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Hautnah, dreidimensional und ganz schön sexy

„Ulla Dessous“ in Leinach fertigt Büstenhalter bis zur Cupgröße N und einer Unterbrustbreite von 130 Zentimetern


Von Michaela Schneider

Viele der Büstenhalter sind groß. Richtig groß. Bis zur Cupgröße N und einer Unterbrustbreite von 130 Zentimetern reicht das Angebot für untendrunter.  Liebestöter aber sind sie nicht, die BHs im Sortiment des Leinacher Unternehmens Ulla Dessous. Mit Seide und Spitze arbeiten die Näherinnen. Rote und lilafarbene, geblümte und karierte Stoffe verwandeln sich neben Klassikern in Schwarz und Champagner in edle Dessous. Das unterfränkische Unternehmen zählt mit rund 70 Mitarbeitern zu den kleineren in der Branche. Trotzdem beliefert es Märkte weltweit. Und: Es wurde heuer von dem Fachmagazin „Markt intern“  bei der Erhebung des Leistungsspiegels unter den deutschen Dessousherstellern auf den ersten Platz gewählt.


32 Dessoushersteller beteiligten sich an dem Wettbewerb, Ulla Dessous war mit Abstand der kleinste Produzent. „Nie im Leben hätte ich mit einem Sieg gerechnet, das macht uns mächtig stolz“, sagt Geschäftsführer Toni Weidauer. Punkten konnte das Leinacher Unternehmen vor allem mit seiner individuellen Kundenbetreuung: Besonders gut bewertet wurden Lieferfähigkeit, Geschäftsabwicklung und Kulanz.  


Zwar reisen auch Privatkunden nach Leinach, zum Teil sogar große Distanzen, um vor Ort im kleinen Dessousladen neben der Fabrikationshalle Schickes in großen Größen zu kaufen. Elegante Klassiker und junge Mode zum Beispiel, Erotisches und ganz neu im Sortiment auch Bademode. Hauptkunden aber sind die Wäschehändlerfachgeschäfte hierzulande wie weltweit. So ordern zum Beispiel Japaner in Franken, weil sie Qualität und Exklusivität favorisieren. Kanadier und Australier indes kaufen in Leinach vor allem Größen, die sie im eigenen Land nicht bekommen.  „Wir sind nicht unbedingt die, die den größten BH machen. Aber: Wir haben im europäischen Bereich die größte Auswahl an Unterbrust- und Cupgrößen“, sagt Toni Weidauer.


In der Praxis ist damit für das Familienunternehmen eine gewaltige Lagerhaltung verbunden, denn ein und dasselbe Modell wird vielfach in mehr als zehn verschiedenen Unterbrustumfängen, Körbchengrößen bis zum N-Cup und in mehreren Farben gefertigt.   100 bis 150 Teile müssen pro Modell in den verschiedensten Größen gearbeitet und Stück für Stück an Damen getestet werden. Manchmal halten Mitarbeiterinnen her, doch auch von außerhalb werden „Probierdamen“ einbestellt, um neue Schnitte anzupassen.


Heute weltweit unterwegs, begann die Geschichte  von Ulla Dessous ganz klein. In der Familie erzählt man sich, dass Toni Weidauers Großvater Gerhard im Nachkriegsdeutschland mit nur zwei Nähmaschinen von Thüringen nach Unterfranken kam. Mit Ehefrau Eleonore soll er dann in einer Stube des Leinacher Dorfgasthofs  mit der Dessous-Produktion begonnen haben. In den 70er Jahren übernahm Sohn Gerd-Jürgen den Betrieb. Inzwischen ist dessen Sohn Toni Weidauer in die Geschäftsführung eingestiegen, 2015 wird er diese ganz übernehmen. Gelernt hat der 36-Jährige übrigens weder das Schneiderhandwerk, noch büffelte er an der Universität Betriebswirtschaftslehre. Toni Weidauer ist eigentlich studierter Maschinenbauer.


