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„Inklusion bedeutet, eine Wahl zu haben“
Komplexeinrichtung „Schloss Ditterswind“ wurde aufgelöst, Bewohner sind in kleinere

Wohneinheiten umgezogen – Wissenschaftler hatten vorher erfragt, welche Wünsche sie mit dem Umzug verbinden


Von Michaela Schneider
Fließen mit den Simpsons, ein Toilettenrand mit Donut-Motiv, Vorhänge mit Löwen: Rebecca  Werner hat sehr konkrete Vorstellung von einer optimalen Zimmereinrichtung. Doch mindestens so wichtig, wie die optischen Gimmicks sind für die 23-Jährige ganz andere Faktoren in Sachen Wohnen: Rebecca möchte ein eigenes Zimmer, um Streit mit Mitbewohnern aus dem Weg zu gehen. Sie will mitbestimmen, wer sonst noch in ihrer Wohngemeinschaft lebt.  Und ein Bahnhof muss in der Nähe sein, so dass die Mutter möglichst oft und unkompliziert zu Besuch kommen kann.


Dass sich die junge Frau vor geraumer Zeit schriftlich derart konkrete Gedanken über ihre Wohnsituation machte, kommt nicht von ungefähr: Rebecca hatte zunächst in Schloss Ditterswind gewohnt - einer Wohneinrichtung im fränkischen Landkreis Hassberge der Rummelsberger Dienste für Menschen mit Behinderung GmbH , die mehr als 70 erwachsene Menschen mit mehrfachen und schweren Behinderungen beherbergt hatte.  Die Rummelsberger Dienste unterhalten derzeit in Deutschland rund 200 Einrichtungen und Dienste im Bereich Kinder- und Jugendhilfe, Behindertenhilfe, Alten- und Pflegeeinrichtungen, Schulen und Ausbildungsstätten. Jetzt wird die „Komplexeinrichtung“ Schloss Ditterswind, wie es im Fachjargon heißt, endgültig aufgelöst.


Selbst gezogene Tomaten auf dem Balkon

Die meisten Bewohner leben inzwischen in kleineren Wohneinheiten in den Ortschaften Zeil am Main, Ebelsbach und Hofheim, die verbleibenden 20 Bewohner in Schloss Ditterswind werden in ein historisches Fachwerkhaus nach Ebern in zwei Wohneinheiten ziehen.  Rebecca wohnt seit Januar 2015 mit 24 Menschen in einer Wohngemeinschaft mitten in Ebelsbach. Ihr Zimmer hat sie – mit jeder Menge Simpsons und Löwen verziert – hübsch eingerichtet. Auf ihrem Balkon wachsen selbst gezogene Tomaten. Der Bahnhof und Einkaufsmöglichkeiten sind fußnah zu erreichen. Ganz anders als einst im 350-Einwohner-Dorf Ditterswind mit einem einzigen kleinen Tante-Emma-Laden.


Tatsächlich sind dezentrale Wohnstrukturen heute ein wesentlicher Aspekt, wenn es um Selbstbestimmung, Teilhabe und Inklusion geht.  Denn was für die meisten Menschen normal ist – mitten in oder nahe einer Gemeinde zu leben und zu arbeiten – ist für viele Menschen mit Behinderung längst kein Alltag. Große, oft ab vom Schuss gelegene Wohneinrichtungen wie Schloss Ditterswind galten über Jahrzehnte als Standard. Diese Komplexeinrichtungen an sich stehen nicht zwangsläufig im Widerspruch zur UN-Behindertenrechtskonvention, wohl aber die Tatsache, dass es vielerorts bis heute keine Wohnalternativen und Wahlmöglichkeiten für behinderte Menschen gibt.


