität, Flexibilität und Freiheit. Nicht von ungefähr fordert Artikel 20 der UN-Behindertenrechtskonvention „wirksame Maßnahmen, um (…) persönliche Mobilität mit größtmöglicher Unabhängigkeit sicherzustellen“.  Rein rechtlich hat zunächst einmal jeder Bürger das Anrecht, einen Führerschein zu machen – allerdings mit einer Einschränkung:  Es muss gewährleistet sein, dass durch die Behinderung die Fahrtüchtigkeit nicht eingeschränkt wird. Soweit die Theorie.


In der Praxis ist der Weg zur Führerschein für Menschen mit Handicap mit Untersuchungen, Anträgen und Extrakosten gepflastert. Umso wichtiger ist deshalb die Auswahl einer geeigneten Fahrschule. Zunächst braucht`s je nach Behinderung technische Voraussetzungen wie etwa ein Auto mit Automatikgetriebe, ein Handgerät oder einen Lenkradknopf zum Blinken. Ebenso entscheidend aber ist, dass das Fahrschulteam sehr individuell auf die Bedürfnisse der Schüler eingeht.  

Dass Horst Kwiotek sich dies zur Lebensaufgabe gemacht hat, hängt eng mit seiner eigenen Biographie zusammen. „Ich war in der Schule selbst keine große Leuchte“, erzählt der 62-Jährige. Massive Rechtschreibprobleme machten ihm das Leben schwer in einer Zeit, als Schüler mit Legasthenie schlichtweg als unbegabt abgestempelt wurden. „Ich wollte unbedingt zeigen, dass man auch mit einer Schwäche etwas erreichen kann“, erinnert sich Kwiotek. Er schaffte mit viel Fleiß den Schulabschluss, absolvierte eine Ausbildung zum KFZ-Mechaniker und arbeitete als Werkstattleiter bei der Bundeswehr. Dann fiel für ihn der Entschluss: „Ich möchte etwas weitergeben, ich will Fahrlehrer werden.“ Vor rund 30 Jahren eröffnete er im Würzburger Stadtteil Zellerau die eigene Fahrschule.


Von Beginn an begleitete er – geprägt durch die eigenen Erfahrungen - Legastheniker und Analphabeten zum Führerschein, setzte auf intensives, verständnisvolles und individuelles Training. Was übrigens viele nicht wissen: Ist eine Leseschwäche, Legasthenie oder Analphabetismus von Schule oder Arzt bestätigt, kann die theoretische Prüfung am PC als Audioprüfung abgelegt werden, Fragen werden vorgelesen.


Zum Thema „Mobil trotz Handicap“ kam Kwiotek wie die Jungfrau zum Kinde, eines Tages stand eine Frau bei ihm in der Tür mit Hämangiom. In ihrem Fall befand sich der Blutschwamm am Kopf und wirkte sich auf ihre Koordinationsfähigkeit aus. Dass sie den Weg in die Zellerau gewählt hatte, lag schlicht daran, dass wenige Fahrschulen zu jener Zeit einen Pkw mit Automatikgetriebe besaßen. „Ich hatte keine Erfahrung, Menschen mit körperlichem Handicap zu unterrichten,  also las ich mich in die Krankheit ein – und hatte dann riesigen Spaß daran, auf die neue Schülerin einzugehen.“  Übrigens mit Erfolg – und das sprach sich rasch herum. Eines Tages fragte ein Mann mit einer Spastik bei der Fahrschule an. „Das war ein entscheidender Moment, denn jetzt musste ich zusätzlich in die Fahrzeugausstattung investieren“, erinnert sich der Fahrschulchef. Als Grundausstattung schaffte er Pedale mit Doppelbedienung sowie ein Handgerät an. Mit einer Firma entwickelte er einen Lenkradknopf fürs Blinken. „Es gab damals wenig Möglichkeiten, technisch umzurüsten, das war erst im Kommen“, erinnert sich der 62-Jährige.


Heute sieht das anders aus. Spezialisierte Firmen passen Autos exakt an die Bedürfnisse und Einschränkungen des Fahrers und seine Behinderung an. Handicaps in den oberen Gliedmaßen werden etwa mit Hilfe spezieller Lenkräder oder Joysticks kompensiert. Rollstuhlfahrer können auf Einsteighilfen und Verlader zurückgreifen. Bei Einschränkungen in den unteren Gliedmaßen wie bei der kleinwüchsigen Romana übernehmen die Hände die Fußfunktionen. Manche andere Einschränkung lässt sich unkompliziert und kostensparend ausgleichen. In Sachen Sitzhöhe behilft sich Ramona mit mehreren stabilen Kissen. Und damit die Füße nicht in der Luft schweben, hat sie ein Holzkistchen für den Fußraum schreinern lassen.  


