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Zu viel oder zu wenig: Beides macht krank
Essstörungen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutik erklärt, wie sich Magersucht,
Brechsucht, aber auch Adipositas auf den Körper auswirken und wie man die Krankheiten behandelt

 

Von Michaela Schneider

Würzburg Wäre die Barbiepuppe ein Mensch, hätte sie ununterbrochen Rückenschmerzen und würde umkippen, haben Wissenschaftler berechnet. Und auch, wenn die mehr als 50 Jahre alte Dame inzwischen ein bisschen zugenommen hat, wird hier – wie auch in Castingshows und der Welt der Stars und Sternchen – schon im Kinderzimmer ein Schönheitsideal kommuniziert, das vor allem Mädchen und junge Frauen in die Mager- oder Brechsucht treibt. Auf der anderen Seite ist mehr als ein Fünftel der Deutschen heute adipös. Egal, ob zu viel oder zu wenig: Essstörungen nehmen in der Bevölkerung zu, sind ungesund bis hin zur Lebensbedrohlichkeit und belasten zunehmend die Kassen des Gesundheitssystems. Bodo Warrings ist Oberarzt und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Er spricht über Anzeichen sowie Behandlungsformen von Anorexia und Bulimia nervosa sowie Adipositas.

 

Anorexia nervosa – die Magersucht

Ein prominentes historisches Exempel für eine Frau, die wohl zumindest an einer leichten Magersucht litt, ist keine geringere als Elisabeth I.  Die österreichische Kaiserin hielt andauernd Diät und betrieb bei langen Ausritten und im eigens eingerichteten Sportzimmer exzessiv Sport – für eine Frau im ausgehenden 19. Jahrhundert eigentlich unvorstellbar. Ihr Taillenumfang von gerade einmal 50 Zentimetern galt als legendär. Die europäische Welt bewunderte die Monarchin für ihre Schönheit – und manches Mädchen mag damals schon diesem Idealbild nachgeeifert haben.

 

Heute indes sind es Castingshows wie „Germanys next Topmodel“, die Mädchen in die „Anorexia nervosa“ treiben. Neben den soziokulturellen Einflüssen können auch Genetik, Umweltbedingungen und Familie eine Rolle spielen.

Warrings betont: Nicht allein das Gewicht und ein Body-Mass-Index (BMI) unter 17,5 deuten auf eine Magersucht hin. Wohl aber sollte das Umfeld hellhörig werden, wenn zusätzlich zum niedrigen BMI  der Gewichtsverlust selbst herbeigeführt wird, etwa durch extensiven Sport, entwässernde Mittel oder Sattmacher; wenn Ernährungsgewohnheiten immer extremer werden, zum Beispiel, komplett auf Hochkalorisches verzichtet wird und nur noch Magerprodukte gegessen werden. Warrings erzählt: Er musste eine Patientin behandeln, die nichts anderes mehr aß als Milchreis. Ganz typisch sei, dass der Essvorgang selbst extrem lang dauere. „Da wird eine Erbse noch zweimal durchgeschnitten“, veranschaulicht der Mediziner. Auch horteten manche Magersüchtige regelrecht Süßigkeiten: „Schließlich mag man diese eigentlich – isst sie bloß nicht.“ Tatsächlich kreisen die Gedanken der Patienten permanent ums Essen. Die Erklärung ist schlicht: Die Patienten leiden ständig unter Hunger.

 

Ganz typisch für Magersüchtige ist zudem eine völlig gestörte Selbstwahrnehmung: Obwohl Mädchen nur noch Haut und Knochen sind, meinen sie, der Bauch oder die Oberschenkel seien zu dick. „Sie empfinden sich selbst als hässlich und leiden darunter sehr“, beschreibt Warrings das beinahe wahnhafte Empfinden der Patienten.    

Durch das extrem niedrige Gewicht kann es zu Störungen der Hormone kommen – bei Frauen setzt die Regel aus – oder bei Mädchen erst gar nicht ein. „Es gibt Frauen, deren Körper mit 30 oder 40 Jahren aussieht wie von einer Zwölfjährigen“, hat der Mediziner erlebt.

