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Gesundheit - ein lebenslanger, lebendiger Prozess
In der Medizin geht es nicht mehr nur um das Thema Heilung, sondern auch um die Selbstoptimierung
gesunder Menschen – Gesundheit wird zum Kunstprodukt, kritisiert Expertin Melanie M. Klimmer


Von Michaela Schneider
Würzburg  
Kann ein Mensch heute noch gesund sein? Mit Blick auf die Gesundheitsdefinition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) fällt es schwer, daran zu glauben. Sie beschreibt Gesundheit als einen „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur“ als „das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen“. Mit diesem idealisierten Verständnis gehen laut der Sozialwissenschaftlerin Melanie M. Klimmer zwei Dinge einher: Die Selbstverantwortung des Individuums steigt, und teure medizinische Interventionen nehmen zu. Zum Menschsein gehörende Aspekte wie Scheitern und Krisen, aber auch Altern, Sterben und Tod, scheinen mit dem absoluten Gesundheitsbegriff unvereinbar geworden. Im Interview fordert Klimmer dazu auf, Menschen nicht als „Kunstprodukt“, sondern wieder als lebendige Wesen zu begreifen, die sich bis ans Lebensende weiterentwickeln.


Wie hat sich unser Verständnis von Gesundheit im Laufe der Geschichte verändert?

Klimmer: In der Vormoderne war es Glück, wenn man gesund war. Das Wissen um Medizin und Hygiene fehlte, die Verhältnisse waren wenig beherrschbar. Das änderte sich mit den bio- und sozialmedizinischen Fortschritten in der Moderne, die Armut und schlechte Hygiene mit der Entwicklung von Krankheiten in Verbindung brachten. Gesundheit wurde besser kalkulierbar und kontrollierbar. Der medizinische Fortschritt der Spätmoderne führte schließlich dazu, dass die Menschen deutlich älter wurden. Und von diesen fordert der aktivierende Sozialstaat nun ein: Haltet euch fit! Engagiert euch im Ehrenamt! Werdet keine soziale Last!


Das heißt, wir sind ein Stück weit selbst verantwortlich für unsere Gesundheit?

Klimmer: Ganz genau. Jeder ist heute angehalten, seine Biographie selbst zu gestalten. Wir leben nicht länger im Versorgerstaat. Das spiegelt sich im Gesundheitssystem wieder. Zahnersatz bekomme ich nur noch bezahlt, wenn ich nachweisen kann, dass ich zuvor regelmäßig beim Zahnarzt war. Das Problem: Nicht jeder Mensch verfügt über ausreichend Fähigkeiten oder spezifisches Wissen für eine vorsorgende Lebensgestaltung. Werde ich krank, bin ich mit dem Vorwurf konfrontiert, nicht das Richtige, oder gar nichts getan zu haben.


Blickt man auf die idealistische Gesundheitsdefinition der WHO, muss man doch eigentlich scheitern…  

Klimmer: Richtig, zieht man diese Definition als Grundlage heran und beschreibt Gesundheit als einen „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens“ und nicht nur als „das Fehlen von Krankheit und Gebrechen“, kann kaum ein Mensch mehr gesund sein. Die Anforderungen sind immens. Ein Scheitern ist vorprogrammiert; das frustriert. Nicht von ungefähr nehmen Depressionen in der Gesellschaft zu. Schönheit und Fitness sind unsere neuen Statussymbole. Befragt man junge Mädchen, ob sie sich schön finden, wird man kaum ein uneingeschränktes „Ja“ mehr hören. Gleichzeitig entstehen neue soziale Randgruppen: Menschen, die nicht produktiv, nicht mehr mobil sind; Menschen, die altern.


Wie hat sich dadurch unser Umgang mit der Medizin verändert?