Und so haben die Weidauers nicht nur ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut, sondern auch mehr als 50 Jahre Dessousgeschichte miterlebt. Doch zunächst der Blick noch weiter zurück in die Historie. Dass die Menschen hierzulande Unterwäsche tragen, ist erst ab der frühen Neuzeit belegbar – bekannt ist, dass es damals Hemden für Männer und Frauen gab. Ab dem 18. Jahrhundert kommen für die Damenwelt Strümpfe und Unterröcke oder auch Unterkleider dazu. Auch folgen Korsetts - die allerdings werden nicht unter dem Begriff „Unterwäsche“ geführt, da sie schlichtweg nicht waschbar waren. Unterhosen sind für Männer ab dem 18. Jahrhundert, für Frauen erst ab dem frühen 19. Jahrhundert belegt – letztere anfangs übrigens noch im Schritt offen.


Unterwäsche, die unserer heutigen ähnelt, gibt es seit dem beginnenden 20. Jahrhundert. Das Modebild beginnt sich langsam zu verändern, die Frauenbewegung trägt daran entscheidenden Anteil. Der erste Büstenhalter wird 1899 von der Dresdnerin Christine Hardt patentiert. Zum wohl drastischsten Wandel führen der erste Weltkrieg und die Nachkriegsjahre: Männer kehren aus den Grabenkämpfen nicht zurück, Frauen sind zur Selbstständigkeit gezwungen. Sie arbeiten, betätigen sich sportlich, rauchen und treten selbstbewusst auf. Das Schönheitsideal: ein möglichst knabenhaftes, schlankes Aussehen. Weibliche Geschlechtsmerkmale werden unter Hemdhose und Büstenplattmacher – dem Vorgänger der heutigen Minimizer - versteckt. In die nationalsozialistische Ideologie der Hausfrau und Mutter indes passt dieses Image im Folgenden nicht. Viel Weiblichkeit und schlanke  Taillen erfordern Unterwäsche, die nicht aufträgt, spitze Büstenhalter und Strümpfe haltende Hüftgürtel.


Nylon und Petticoats lauten die modischen Schlagworte der Nachkriegsjahre, jetzt verdrängt der BH endgültig das Mieder. Auslöser ist der so genannte „New Look“ jener Zeit: enge Taille, schmale Schultern, Betonung der Brüste. Geprägt wird der Begriff ab dem Frühjahr 1947 durch Christian Diors Modelinie. In jener Zeit beginnt auch die Geschichte von Ulla-Dessous. Während anfangs noch die Funktionalität der Unterwäsche im Vordergrund steht, verbreitet sich ab den 60er Jahren die Vorstellung von aus heutiger Sicht ansprechender Unterwäsche,  die weitläufig unter den Begriff Reizwäsche fällt – oder unter den französischen Begriff „Dessous“, zu deutsch „Unteres“.


Nach und nach konzentriert sich das Leinacher Unternehmen verstärkt auf große Größen. Während es in früheren Kollektionen auch noch die 75B auftauchte, beginnen einige Kollektionen heute erst ab dem D-Cup.  Eine erfolgversprechende Nische, auch weil hierzulande die Brüste der Damen wachsen.  Nach Angaben der Hohenstein Institute ist der Brustumfang der deutschen Frauen in 15 Jahren um 2,3 Zentimeter gestiegen. Eine Rolle spielt Wissenschaftlern zufolge einerseits die fett- und zuckerreiche Ernährung in Kombination mit wenig Bewegung. Hinzu komme andererseits das brustwachstumsstimulierende Hormon Östrogen. Das nämlich gelangt nicht nur über Tabletten während der Menopause in den weiblichen Körper, sondern wird unter anderem auch massiv in der Fleischproduktion eingesetzt. 2012 verkaufte Ulla-Dessous noch am häufigsten Büstenhalter mit G-Cups, 2013 indes waren es BHs mit der Körbchengröße H.  