 

Damit einher gehen können Folgekrankheiten wie ein erhöhtes Osteoporoserisiko oder Herzrhythmusstörungen, erhöhte Leber- und Nierenwerte, Blutbildveränderungen oder Stoffwechselstörungen. Mancher Wissenschaftler geht davon aus, dass das Sterberisiko eines Anorexia-nervosa-Patienten  sage und schreibe viermal höher liegt als bei Normalgewichtigen. Zudem ist der Leidensdruck der Patienten extrem groß, nicht wenige erkranken – auch durch Störungen im Sozialverhalten - an Depressionen, die bis hin zum Suizid führen können.  

Das Tragische dabei: Magersucht ist gar nicht so selten. Untersuchungen haben ergeben, dass eine von 100 Frauen einmal in ihrem Leben an Anorexia nervosa leidet. Bei Männern hingegen ist es im Schnitt nur einer von 1000. Eine reine Erscheinung der Wohlstandsgesellschaft? Nein, denn tatsächlich gab es Anorexie immer schon – auch in Hungerzeiten und Entwicklungsländern.

 

Bulimia nervosa – die Brechsucht

Die Bulimia nervosa ist der Anorexie nicht unähnlich – sie kommt aber häufiger vor: Bis zu vier Prozent der Frauen, meist Mädchen zwischen 16 und 19 Jahren, erkranken an Brechsucht. Bei Männern sind es 0,3 Prozent. Die Patienten leiden dabei unter der krankhaften Furcht dick zu werden, obwohl sie in der Regel Normalgewicht haben. Alle Gedanken kreisen permanent ums (Nicht-)Essen -  regelrechte Essattacken mit völligem Kontrollverlust sind die Folge. 2000 bis 3000 Kalorien werden auf einmal konsumiert. Zum Vergleich: Der komplette Tagesbedarf einer Frau liegt bei rund 2000 Kalorien. Den Fressattacken steuern die Patienten dann durch Erbrechen oder auch Medikamente gegen.

 

Woran aber kann man erkennen, dass ein Familienmitglied oder Freund tatsächlich an Anorexie oder Bulimie erkrankt ist? Neben den typischen Verhaltensweisen gibt es verschiedene körperliche Anzeichen wie Lanugobehaarung, sprich eine Art Haarflaum zum Beispiel im Nacken, trockene, schuppige Haut, blaugefärbte Extremitäten, Haarausfall, erhöhten Blutdruck oder eine niedrige Körpertemperatur - die Patienten frieren auch im Hochsommer.

 

Wie Magersucht und Bulimie behandelt werden

Die positive Nachricht: Magersucht lässt sich behandeln. Laut Warrings sind 44 Prozent der Anorexie-Patienten nach vier Jahren genesen. Bei einem Viertel allerdings entwickelt sich die Anorexie zur chronischen Krankheit. Die nächste schlechte Nachricht: Medikamente gegen Anorexie gibt es nicht, meist ist eine sehr umfangreiche, lange Therapie nötig bis zur vollständigen Genesung – und vor allem die ambulanten Therapieplätze sind begrenzt. Eltern erkrankter Kinder berichten von bis zu zwei Jahren Wartezeit. Warrings behandelt an der Würzburger Uniklinik stationär. In vielen Fällen ist hier zunächst eine somatische Rehabilitation und Ernährungstherapie nötig. „Das Gewicht muss steigen, sonst sind viele Patienten kaum psychotherapiefähig. Dann müssen auch scheinbare Kleinigkeiten neu trainiert werden – zum Beispiel, wieder einen ganz normalen Bissen zu nehmen. Anfangs werden den Patienten genaue Essmengen vorgegeben – später wenden sie die neuen Erfahrungen selbst an und üben normal zu essen. „Die Liste verbotener Lebensmittel sollte kleiner werden und die Patienten müssen wieder lernen zu genießen“, fügt Warrings an.  Das Bild vom eigenen Körper muss wieder realistisch werden, eventuell ist auch eine Sexualtherapie notwendig. Fast jeder Bulimie-Patient leidet an Depressionen – und oft auch an zwanghaften Verhaltensweisen. Die Therapeuten eröffnen Alternativen zu Essattacken – sei es Gymnastik oder auch nur ein heißes Bad. Teil der Therapie sind zudem Prävention sowie Rückfallprohylaxe. Auch Familie und Angehörige werden laut Warrings bewusst in die psychotherapeutische Behandlung einbezogen.

