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Erinnerungskultur hat in Franken viele Gesichter. Die einen Städte stellen sich dem schweren
historischen NS-Erbe engagiert selbst, andernorts gehen Initiativen von Einzelnen aus. Viele
Fragen sind offen, manche Herangehensweise ist umstritten. Einige Gedanken und Exempel.


Vom Umgang mit der NS-Erblast

Von Michaela Schneider
„Mit nur wenigen Landstrichen fühlte sich Hitler so eng verbunden wie mit Franken“, schrieb der Journalist und Buchautor Egon Fein in seiner Abhandlung „Hitlers Weg nach Nürnberg“. Kein leichtes Erbe, dessen Aufarbeitung sich die einen Städte bewusst stellen und mit dem sich andere Kommunen bis heute schwer tun.  So eröffnete erst vor wenigen Wochen der offizielle Dokumentationsort Hersbruck/Happurg und erinnert nun an eines der größten Außenlager des Konzentrationslagers  Flossenbürg. Vorausgegangen waren allerdings immer wieder auch Initiativen, um den Gedenkort zu verhindern. Einige Gedanken zur Erinnerungskultur in Franken.


Der Begriff Erinnerungskultur wurde populär, als sich die deutsche Gesellschaft ab 1989 mit zwei Vergangenheiten, der DDR wie dem Nationalsozialismus, konfrontiert sah, sagt Geschichtsprofessor Bert Freyberger, seit 2008 Inhaber der Professur für Didaktik der Geschichte an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Initiativen des Erinnerns hatten sich jedoch schon vor der Wende geformt. 1973 hatte Bundespräsident Gustav Heinemann den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten ins Leben gerufen. Jungen und Mädchen wurden angehalten, mit offenen Augen vor der eigenen Haustür auf historische Spurensuche zu gehen. 1978 löste die US-amerikanische TV-Serie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ erste rege Diskussionen über die nationalsozialistische Vergangenheit in der bundesdeutschen Öffentlichkeit aus.  Nach 1980/81 drehten sich dann gleich zwei Wettbewerbsausschreibungen ums Thema „Alltag im Nationalsozialismus“. Einzelne Schülerinnen und Schüler begannen  so mit der lokalen Geschichtsaufarbeitung.


Und vielleicht ist das bis heute ein wesentlicher Aspekt der Erinnerungskultur: „Aufgescheucht werden Orte fast immer erst durch engagierte Einzelinitiativen“, sagt Bert Freyberger.  Wenn überhaupt. Dafür ein Blick nach Bamberg. Der Historiker Andreas Ullmann koordiniert hier die Verlegung der so genannten Stolpersteine. Der Künstler Gunter Demnig rief das Kunstprojekt im Jahr 1992 ins Leben, bundesweit beteiligen sich Kommunen. Kleine Gedenktafeln im Boden sollen an den einstigen Wohnorten an das Schicksal von Menschen erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, deportiert, ermordet wurden. Ein Erinnern ganz persönlich und direkt vor Ort. Viele Bürger reagieren laut Ullmann erst einmal schockiert, wenn sie so unmittelbar mit der Geschichte ihres Wohnhauses konfrontiert werden.  Bewusst werden Stolpersteine deshalb auf öffentlichem Boden ins Gehwegpflaster eingelassen, um keine Genehmigung bei Anwohnern einholen zu müssen. Die Stadt Bamberg knüpfte 2004 allerdings eine Bedingung an die Verlegung, nämlich, dass die Bewohner angrenzender Häuser dieser zustimmen müssen. „Einige haben`s abgelehnt“, erinnert sich Ullmann. Mit politischer Unterstützung konnte die Bamberger Stolperstein-Initiative schließlich durchsetzen, dass die Regelung zurückgenommen wurde. Rund 150 Stolpersteine sind in Bamberg inzwischen verlegt, werden vom Team um Andreas Ullmann regelmäßig gesäubert, zu Verlegungen reisen überlebende Familienmitglieder aus dem Ausland an, der Historiker erzählt von vielen, sehr emotionalen Momenten. Und gerade auch für Schulklassen böten Stolpersteine und die sehr persönlichen Geschichten einen guten Zugang zur Historie, so die Erfahrung des Historikers.  