Welche Umbauten und Vorrichtungen nötig sind, ist übrigens direkt im Führerschein  vermerkt. Entsprechend hoch ist der bürokratische Aufwand – noch vor der ersten Fahrstunde. Zunächst einmal braucht es laut Kwiotek in Deutschland eine fachärztliche Untersuchung, am besten direkt von einem Verkehrsmediziner. Hinzu kommt eventuell eine medizinisch-psychologische Untersuchung. Im Gutachten muss stehen, um welche Krankheit  sowie ob es sich um einen progressiven oder statischen Krankheitserlauf handelt und ob aus medizinischer Sicht Bedenken bestehen in Sachen Fahrtauglichkeit.  Ganz ähnlich sieht es in Österreich aus, auch hier wird man zur Fahrprüfung nur bei gesundheitlicher Eignung zugelassen.


„Sehr wichtig ist meiner Ansicht nach, dass eine Fahrschule Schüler mit Handicap auch vorab gut berät“, sagt Horst Kwiotek. Vorgeschrieben ist`s nicht, doch macht der 62-Jährige häufig selbst noch verschiedene Tests, um herauszufinden, ob potenzielle Schüler sein Fahrzeug auch wirklich bedienen können. „Es gibt Schüler, die ich ablehnen und an Kollegen empfehlen muss, weil die technischen Voraussetzungen an meinem Fahrzeug fehlen“, sagt er. Als nächstes folgt ein Antrag bei der Führerscheinbehörde, diese fordert, wenn Umbauten am Fahrzeug nötig sind, zusätzlich ein technisches Gutachten. Dieses kann die Fahrschule vorab formulieren. Ein Ingenieur einer offiziellen Stelle, etwa vom TÜV, prüft und ergänzt es.


Wichtig zu wissen: Wer auf Fördermittel hofft, sollte diese noch vor sämtlichen Gutachten beantragen. Als  Grundlage dient in Deutschland die sogenannte Kraftahrzeughilfeverordnung. Voraussetzung für sämtliche Arten an Zuschüssen ist, dass das Auto gebraucht wird, um die Arbeitsstelle oder den Ausbildungsplatz zu erreichen. Kostenträger können etwa die Agentur für Arbeit, das Sozialamt oder die Rentenversicherung sein. Das gilt übrigens nicht nur mit Blick auf die Finanzierung der Gutachten und des Führerscheins, sondern auch, wenn es im Anschluss um die Fahrzeuganschaffung geht. In Österreich sind – je nach Einzelfall – die Unfallversicherung, die Pensionsversicherung und/oder das Bundessozialamt zuständig.


Sind alle Rahmenbedingungen geklärt, steht dem Fahrunterricht nichts mehr im Wege. Horst Kwiotek und seine Mitarbeiter arbeiten sich dafür in jeden Fall neu ein. „Unser Prinzip ist es, die Schwächen der Schüler zu ihren Stärken zu machen“, sagt der 62-Jährige, nennt als Beispiel Fahrschüler mit Autismus. Hier müsse die Stimme des Fahrlehrers immer gleichbleibend sein, Sarkasmus sei absolut fehl am Platz. Ein Vorteil sei der ausgeprägte Ordnungssinn eines Autisten. „Ständig wiederkehrende Vorgänge wie den Schulterblick wird er nie vergessen“, so der Fahrschullehrer.


Seine zweite Fahrstunde hinter sich hat der 22-jährige Robert Piewak aus dem Dorf Güntersleben. Eine Hemiparese und linksseitige Spastik im Bein sowie leicht im Arm führen bei dem jungen Mann zu sehr grobmotorischer Koordination. „Robert wird eine Weile brauchen bis zum Führerschein, aber das ist reine Übungssache“, ist sein Lehrer Horst Kwiotek überzeugt. Entsprechend darf Robert parallel zu den Fahrstunden in der Fahrschule am nagelneuen Fahrsimulator trainieren. Daheim übt er mit Pizzatellern weiter umzugreifen. Demnächst wird Horst Kwiotek Schülern für solche Fälle übrigens richtige Lenkräder ausleihen können, die will ihm ein Schrotthändler zur Verfügung  stellen.


„Wenn ich ein Auto habe, ist alles einfacher und ich könnte auch einmal für Kollegen einspringen“, freut sich Robert jetzt schon. Bislang fahre er mit dem Bus zur Arbeit und sei manchmal bis zu drei Stunden vor Arbeitsbeginn vor Ort. Und noch etwas hat sich der junge Mann vorgenommen: „Ich will nach München fahren, denn ich war noch nie bei einem Bayern-München-Fußballspiel.“

Seit Sommer 2015 stolze Führerscheinbesitzerin: Ramona Rupprecht.

Fotos: Michaela Schneider


Der Artikel ist unter anderem im Magazin „Behinderte Menschen“ erschienen.