 

Adipositas – die Fettleibigkeit

Noch wesentlich verbreiteter als das Zuwenig, ist indes hierzulande das Zuviel. Unter Adipositas, sprich Fettleibigkeit, leiden in Deutschland 20,8 Prozent. Ihren Beitrag leisten da die Überflussgesellschaft, die ständige Verfügbarkeit fetter und zuckerreicher Lebensmittel sowie Freizeitaktivitäten, die sich heute häufig vor Computer, Spielekonsole oder Fernseher abspielen. Beim Blick auf genetische Faktoren blickt Warrings zudem zurück bis in die Steinzeit: „Die Jäger mussten mit wenig Essen auskommen – und war Essen da, setzte der Körper als Reserve sofort Fett an.“ Damals überlebenswichtig, heute ein Problem, denn zum „Jagen“ geht’s in den Discounter um die Ecke. Der Körper ist weiterhin darauf programmiert, Fett anzusetzen, sobald verfügbar – doch bleiben die Hungerperioden aus. Und: Das menschliche Gehirn ist laut Warrings egoistisch. Weil es viel Glukose benötigt, signalisiert es dem Körper, möglichst viel und schnell zu essen.

 

Dabei ist Fettleibigkeit nicht nur ungesund für den ganzen Körper, sondern auch für die Psyche: Belegt ist, dass adipöse Menschen doppelt so häufig psychiatrische Störungen aufweisen. Je jünger eine adipöse Frau, desto höher das Risiko an einer Depression zu erkranken. In der Therapie wird dem Gewicht zu Leibe gerückt mit einer Umstellung der Ernährung und des Verhaltens, mit Bewegung, aber auch mit Medikamenten und chirurgischen Eingriffen. Die Patienten treiben Sport, lernen ein anderes Ess- und Trinkverhalten kennen und trainieren Schlüsselreiztechniken. „Da geht es etwa darum: Wie lernt man mit Bäckereiduft in der Stadt umzugehen, ohne sich gleich ein süßes Teilchen zu kaufen“, veranschaulicht der Mediziner. Sehr wichtig sei zudem eine soziale Unterstützung, denn etliche Menschen mit starkem Übergewicht seien massiv isoliert, stünden permanent unter dem Generalverdacht mangelnder Disziplin und seien tagtäglich abschätzenden Blicken und Anfeindungen ausgesetzt.

 

Ernüchternd allerdings ist: Eine langfristige Senkung des Körpergewichts kann laut Warrings zwar ohne chirurgischen Eingriff gelingen – aber nur selten, die Langzeitergebnisse seien sehr unbefriedigend. Zwölf Monate nach der Therapie steige das Gewicht häufig wieder an, nach 36 Monaten sei in den meisten Fällen das Ausgangsgewicht wieder erreicht. Als effektiv indes hat sich vor allem der so genannte Magenbypass erwiesen – Krankenkassen tragen die Operationskosten bei einem BMI über 40. Durch den chirurgischen Eingriff wird ein großer Teil des Magens ausgeschaltet. Allerdings darf der Patient sein Leben lang keine größeren Mengen mehr essen oder viel Alkohol trinken und muss Vitaminpräparate schlucken. Diese Kosten übernimmt die Krankenkasse nicht.

 

 

Der Artikel ist im Magazin „Gesundheit!“ erschienen.

Infokasten: Body-Mass-Index (BMI)

Der Body-Mass-Index, kurz BMI bezieht das Gewicht auf das Quadrat der Körpergröße:

Gewicht in kg
------------------

(Körpergröße in Metern)²

 

Allerdings ist der BMI lediglich ein grober Richtwert, denn er berücksichtig weder Statur, noch Geschlecht und die Zusammensetzung der Körpermasse aus Fett- und Muskelgewebe. Ein Sportler mit viel Muskulatur hat dadurch einen hohen BMI – ist aber deshalb noch lange nicht übergewichtig.

 

Der BMI bei Erwachsenen:

starkes Untergewicht                        ≤ 16,0

 mäßiges bis leichtes Untergewicht   16,0– 18,5

 Normalgewicht                                  18,5–25,0

Übergewicht                                      25,0–30,0

 Adipositas                                          ≥ 30,0