Klimmer: Die Medizin verlässt längst ihr angestammtes Wirkungsfeld der Heilung und Schmerzlinderung. Sie stellt sich verstärkt auch der Optimierung körperlicher und geistiger Fähigkeiten gesunder Menschen zur Verfügung, damit sie erfolgreich, produktiv, beweglich und möglichst lange jung sein können. Die Schönheitschirurgie boomt. Studenten konsumieren leistungssteigernde Medikamente, um den wachsenden Anforderungen standzuhalten. Fitnessprogramme wie „Bodyforming“ assoziieren, dass ich meinen Körper formen kann, wie ich will, unabhängig von genetischer Veranlagung.  Social Freezing erlaubt es Frauen, zu einem für sie perfekten Zeitpunkt ein Kind zu bekommen.  


Sie kritisieren auch, dass oft zu schnell Medikamente vergeben werden, Stichwort Demenz.

Klimmer: Nach der ICD-10 werden als Anzeichen für eine Demenz etwa Störungen von Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen genannt wie auch Veränderungen der emotionalen Kontrolle, des Sozialverhaltens oder der Motivation. Hier lässt sich kurzum alles reinpacken, was nicht zu unserer Normalitätsfolie in einer leistungsorientierten Gesellschaft passt. Eine deutsch-österreichische Studie von 2009 weckt auf: Dreiviertel der Demenz-Diagnosen von Hausärzten waren falsch. Überall da, wo zudem sehr viel Geld im Spiel ist, sollte man umso wachsamer hinschauen. Es sollte zum Beispiel auch Zweifel aufwerfen, wenn ADHS-Diagnosen bei Kindern so stark zunehmen. Vielleicht findet ein „verhaltensauffälliges“ Kind mit seiner Lebendigkeit und Bewegungsfreude oder auch mit seiner Wahrnehmung einer familiären Krise keinen geeigneten Ausdruck mehr? Medikamente können nicht die alleinige Lösung sein.


Das heißt: Wer nicht den Erwartungen der Gesellschaft entspricht, wird für krank erklärt?

Klimmer: Das Lebendige wird uns fremd  - und gleichzeitig wird alles, was uns unbekannt oder fremd erscheint, als Symptom oder Syndrom verdächtigt und pathologisiert. Depression, Wut, übermäßige Freude, sozialer Rückzug und andere lebendige Reaktionen werden schnell als pathologisch und nicht als Teil eines normalen Krisenverlaufs diagnostiziert. Wir haben kein Recht mehr auf Trauer oder auf Emotionen. Stattdessen wird unser Fühlen dem Beruf, der Gesellschaft angepasst. Der Raum für die individuelle, eigene Lebenswirklichkeit und Persönlichkeitsentwicklung wird eng und schmal.   


Was müsste sich Ihrer Ansicht nach nun konkret ändern?

Klimmer: Wir sollten Krisen wieder als Teil unseres Lebens verstehen. Der Soziologe Bruno Hildenbrand beschreibt Krisen als den Normalfall. Lernen wir, mit erwartbaren Krisen umzugehen, kommen wir auch mit unerwarteten Krisen besser zurecht. Eine depressive Stimmung etwa ist nicht pauschal negativ, sondern kann etwas Gutes sein, wenn ich die Krisenbotschaft verstehe, neue Energie freisetze und mein Leben umgestalte. Und wir sollten uns wieder bewusst machen, dass sich Bewusstsein, Persönlichkeit, Moral und Denken des Menschen bis zum Lebensende durch Krisen weiterentwickeln können. Gesundheit ist ein lebenslanger, lebendiger Prozess und kein Kunstprodukt.

Der Artikel  ist unter anderem  im Main-Echo erschienen.

Infokasten: Zur Person Melanie M. Klimmer


Die Ethnologin und Sozialwissenschaftlerin Melanie M. Klimmer erlangte als examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin praktische Einblicke ins Gesundheitswesen. Sie arbeitet heute als freie Fachjournalistin und Dozentin, Bildungs- und Projektplanerin sowie Beraterin für Konflikttransformation. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena ist sie Lehrbeauftragte für Klinische und Spezielle Soziologie und an der Industrie- und Handelskammer Würzburg/Schweinfurt für Betriebliches  Gesundheitsmanagement.

Die Ethnologin und Sozialwissenschaftlerin Melanie M. Klimmer.


Foto: Michaela Schneider