Ein großes Thema in Sachen Erinnerungskultur ist auch die Frage nach dem Umgang mit der architektonischen NS-Erblast. In keiner anderen fränkischen Stadt ist die einstige Nazi-Propaganda-Architektur dabei so präsent wie in Nürnberg auf dem NS-Reichsparteitagsgelände. Die Stadt setzt sich heute mit ihrer Historie auseinander, keine Frage – das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände und das Memorium Nürnberger Prozesse sind nur zwei Beispiele. In jüngerer Zeit entbrannte jedoch eine Diskussion um die Zeppelintribüne, und damit um jenen Ort, an dem sich das menschenverachtende Regime einst pompös inszenierte.


2007 berichtete das Nürnberger Rathaus, dass die Tribüne einsturzgefährdet sei. Schon seit 1973 stehen die Bauten des Reichsparteitagsgeländes unter Denkmalschutz und im Koalitionsvertrag aus dem Jahr 2013 heißt es: „Angesichts der enormen Wissensdefizite bei Jugendlichen über die beiden deutschen Diktaturen im 20. Jahrhundert gilt es, wirksame Mittel für eine bessere Wissensvermittlung   wie die schulische und außerschulische politische Bildung zu nutzen. Authentischen Orten, wie beispielsweise dem ehemaligen ‚Reichsparteitagsgelände‘ in Nürnberg, kommt eine wesentliche Funktion für die Geschichtskultur in Deutschland zu, die gemeinsam mit dem jeweiligen Land erhalten und genutzt werden soll.“ Dennoch diskutierte die Stadt mit Blick auf die Zeppelintribüne die Frage: generalsanieren, verfallen lassen oder abreißen? Experten plädieren weitgehend für den Erhalt – dennoch sieht sich die Stadt auch der Kritik ausgesetzt, mit einer Sanierung eine überzogene Form der Erinnerungskultur zu praktizieren.


Als nächstes ein Schwenk ins unterfränkische Würzburg. Hier startete das Kulturreferat der Stadt Würzburg im Frühsommer 2010 das Projekt „Dialog Würzburger Erinnerungskultur“ – vielleicht auch ein Stück weit, weil das Erinnern lange Zeit vor allem um die Bombardierung  der Stadt am 16. März 1945 und die Opferperspektive gekreist war, während die Frage nach dem Warum unbeantwortet blieb. Der Dialog hat ein Stück weit für ein Umdenken gesorgt. Auch wurde zum Beispiel die Provenienzforschung im Kulturspeicher angestoßen. Allerdings wurde in Bürgerwerkstätten unter dem Oberbegriff „Erinnerungskultur“ nicht nur auf den Nationalsozialismus, sondern auch weit tiefer in der Vergangenheit auf Fürstbischof Julius Echter, aufs Thema Hexenverfolgung geblickt. Der Begriff selbst werde dadurch verwässert, hält mancher Kritiker vor.

Doch tatsächlich beschäftigen eben auch ältere Relikte - zum Beispiel das Krieger-Mahnmal im Würzburger Husarenwäldchen.


Errichtet wurde es zwischen 1925 und 1931 vom Bildhauer Fried Heuler in Erinnerung an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Von den Nationalsozialisten wurde es  zunächst abgelehnt, dann aber als „Ehren-Heldenmal“ für Propaganda missbraucht. Spätestens zum Volkstrauertag gerät es nun Jahr für Jahr in die Kritik, weil das uniformierte Gedenken am Mahnmal eben doch recht martialisch wirkt. Wie aber könnte ein vernünftiger Umgang aussehen? Kulturwissenschaftlerin Bettina Keß, die den Dialog Erinnerungskultur im Auftrag der Stadt betreut, hat eine klare Meinung: „Ich glaube, man muss die Dinge kommunizieren und kontextieren.“ Vorstellen könnte sie sich in Zusammenhang mit dem Krieger-Mahnmal ein erklärendes Stelensystem, eine künstlerische Intervention. Diskutiert wird darüber in Würzburg übrigens schon lange, eine Umsetzung indes gestaltet sich zäh.


