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Wenn die Brille plötzlich im Kühlschrank liegt

Demenz Mediziner des Würzburger Geriatriezentrums sprechen über
Gedächtnisstörungen, deren Behandlungsmethoden und Möglichkeiten einer frühen Prävention

 

Von Michaela Schneider

 

Würzburg Gerade mancher Mann wird’s ungern lesen: Ein optimales Training für die geistige Fitness ist der Paartanz. Denn es kommt nicht allein darauf an, bis ins Alter körperlich und geistig aktiv sowie gesellig zu sein. Die beste Wirkung erzielt man, werden die drei Faktoren in Kombination ausgeübt. Also zum Beispiel beim Tanzen. Zwei, die sich intensiv mit der Frage der geistigen Fitness beschäftigen, sind der Neurologe Dr. Thomas Polak und Dr. Christine Leonhard, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Beide arbeiten am Geriatriezentrum in den Räumen des Bürgerspitals, das Zentrum gehört zum Universitätsklinikum in Würzburg. Sie diskutieren über Demenz, Behandlungsmethoden und Möglichkeiten der frühen Prävention.

 

Tatsächlich nimmt die Frage nach der geistigen Fitness im Alter in der Medizin immer größeren Raum ein, schlichtweg weil die Menschen immer älter werden. Häufigste Pflegeursache in Deutschlands Heimen ist mit mehr als 50 Prozent die Demenz. Die Frage ist bei der Diagnose aber immer: Liegt tatsächlich eine Demenz vor, oder aber ist’s normale Vergesslichkeit im Alter, die den Patienten belastet. Liegt keine Demenz vor, sollten Denken, Sprache und Orientierung nicht gestört und die Alltagsbewältigung „vom Kopf her“ nicht beeinträchtigt sein, sagt Dr. Polak. Eine Demenz indes könnte vorliegen, wenn der Patient in den beruflichen und privaten Alltagsaktivitäten über mindestens sechs Monate beeinträchtig ist und ein Delir – also ein Verwirrtheitszustand aufgrund anderer Ursachen – ausgeschlossen werden kann.

 

Gerade der Begriff Alzheimer schwebt für viele Menschen drohend über dem Alter. Dr. Christine Leonhard betont aber: „Es ist nicht alles Alzheimer.“ Alzheimer ist vielmehr eine bestimmte Demenzform, denn: Demenz ist nicht gleich Demenz – das ist bei der Behandlung wichtig. Fakt aber ist laut der Fachärztin: mit 60 bis 65 Prozent kommt Alzheimer unter den Demenzformen am häufigsten vor. Diese Erkrankung entdeckte Alois Alzheimer im Jahr 1901, er sprach damals von der „Krankheit des Vergessens.“ Charakteristisch für die Erkrankung ist, dass sie meist erst in höherem Alter auftritt – nur ein bis zwei Prozent der 65- bis 69-Jährigen sind betroffen, aber mehr als 30 Prozent der über 90-Jährigen.

 

Zweithäufigste Form ist die Lewy-Körperchen-Demenz mit bis 20 Prozent, diese spreche sehr gut auf Medikamente an, so die Expertin. Die vaskuläre Demenz ist eine Gedächtnisstörung in Folge von Schlaganfällen oder etwa auch jahrelangem zu hohem Blutdruck. Die frontotemporale Demenz  komme eher selten vor und falle häufig weniger durch Vergesslichkeit oder Verwirrtheit als durch Wesensänderungen auf.

 

Das bedeutet in der Praxis: Zunächst einmal nimmt der Arzt eine Differentialdiagnose vor, sprich er überprüft etwa: Liegt statt einer Demenz vielleicht eine angeborene Intelligenzminderung vor, ein Delir, also eine Bewusstseinsstörung, ganz normales Altern oder eine psychiatrische Erkrankung? Ist die Gedächtnisstörung Folge einer anderen Erkrankung wie zum Beispiel Krebs oder einer Depression? Oder aber ist die Rede von einer leichten kognitiven Beeinträchtigung „zwischen normalem Altern und einer Demenz“, wie es Leonhard ausdrückt? Rund 30 Prozent dieser leichten Beeinträchtigungen gingen später in eine Alzheimer-Demenz über – 70 Prozent nicht. Ein Problem ist: Sie seien medizinisch nicht behandelbar, sehr wichtig sind in solchen Fällen deshalb regelmäßige Untersuchungen. Schwierig gestaltet sich auch die genaue Bestimmung der jeweiligen Demenzform. „Eine sichere Artdiagnose ist oft nicht möglich, dafür müsste das Gehirn untersucht werden – das aber wäre erst nach dem Ableben des Patienten möglich“, so die Fachärztin für Psychiatrie.  

