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Von Michaela Schneider

 

Würzburg Staubsauger taugen nicht nur zum Staub saugen. Das erlebt, wer das Digitalisierungszentrum der Würzburger Universität besucht. Denn während große Digitalisierungszentren teure Vakuummaschinen kaufen, um Buchseiten für einen optimalen Scan zu fixieren, hat das kleine Team in Würzburg eine Spezialkonstruktion selbst ertüftelt. Wichtiger Bestandteil: ein Staubsauger. Zielsetzung war es, ein möglichst schonendes Verfahren zu entwickeln, um auch mehrere hunderte Jahre alte, extrem wertvolle Handschriften digitalisieren zu können. „Früher wurden diese schlichtweg nicht gescannt, weil das Risiko einer Beschädigung zu hoch war. Oder es musste mit Spiegeln und Verzerrung gearbeitet werden“, sagt Dr. Hans-Günter Schmidt, Leiter des Digitalisierungszentrums der Julius-Maximilians-Universität.

 

Im Schnitt nimmt sein Team pro Jahr rund 100000 Scans vor, darunter viele einfache Stapelscans für den Arbeitsalltag an der Universität, aber eben auch  zeitaufwändige Digitalisierungen extrem wertvoller, alter Werke. Teils sind dies Auftragsarbeiten, teils geht es darum, Bestände der eigenen Bibliothek Forschern weltweit zugänglich zu machen. Neun Apparate stehen zur Verfügung – darunter auch höchstqualitative Zeilenscanner mit einer Auflösung von bis zu 312 Megapixeln. Aktuell ist das Würzburger Team zum Beispiel dabei, mit einer Handschrift der Paulusbriefe eines der wichtigsten Zeugnisse für die irische Kloster- und Buchkultur zu digitalisieren. Diese stammen aus dem 8. Jahrhundert, mehrere irische Mönche versahen das Manuskript damals mit Anmerkungen. Die Kommentare gelten als eines der frühesten Zeugnisse der altirischen Sprache. „Das Buch ist für die Iren fast, was für uns Deutsche das Nibelungenlied ist“, veranschaulicht Schmidt dessen Bedeutung. Und so war es auch die Royal Academy in Dublin, die in Würzburg anfragte, ob eine Digitalisierung möglich sei. In einem auf drei Jahre angelegten, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt digitalisiert das Team der Universität nun noch bis Ende 2013 die „Libri Sancti Kiliani“, wie sich die Würzburger Dombibliothek nennt, darunter besagte irische Handschrift aus dem 8. Jahrhundert. Die Dombibliothek gehört zu den bedeutendsten mittelalterlichen Handschriftenensembles in Mitteleuropa, die ältesten Objekte stammen aus dem fünften Jahrhundert. Rund 70000 Edelscans sind laut Schmidt nötig, um die 214 Handschriften online zu stellen und zu archivieren.

 

„Es geht beim Digitalisieren darum, das Objekt zu den echten Fachleuten zu bringen“, betont er. Und die sitzen und forschen nun mal über die ganze Erdkugel verteilt. Ist ein Scan gut gemacht, braucht ein Wissenschaftler nicht mehr reisen und Wochen oder Monate in fremden Lesesälen verbringen. Das vereinfacht nicht nur das wissenschaftliche Arbeiten und eine vernetzte Forschung, sondern schont unterm Strich auch wertvolle Handschriften, die seltener aus den Tresoren der Sonderbestände geholt werden müssen. Und es macht  Forschung demokratischer, da nicht mehr aus konservatorischen Gründen hinterfragt werden muss, ob eine Nutzung der Originalhandschrift wirklich nötig ist. Soweit die Theorie.

 

In der Praxis indes steht die moderne Archivierung historischer Bestände noch ganz am Anfang. „An der Massendigitalisierung alter Drucke sind viele dran. Bei Handschriften indes würde ich höchstens von einem kleinen Rinnsal sprechen. Das Ganze ist schwierig und risikoreich, deshalb lassen die meisten die Finger davon“, sagt Schmidt.  Bayernweit digitalisieren alte Handschriften lediglich die Bayerische Staatsbibliothek, die Universitäten in Regensburg, Augsburg, Erlangen und Würzburg und etwa das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg. Kaum jemand aber wagt sich wie Würzburg in die anspruchsvollen technische Grenzbereiche wie Großformataufnahmen von zwei mal drei Metern oder an Objekte, die aus konservatorischen Gründen nur zu weniger als 90 Grad geöffnet werden dürfen.

 

Wie aber sieht die Arbeit im Konkreten aus? Gerade eben scannt Bibliotheksmitarbeiter Ulf Weimann ein Werk aus dem 15. Jahrhundert. Versicherungswert: zwischen 80000 und 90000 Euro. Dieser ist noch vergleichsweise niedrig. Der Versicherungswert des so genannten „Kiliansevangeliars“ im Bestand der Universitätsbibliothek beträgt zum Beispiel gut zehn Millionen Euro.