Dennoch ist die Kulturwissenschaftlerin guter Dinge, immerhin hat der Stadtrat mittlerweile eine behutsame Umgestaltung des Massengrabs am Hauptfriedhof beschlossen. Hier wurden die meisten Opfer des Luftangriffs vom 16. März 1945 zur letzten Ruhe gebettet. „Es braucht eine Erklärung des Ortes, eine historische Einbettung“, sagt Keß. Aktuell versucht die Stadt im Zuge einer wissenschaftlichen Dokumentation weiter aufzuklären, wer im Massengrab begraben ist, denn nur die Hälfte der mehr als 5000 Toten ist bekannt. In einem nächsten Schritt könnte dann ein echter Gedenk- und Dokumentationsort entstehen.


Dass sich ein solcher Weg steinig gestalten kann, erlebte man mit Blick auf den im Januar eröffneten Dokumentationsort Hersbruck/Happurg in Mittelfranken.  9000 Häftlinge wurden in Hersbruck in der Außenstelle des Konzentrationslagers Flossenbürg gefangen gehalten. Im benachbarten Happurg mussten sie eine unterirdische Stollenanlage für eine Rüstungsfabrik errichten. Bert Freybergers generelle Beobachtung: Je kleiner ein Ort, desto schwerer tut man sich mit der historischen Aufarbeitung – vielleicht aus Rücksicht auf Nachfahren und weil es sich mutmaßlich „nur“ um Außenlager und keine echten Konzentrationslager gehandelt habe. Freyberger hält gegen: Die Todesrate in Außenlagern lag meist bei über 50 Prozent. Gleich zwei recht delikate Punkte kamen in Hersbruck/Happurg  zusammen: Zum einen war um das Jahr 2000 in unmittelbarer Nachbarschaft ein Kriegerdenkmal errichtet worden - vielleicht auch als Versuch, einen Gegenpol zur Opferdebatte zu setzen, die der Verein „Dokumentationsstätte KZ Hersbruck e.V.“ ab 1999 angestoßen hatte. Zum anderen wehrten sich im Jahr 2014 Anwohner mit einer Unterschriftensammlung gegen eine KZ-Gedenkstätte – aber nicht mit inhaltlichen Argumenten, sondern Punkten wie der Verkehrsanbindung, fehlenden Toiletten & Co. Errichtet wurde die Gedenkstätte dennoch – und laut Bert Freyberger durchaus ambitioniert. Eine Sichtschneise soll die ehemaligen Orte der Unterbringung der Häftlinge in Hersbruck und der Zwangsarbeit in Happurg miteinander verbinden. Im Zentrum eines begehbaren trapezförmigen Kubus in Hersbruck rücken, multimedial aufbereitet, die individuellen Schicksale der Gefangenen und die Topographie des Außenlager-Komplexes in den Fokus.  Im Mittelpunkt des Dokumentationsortes Happurg steht die KZ-Zwangsarbeit.


Erinnerungskultur sorgt für Diskussionen, lässt Fragen offen, heizt Kritik an. Vor allem in eine Beobachtung setzt Freyberger jedoch große Hoffnung: Gerade die kleinen Themen vor Ort wecken das Interesse von Schülerinnen und Schülern – letztlich wie es auch schon Anfang der 80er Jahre geschah. „Das ist die Chance schlechthin, die Vorortthemen zu Hauptthemen zu machen“, sagt er. Die nächste Generation in Sachen Erinnerungskultur lässt also hoffen.


Der Artikel ist im „Franken. Magazin für Land und Leute“ erschienen.