 

Als sehr wichtig bezeichnet sie bei der Diagnose Gespräche mit dem Patienten, aber auch mit Angehörigen. „Patienten selbst neigen häufig zum Bagatellisieren“, so Leonhard, Angehörigen indes fallen Veränderungen oft bewusster auf. Im Gespräch wird geprüft, ob sich der Patient an altbiographische Daten wie zum Beispiel die Namen der Enkel erinnern kann; ob er Dinge auf die extreme Art verlegt, Stichwort: Brille im Kühlschrank; ob er im Gespräch häufig nach Worten sucht und ihm auch einfach Begrifflichkeiten nicht mehr einfallen; oder ob Autofahren selbst in vertrauten Gebieten schwer fällt. Auch hinterfragt der Facharzt, wie es um Hobbies und soziale Kontakte steht, denn häufig sei bei Demenzen ein Rückzug aus Angst und Scham zu beobachten. Weitere wichtige Fragestellungen drehen sich um die Alltagsbewältigung, Veränderungen im Schlafverhalten oder etwa die Krankheitseinsicht.

 

Zudem spielt eine Rolle, ob weitere Demenzfälle in der Familie bekannt sind. Allerdings schränkt Leonhard gleich ein: Nur fünf Prozent erkrankten aufgrund genetischer Faktoren – in diesen Fällen breche die Demenz meist relativ früh aus. Eine neurologische Untersuchung soll zudem andere Ursachen der Gedächtnisstörung wie Schlaganfall oder zum Beispiel einen Tumor ausschließen, untersucht werden etwa die Koordination, Reflexe oder die Sprache. Eine Blutabnahme soll weitere Ursachen ausschließen wie Vitaminmangel, eine Schilddrüsen- oder eine Alkoholerkrankung. Manchmal werden laut der Psychiaterin bei der Diagnose zudem über ein EEG Gehirnströme gemessen, wichtiger aber sei noch das „Bild vom Kopf“ per Magnetresonanztomographie. Und: Indem Nervenwasser über einen recht kleinen Eingriff entnommen wird, können Entzündungen des Gehirns ausgeschlossen werden.

 

„Demenzen führen zur Störung der höheren Hirnleistung“, erläutert Leonhard. Die Folge: Gedächtnisverlust, Wortfindungsstörungen, Schwierigkeiten bei komplexen Tätigkeiten und eine räumliche wie auch zeitliche Desorientierung. Um diese Bereiche zu überprüfen, wurden spezielle Tests entwickelt – diese reichen von Rechenaufgaben bis zu Buchstabiertests. Bei einem fortgeschrittenen Stadium können Demenzen bis hin zu Halluzinationen, Agitiertheit – sprich einer krankhaften Unruhe -, Inkontinenz und einer totalen Abhängigkeit führen.

 

Wie aber umgehen mit den geistigen Veränderungen? „Wichtig ist, sich nicht auf die Defizite zu konzentrieren“, sagt Dr. Christine Leonhard. Das gelte nicht nur für den Patienten, sondern vor allem auch für Angehörige. Ständiges Korrigieren und Kritisieren führe schnell dazu, dass sich der Erkrankte minderwertig fühlt. Sie habe jedoch auch Patienten erlebt, die sich mit der Krankheit gut arrangierten, sagt die Ärztin. Zum Beispiel eine Dame, die unheimlich gern verreiste. Sie fuhr weiterhin in Urlaub, hatte jedoch immer einen Zettel mit ihrem Hotel und der Zimmernummer in der Tasche sowie das Handy dabei. Ihr Ehemann war für alle Fälle auf der Schnellwahltaste abgespeichert. „Patienten wollen in der Regel wissen: Womit muss ich rechnen?“, sagt Dr. Thomas Polak. Eine Antwort könne er auf diese Frage nie geben, denn: Demenzen verliefen extrem unterschiedlich.

 

Ausgelöst wird Alzheimer-Demenz durch Proteinablagerungen im Gehirn, verschiedene Risikofaktoren können diese begünstigen – allen voran das Lebensalter, wie erwähnt die Genetik oder auch der Bildungsgrad. Denn: Tatsächlich haben laut Polak Untersuchungen gezeigt, dass Menschen mit hoher Bildung zwar nicht geschützt sind vor Alzheimer, die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung aber sinkt.