 

Die selbst entwickelte Scankonstruktion in einem Kellerraum der Universitätsbibliothek  ermöglichte es, Buchseiten bei einem Öffnungswinkel von 120 Grad zu scannen, um den Einband nicht zu beschädigen. Durch die Saugkraft des zweckentfremdeten Staubsaugers wird die jeweilige Papierseite mit minimaler Kraft angezogen, das Blatt liegt glatt, Farbe und Tinte bleiben unbeschadet. Umgeblättert wird mit weißen Handschuhen, denn schon durch ein bisschen Schweiß, Fett oder Chemie an den Fingern könnte sich Farbe lösen. Alle 20 bis 30 Seiten muss das Buch im Scheinwerferlicht nachgelagert werden. „Gescannt“ wird mittels robustem Studiostativ und Fachkamera. Ein blauer oder grüner Hintergrund ermöglicht, dass die gescannten Seiten anschließend per Stapelverarbeitung freigestellt werden können.

 

Wie mühsam eine Langzeitarchivierung alter Bestände tatsächlich ist, zeigt ein Blick auf die Würzburger Bibliotheksbestände. „Wir hätten unter den 80000 Einheiten an historisch wertvollem Altbestand bestimmt 10000 Objekte, die es wert wären digitalisiert zu werden“, sagt Schmidt. Digital archiviert wurden davon gerade einmal rund 250, seit das kleine Team des Digitalisierungszentrums vor rund acht Jahren die Arbeit aufnahm. An ihre Grenzen gerieten die Bibliotheksmitarbeiter in der Vergangenheit, wenn alte Werke ein Prachteinband zierte – dann ist es häufig schlichtweg zu risikoreich, das Buch im 120-Grad-Winkel zu öffnen. Das Würzburger Team will nun aber Abhilfe schaffen. Es hat eine neue Konstruktion ertüftelt, die Scans auch schon bei einem Öffnungswinkel von nur 60 Grad ermöglichen wird. Wie das Ganze in der Praxis aussieht, verrät Schmidt noch nicht, die Patentierung ist beantragt.

 

Der Staubsauger und die Bücher des Heiligen Kilian

Im Digitalisierungszentrum der Würzburger Universität werden wertvolle
Handschriften mittels einer selbst entwickelten Spezialkonstruktion gescannt

 


Forschungsverbund setzt sich mit den Ursachen und Folgen für Mensch und Natur auseinander

          

Ulf Weimann scannt ein Werk aus dem 15. Jahrhundert. Wichtiges Utensil der selbst gebastelten Scankonstruktion: ein Staubsauger.       

 

  Foto: Michaela Schneider

 

 

 

Ulf Weimann scannt ein Werk aus dem 15. Jahrhundert. Wichtiges Utensil der selbst gebastelten Scankonstruktion: ein Staubsauger.

Foto: Michaela Schneider

 

Der Artikel ist unter anderem in Fränkischen Tag erschienen.

Vom Ende in Stein gemeißelter Standardeditionen

 

Neben der Digitalisierung alter Bestände arbeiten die Mitarbeiter des Würzburger Digitalisierungszentrums unter dem Namen „Franconia online“ auch an verschiedenen Anwendungen. Damit wollen sie demonstrieren, welche neuen Möglichkeiten sich mit einer Digitalisierung eröffnen. So wurde zum Beispiel schon Würzburg im Jahr 1525  auf der Basis alter Architekturskizzen an der Wende zur Neuzeit dreidimensional am Bildschirm nachgebildet. Auch wurde die Zeichnung einer Wassermaschine aus dem 17. Jahrhundert digitalisiert, um dann die Apparatur am Rechner in Gang zu setzen. Vor allem konzentriert sich das Team des Digitalisierungszentrums aber auf ein selbst entwickeltes Computerprogramm, um Handschriften und ihre Transkription zu vergleichen. Es hat laut Dr. Hans-Günter Schmidt, Leiter des Digitalisierungszentrums, zum einen didaktischen Wert, um bestimmte Handschriften lesen zu lernen. Zum anderen aber ermöglicht es einen Vergleich von Handschrift und Standard-Edition. Entdecken Fachleute hierbei Fehler, können Sie ihre Anmerkungen nach einem System wie bei Wikipedia einarbeiten. „Das bedeutet das Ende in Stein gemeißelter Editionen“, betont Schmitt. Denn häufig führten in der Vergangenheit Fehler bei der Ersttranskription dazu, dass Wissenschaftler über Generationen mit diesen weiterarbeiteten. „Das Veto hat immer das Original. Das stand früher den wenigsten zur Verfügung. Im digitalen Zeitalter hat jeder die Möglichkeit Handschrift und Transkription selbst zu überprüfen“, sagt Schmidt.

 

Alte Handschriften sind extrem empfindlich. Entsprechend vorsichtig muss das Scannen ablaufen. Schon durch ein bisschen Schweiß, Fett oder Chemie könnte sich Farbe lösen.

Foto: Michaela Schneider

Beobachten den Scanvorgang am höchstqualitativen Zeilenscanner:  Marco Dittrich, Diplom-Ingenieur für Medientechnologie und Dr. Hans-Günter Schmidt, Leiter des Digitalisierungszentrums der Julius-Maximilians-Universität.

Foto: Michaela Schneider