Eine entscheidende Rolle im Leinacher Familienunternehmen spielte übrigens immer wieder die Frage, wie sich das Unternehmen auf Werbeplakaten präsentiert:  Während Vater Gerhard Weidauer bewusst mit sehr üppigen Models warb, setzt Sohn Toni heute auf schlankere Werbedamen – wenn auch nicht superschlank oder gar abgemagert. Was zunächst wie ein Widerspruch klingt mit Blick auf die zunehmende Spezialisierung auf große Größen, erklärt sich rasch: „Unsere Hauptkunden sind die Fachhändler. Und die wollen auf einem Plakat oder Prospekt lieber eine schlanke Dame sehen“, sagt der 36-Jährige.   


Nun aber ein Abstecher in die Fabrikationsräume. Großes Gerät findet sich hier nur begrenzt, zig Arbeiterinnen sitzen an klassischen Nähmaschinen, denn: Dessous werden nach wie vor überwiegend in Handarbeit gefertigt. Die Schwierigkeit: Gearbeitet werden muss dreidimensional. Und deshalb ist es nicht damit getan, ein hübsches neues Modell zu entwerfen. Steht dieses in groben Zügen, werden zunächst einmal Büstenhalter in den Größen B80 und B110 sowie G80 und G110 gearbeitet und an lebende Modelle angepasst. Um Zwischengrößen zu berechnen, kommt dann zwar der Computer ins Spiel, jede Größe muss aber  trotzdem noch per Hand nachgearbeitet werden, bis sie optimal sitzt und den Kampf gegen die Schwerkraft gewinnt. Bei großen Größen sind vielfach eine seitliche Stütze sowie eine zusätzliche Naht nötig, um mehr Dreidimensionalität zu erreichen. Hinzu kommt, dass viele unterschiedliche Materialien  verarbeitet werden – unter anderem Spitze und Tüll, elastische Bänder, Baumwolle und Stickereien. Diese reagieren im Zusammenspiel ganz unterschiedlich. Ein einzelner BH besteht dabei aus sage und schreibe rund 40 Einzelteilen – auch wenn die unzähligen Einzelnähte am Ende optisch verschwinden. Gearbeitet werden muss zudem extrem exakt, denn es braucht spiegelverkehrt zwei völlig „baugleiche“ Teile. Etwa 45 Minuten dauert die Fertigung eines einzelnen BHs in etwa.


Nicht einfach ist es mittlerweile zudem für Dessoushersteller geworden, hochwertiges Material zu kaufen. Das Dilemma beginnt bereits bei den Vorfabrikanten. Polymerhändler zum Beispiel verkaufen lieber nach China, ganz einfach weil sich asiatische Auto-Armaturhersteller zahlkräftiger erweisen als deutsche Faserhersteller.  Und auch der Bezug exklusiver Stickereien wird immer schwieriger. Außerhalb Europas sei die Qualität zu schlecht, sagt Toni Weidauer.  Und innerhalb Europas gibt es nur noch in  Ländern wie der Schweiz, Österreich oder Frankreich eine Hand voll Anbieter.


Doch trotz aller  Herausforderungen blickt der geschäftstüchtige Unterfranke sehr positiv in die Unternehmenszukunft: Hauptmarkt bleibe Deutschland, hier sei „noch viel Luft nach oben“. 2013 habe Ulla Dessous  hierzulande ein Plus von 15 Prozent verbuchen können.  Festhalten will der 36-Jährige an der Spezialisierung auf große Größen. Und:  Er würde gern noch Modischeres und noch Exklusiveres produzieren.  Denn, so Toni Weidauers feste Überzeugung: Auch Großes kann stilvoll und sehr, sehr sexy sein.

Dr. Jürgen Lenssen, Domkapitular und Leiter der Museen der Diözese Würzburg, der Künstler Winfried Muthesius und der rund 800 Jahre alte Schädel aus dem Fundament St. Petri.Auch große Dessous-Größen können stilvoll und sexy sein.  


Alle Fotos: Michaela Schneider


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Der Artikel  ist unter anderem  in „Franken. Magazin für Land und Leute“  erschienen.