 

Obwohl intensiv an neuen Medikamenten und Therapieformen laut Polak geforscht wird, gilt bisher: Medikamente können den Krankheitsverlauf zwar eine Zeit lang aufhalten und verlangsamen, eine Heilung ist indes nicht möglich.  Die medikamentöse Therapie konzentriert sich vor allem auf die Behandlung der Demenz-Begleiterscheinungen. Auch bietet das Team des Geriatriezentrums in der ambulanten und stationären Reha das so genannte Gedächtnistraining  nach Sima an. Polak schränkt zwar ein: Bislang sei nicht bewiesen, ob dieses bei Demenzpatienten noch hilft, doch in der praktischen Arbeit merke er, dass es den Patienten gut tue. Hoffnungen setzen Mediziner in der Alzheimer-Behandlung vor allem auf neue Medikamente, die die gefährlichen Eiweißablagerungen im Gehirn stoppen könnten. Sie allerdings sind bisher auf dem Markt nicht zugelassen.

 

Und wie sieht es mit präventiven Maßnahmen aus? „Freiverkäufliche Medikamente zur Vorbeugung gegen Demenz bringen gar nichts“, sagt Polak klipp und klar. Er empfiehlt vielmehr einen bewussten, gesunden Lebensstil, verweist auf etliche Studien, die belegen: Rauchen, Alkohol, Diabetes, erhöhtes Cholesterin und Übergewicht seien allesamt beeinflussbare Risikofaktoren. Gleiches gelte für einen Mangel an Interessen. Wirkten einzelne Risikofaktoren in einem längeren Prozess zusammen, könne dies zu einer Demenz führen. Ganz konkret empfiehlt Polak beispielsweise bei Patienten mit Bluthochdruck eine richtige Blutdruckeinstellung, diese könne das Demenzrisiko um 50 Prozent senken. Eine gesunde Ernährung sei wichtig, der Mediziner rät aber von Vitaminpräparaten ab, siebrächten gar nichts. Stattdessen setzt er etwa auf eine mediterrane Diät und rät zumindest einmal pro Woche zu Fisch und Gemüse statt Fleisch.

 

Belegt hat eine Studie aus dem Jahr 2009 übrigens auch, dass bei einer komplexen beruflichen Tätigkeit das spätere Demenzrisiko sinkt. Zwar komme es trotzdem zu den gefährlichen Eiweißablagerungen, der Resistenzgrad sei jedoch höher. Damit einher geht auch eine aktive, interessante Freizeitgestaltung über eine passive Fernsehberieselung hinaus. Auch Freizeitsport ist empfehlenswert, möglichst in einer Gruppe, Polak empfiehlt dabei mindestens zweimal pro Woche 30 Minuten Sport – oder täglich drei Kilometer Fußwege.

 

„Je mehr Schutzfaktoren ich kombiniere, desto höher ist die Risikoreduktion“, sagt Polak. Und am besten wirken die präventiven Maßnahmen körperliche Betätigung, geistige Aktivität und gesellige Umgebung in Kombination. Zum Beispiel beim Paartanz - und zwar möglichst nicht erst im Alter. Wer Zeit seines Lebens Risikoreduktion betreibt, wird die deutlichsten Effekte erzielen, ist der Mediziner überzeugt.

 

 

 

Der Artikel ist in „Gesundheit - Das Magazin“ erschienen

Dr. Christine Leonhard ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Dr. Thomas Polak arbeitet als Neurologe am Universitätsklinikum in Würzburg.

Foto: Michaela Schneider

Infokasten: Vogelstudie zur Frühdiagnose von Gedächtniserkrankungen

 

In einer groß angelegten Studie arbeitet das Universitätsklinikum derzeit an neuen Verfahren zur Frühdiagnose von Gedächtniserkrankungen. Die so genannte Vogelstudie wurde Mitte 2011 gestartet mit dem Ziel, Methoden zu finden, um erste Anzeichen einer Demenz frühzeitig zu erkennen.  Über zehn Jahre werden dafür Probanden zwischen 70 und 75 Jahren insgesamt dreimal einen Tag lang allgemeinkörperlich, neurologisch, psychiatrisch und elektrophysiologisch untersucht. Dr. Thomas Polak verweist darauf: Eine Teilnahme an der Studie ist noch möglich, sie sei eine gute Möglichkeit, um sich einmal komplett durchchecken zu lassen. Mehr Informationen dazu unter Telefon 0931/20176990.