Wer entscheiden darf, muss Alternativen kennen

Das war auch beim Auszug der Bewohner aus Schloss Ditterswind entscheidend. „Die einen Menschen wollen ein beschütztes Setting, andere eine möglichst hohe Selbstständigkeit. Inklusion bedeutet Offenheit und eine Wahl haben“, sagt Diakon Andreas Puchta, der im Landkreis Hassberge bei den Rummelsberger Diensten für die pädagogische Leitung verantwortlich zeichnet. Ein Problem aber ist: Um die individuell beste Wohnform zu finden – von der Wohngemeinschaft bis zum ambulant betreuten Wohnen in den eigenen vier Wänden - müssen Menschen mit Behinderung Alternativen erst einmal kennen. „Wir haben Ferienwohnungen angemietet, hier kann ambulantes Wohnen ausprobiert werden“, sagt Puchta.


Bei der Auflösung von Schloss Ditterswind wurden die Bewohner aktiv in den Umzug einbezogen – und zwar unter anderem wissenschaftlich: Sonderpädagogen der Julius-Maximilians-Universität hatten zwischen August 2013 und Mai 2014 zusammen mit Studenten sämtliche Bewohner und Bewohnerinnen in Schloss Ditterswind interviewt, um herauszufinden, welche Wünsche sie mit dem Umzug verbinden.  Keine ganz leichte Aufgabe für das Team um Professor Erhard Fischer, Inhaber des Lehrstuhls für Sonderpädagogik IV, und seine wissenschaftliche Mitarbeiterin Tina Molnár-Gebert – schließlich mussten erst einmal Wege entwickelt werden, Menschen mit mehrfachen und teilweise schweren Behinderungen zu befragen.


Interviews berücksichtigten Sprache, Signale und Körpersprache

Fragebögen taugten nicht, darüber war man sich von Beginn an einig. Stattdessen arbeitete das Team mit leitfadengestützten Interviews. Die Bewohner wurden in zwei Gruppen einteilt: Jene, die sprechen können, und jene, die kaum oder gar nicht kommunizieren. Im letzteren Fall wurden Begleitpersonen einbezogen. Der Bewohner wurde direkt angesprochen und aufgefordert zu reagieren, sobald die betreuende Person Dinge sagte, die ihm oder ihr nicht passten. Zusätzlich zum Interviewer war jeweils ein Beobachter dabei, um auf Signale und Körpersprache zu achten.

Noch vor den ersten Interviews hospitierten die Interviewer vor Ort, um die Bewohner kennenzulernen und  wurden - unter anderem in einfacher Sprache - geschult. Zudem wurden Profile zur Wohnbiographie der Bewohner erstellt. In den Blick nahmen die Wissenschaftler drei Dimensionen in Sachen Wünsche und Wohnbedürfnisse: die räumlichen Bedingungen vom Zimmer bis zum Umfeld, soziale Aspekte, etwa mit wem und in welcher Gruppengröße die Bewohner künftig zusammen leben wollen, und schließlich den tätigkeitsbezogenen Bereich.


Standardwünsche gibt es nicht

Die vielleicht wesentlichste Erkenntnis war wohl: Standardwünsche gibt es nicht. Manche Bewohner äußerten sich ganz konkret, hofften zum Beispiel auf eine blaue Badewanne oder abends ein Gläschen Wein im Bett. Andere waren mit dem Status Quo zufrieden. Am meisten hätten Tina Molnár-Gebert bei den Gesprächen jene Menschen berührt, die überhaupt keine Wünsche äußerten.  Trotzdem kristallisierten sich einige Tendenzen heraus: So wünschten sich junge Leute verstärkt, in der Stadt statt auf dem Dorf zu leben. Wert legten vielen Bewohner auf Einkaufsmöglichkeiten in unmittelbarer Umgebung und einen Fernseher im Zimmer. Wesentlich wichtiger als der Wohnort selbst waren den Interviewten aber vor allem ihre Mitbewohner.


