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Wie Zwerge auf den Schultern von Riesen
Wissenschaft
Geschichtsprofessor Franz Fuchs beschäftigt sich mit Johann Georg von Eckhart (1674 – 1730),
Historiker des Bistums Würzburg – und vergleicht wissenschaftliche Arbeit einst und heute

 

Von Michaela Schneider

Würzburg  Weil die Franken den Wein mehr als die Bücher liebten, seien diese hier kaum anzutreffen, schreibt der Historiograph Johann Georg von Eckhart, kurz nachdem er im März 1724 im Würzburg eingetroffen ist. Eine echte Herausforderung wartet also auf den Wissenschaftler, denn Eckhart ist dem Ruf in die fürstbischöfliche Stadt gefolgt, um sein neues Amt als Hof- und Universitätsbibliothekar anzutreten. Doch kümmert er sich bis zu seinem Tod im Jahr 1730 nicht nur um Neuanschaffungen für die Bibliothek und trägt zu Universitätsreformen bei. Vor allem verfasst er in jener Zeit ein Stadtwerk der Landes- und Reichsgeschichte: „Comentarii de rebus Franciae orientalis et Episcopatus Wirceburgensis“ ist es betitelt. Zu Deutsch: Kommentare zu den Angelegenheiten Ostfrankens und dem Hochstift Würzburg.

 

Die Würzburger Julius-Maximilians-Universität heute. Der Historiker Franz Fuchs blättert vorsichtig in seinem Privatexemplar des Eckhartschen Standardwerks. Von außen sehen die zwei Bände im einfarbigen Papier schlicht aus – und darauf ist Professor Fuchs, Inhaber des Lehrstuhls Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften, besonders stolz. Denn tatsächlich handelt es sich dabei noch um den Originaleinband aus dem Druckjahr 1730. Damals war Eckhart bereits verstorben. Die Geschichte der Franken  von den Merowingern bis zu König Konrad I. hatte er auf sage und schreibe 2000 Folioseiten soweit abschließen können. Das Vorwort indes bricht mitten im Satz ab, es blieb unvollendet.

 

Warum aber ist Fuchs von den alten Bänden derart begeistert? Zum einen, weil es sich schlichtweg um das erste umfassende Werk zur frühen Geschichte der Franken und des Bistums überhaupt handelt. Zum anderen, weil der Professor überzeugt ist: „Eckharts Comentarii sind ein Ruhmesblatt der deutschen Historiografie. Ein Historiker kann auch heute noch daraus lernen.“  Vor allem, was den sachgemäßen Umgang mit Quellen und die Art angehe, sie zu lesen, zu verstehen und gegebenenfalls kritisch zu hinterfragen. Eckhart selbst konnte übrigens niemand geringeres seinen Lehrer nennen als den großen Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz.  Ein Vierteljahrhundert war er im Dienste des Vordenkers der Aufklärung gestanden. Als Eckhart vom Protestantismus zum Katholizismus konvertierte, musste er jedoch aus Hannover fliehen – nach spektakulärer Flucht gelangte er über Umwege nach Würzburg.

 

Tatsächlich zog der Historiker bei seiner historischen Arbeit in Würzburg akribisch sämtliche Quellen heran, die ihm zur Verfügung standen, suchte nach neuem Material und fertigte möglichst gute Abschriften, teils Ersteditionen, an.  Münzen oder archäologische Funde fanden über Zeichnungen den Weg in das Standardwerk. Ebenso verschiedene Siegel, von denen einige im Original heute längst zerbröselt sind. Auch Urkunden wurden fein säuberlich abgepaust, in Holz geschnitten und gedruckt. Ein Glücksfund kam dem Historiografen zugute: Sein zweiter von drei Arbeitgebern, Fürstbischof Christoph Franz von Hutten, hatte noch in seiner Zeit als Domdekan auf dem Dachboden die ausgelagerte Dombibliothek – heute bekannt als Libri Sancti Kiliani – wiederentdeckt. Dabei handelt es sich bis heute um eines der bedeutendsten Handschriftenensembles in Mitteleuropa. Für Eckhart eine großartige Fundgrube.