Für die beiden Wissenschaftler Professor Erhard Fischer und Tina Molnár-Gebert zeigte die Studie vor allem eines: So unterschiedlich wie die Menschen selbst, so vielfältig sehen ihre Wünsche aus. „Optimal sind mehrere, unterschiedlich geartete Angebote. Man muss die Menschen ausprobieren lassen, was ihnen gefällt und wo sie sich wohl fühlen. Und man muss ihnen die Möglichkeit geben, die Wohnsituation dem jeweiligen Lebensabschnitt anzupassen“, sagt Fischer – und skizziert ein Spektrum von kleinen, einzelnen Wohnungen und Wohngemeinschaften in der Stadt bis zur Wohneinheit am Weinberg, für jene, die – vielleicht im Alter - Natur und Ruhe bevorzugen.


„Hier ärgert mich keiner“

Doch zurück zu den ehemaligen Bewohnern aus Schloss Ditterswind, denn es stellt sich auch die Frage: Fühlen sich die einstigen Bewohnern in ihrer neuen Umgebung tatsächlich wohl? Dem 67-jährigen Walter Entner zumindest gefällt`s, vor allem, weil er jetzt ein eigenes Zimmer inklusive eigenem Bad bewohnt. 1967 war der 67-Jährige in Schloss Ditterswind eingezogen, im Januar 2015 zog er nach Zeil am Main um. „Hier kann ich ungestört fernsehen und mich ärgert keiner“, sagt er. Doch alles ist relativ: Manchmal sei es früher auch schön gewesen, mit jemandem zusammen zu wohnen und sich unterhalten zu können. Wichtig ist es ihm, zum Bäcker zu laufen, ab und zu seine Sachen herumliegen lassen zu können, Bilder von der Familie und ein Gemälde seines Freundes Paul aufzuhängen und die Serien „In aller Freundschaft“ und Tierärztin Dr. Mertens“ zu schauen.  Ein schönes Beispiel dafür, dass die neuen Räumlichkeiten mehr Spielraum in Sachen Wohnen bieten, demonstriert auch der 80-jährige Andreas Tischler. Der nämlich versteht sich mit Bewohnerin Angelika gut. Die beiden leben nun in zwei Zimmern mit Durchgangstür und haben ihre Räume kurzerhand in eine kleine Zwei-Zimmer-WG mit Schlaf- und Wohnzimmer verwandelt.


Weniger Stress heißt weniger Psychopharmaka

Auch Diakon Andreas Puchta hat den Eindruck, dass die neue Wohnumgebung den Bewohnern in Zeil, Ebelsbach und Hofheim gut tut. „Wir konnten Psychopharmaka runterfahren, der Stress ist viel geringer“, sagt er – eben weil nicht im Doppelzimmer leben braucht, wer dies nicht möchte. Eigene Bäder, breite Gänge, die schalldichte Bauweise und die helle, freundliche Atmosphäre kommen hinzu. Abgeschlossen ist der Umzugsprozess im Landkreis Hassberge für Puchta trotzdem noch lange nicht. Jetzt gilt es, Inklusion weiter zu verwirklichen. Das Miteinander mit den Nachbarn funktioniere gut, gerade die Wohneinheit in Zeil am Main liegt mitten im Wohngebiet. Puchta überlegt, ob er Patenschaften ins Leben rufen könnte, weil viele Bewohner so gut wie nie Besuch bekommen. Auch Probleme für Rollstuhlfahrer wie das historische Kopfsteinpflaster will er sensibel thematisieren. Denn Wohnen mitten im Ort hilft nicht weiter, wenn Supermarkt oder Kino doch nur mit fremder Hilfe erreichbar bleiben.


Schließlich ein Besuch bei dem 23-jährigen Andreas Enke, der aktuell in Ebelsbach im geschlossenen Wohnbereich der Rummelsberger Dienste lebt. Zwar genießt der junge Mann das eigene Zimmer, in dem er so viel Poster aufhängen kann wie er möchte. Und er ist glücklich über sein eigenes Bad. Trotzdem hat er vor allem einen Wunsch: Er möchte eines Tages in einer eigenen Wohnung leben.

Der Artikel  ist unter anderem  in dem Magazin „Behinderte Menschen“ erschienen.

Rebecca Werners Zukunftsplan mit Blick auf Umzug und Dezentralisierung.

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Fotos: Michaela Schneider