 

Allerdings waren Historiker einst bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit massiv auf die Gunst von Gönnern und Herrschern angewiesen: Von Hutten machte es Eckhart da leicht und gewährte ihm vollen Zugang zu allen Quellen. Nicht so das Domkapitel nach Huttens Tod. Der Wissenschaftler musste seine Commentarii mehrfach gegenlesen lassen. Zensur drohte, weil man Passagen gefunden haben wollte, die den Heiligen Stuhl beleidigen könnten. Auch fürchtete die Kirche, dass in den Commentarii  etwas „dem Hochstift praeiudicirliches“ stehen könnte.

Historiker heute haben es da in mancherlei Hinsicht leichter, nicht nur, weil sie keine Zensur mehr fürchten müssen. Auch sind inzwischen fast eine halbe Million mittelalterliche Original-Urkunden übers Internet digital jederzeit greifbar – allerdings häufig schwer auffindbar, wie Professor Fuchs sagt. Trotzdem unterscheidet sich die Arbeit eines Geschichtswissenschaftlers einst und heute laut dem Würzburger Historiker nur begrenzt: „Nach wie vor muss man sein Handwerk beherrschen und der lateinischen Sprache mächtig sein“, sagt er. Auch mühsame Archivarbeit ist immer noch nötig, denn Amtsbücher & Co sind längst nicht digitalisiert. Und geblieben ist die Zielsetzung: das wissenschaftliche Streben, der historischen Wahrheit näher zu kommen.

 

Bescheiden fügt Fuchs, ein mittelalterliches Diktum aufnehmend, noch an: „Wir Historiker verhalten uns heute wie Zwerge auf den Schultern von Riesen. Wenn wir weiter sehen als Größen wie Leibniz, Eckhart oder Mabillon, geschieht dies nur, weil wir auf ihren Schultern stehen dürfen.“

Der Artikel  ist unter anderem im Main-Echo erschienen.

Professor Franz Fuchs zeigt seine Ausgabe  der „Comentarii de rebus Franciae orientalis et Episcopatus Wirceburgensis“.

 

Foto: Michaela Schneider

Infokasten: Die Ringvorlesung „Kulturstadt Würzburg II“ im Überblick

 

Die Vorträge der Ringvorlesung „Kulturstadt Würzburg“ finden jeweils dienstags um 19.30 Uhr an der Neuen Universität am Sanderring in Würzburg im Hörsaal 166 statt. Die Themen im Überblick:

 

· 30. April:  Johann Georg von Eckhart (1664-1730): Historiker des Bistums Würzburg , Franz Fuchs

· 7. Mai:  Der Baumeister der Fürstbischöfe: Balthasar Neumann (1687-1753) in Würzburg, Stefan Kummer

· 14. Mai: Tiepolos Globalität, Damian Dombrowski

· 28. Mai: Das Haus Schönborn und die Musik , Frohmut Dangel-Hofmann

· 4. Juni:  Ein Theologe der Aufklärung: Michael Ignaz Schmidt (1736-1794), Dominik Burkard

· 11. Juni: Würzburger Rokoko, Verena Friedrich

· 18. Juni: Heinrich von Kleist in Würzburg (1800), Helmut Pfotenhauer

· 25. Juni: Maler, Bildhauer, Kunstagent und Sammler: Martin von Wagner (1777-1858), Stefan Morét

· 2. Juli: Richard Wagner in Würzburg (1833/34), Ulrich Konrad

· 9. Juli: Deutsche Philologie an der Universität Würzburg im 19. Jahrhundert , Horst Brunner

· 16. Juli, Handschriftenforscher und Bibliothekar: Anton Ruland (1809-1874), Stefan Petersen

 

Zum ersten Teil der Ringvorlesung „Kulturstadt Würzburg“ im Wintersemester 2012/2013 ist inzwischen ein Buch mit Aufsätzen zu den verschiedenen Vorträgen erschienen. Klein, Dorothea und Fuchs, Franz (Hrsg.): Kulturstadt Würzburg. Kunst, Literatur und Wissenschaft in Spätmittelalter und Früher Neuzeit, Verlag Königshausen und Neumann GmbH, Würzburg 2013, 362 Seiten