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Jeder ist ein bisschen Jürgen
Mainfranken Theater bringt Leonhard-Frank-Roman „Der Bürger“ auf die Kammerspiel-Bühne – Dann
ziehen Ensemble und Publikum in eine Diskothek um und transportieren das Thema in die Gegenwart


Von Michaela Schneider

Würzburg Ja, Jürgen könnte jedes Gesicht haben. Jeder ist ein bisschen Jürgen. Die Rede ist von Jürgen Kolbenreiher, der Titelfigur in Leonhard Franks Roman „Der Bürger“. Jürgen sucht – wie jeder Mensch irgendwann im Leben - nach Sinn und Identität. Und so wechselt Jürgen auch auf der Kammerspiel-Bühne des Mainfranken Theaters in der Inszenierung von Simon Kubisch in Würzburg ständig das Gesicht. Angesiedelt ist der Roman im Deutschland der 1920er Jahre - eine Zeit, in der zwischen Großbürgertum und Arbeiterklasse unterschiedlichste Ideologien aufeinanderprallten. Stellt sich also die Frage: Ist Jürgens Krise tatsächlich so einfach auf Jedermann übertrag- und in die Gegenwart transportierbar? Das Kammerspiel-Ensemble startet den Versuch. Nach „Der Bürger“ in den Kammerspielen ziehen Ensemble und Publikum in die Diskothek „Kurt und Komisch“ um, treffen auf Jürgen heute und werden in Dominik Meders und Maria Vogts Fortsetzung „We Entertain to Love you“ selbst zum Teil der Handlung.  


Hineingezogen wird das Publikum dabei, noch ehe es auf den Kammerspiel-Stühlen sitzt. Im Treppenhaus ertönt plötzlich ein gellender Schrei. Ein sich windender und wehrender  Jürgen Kolbenreiher wird in Zwangsjacke an den Besuchern vorbei in die Kammerspiele gezerrt.  Einfach nur zurücklehnen ist auch später nicht drin – das Publikum begrüßt etwa als Schulklasse die Lehrerin und  ein Herr wird zum Hochzeitstanz auf die Bühne geholt. Die Grenzen zwischen Bühne und Publikum, zwischen fiktivem Schauspiel und Realität fließen an diesem Theaterabend in jeder Hinsicht.


Schnell ist klar, dass jeder Mensch ein bisschen Jürgen Kolbenreiher in sich trägt – jenem Sohn aus großbürgerlichem Haus, der an der Ungerechtigkeit der Gesellschaft verzweifelt und den die Frage treibt: Wie wird man ein gerechter Mann? Er flüchtet aus dem großbürgerlichen Haus der Tante in die Arbeiterklasse und schließt sich für drei Jahre der Untergrundbewegung an. Anschließend verdrängt er eine Zeit lang den Idealismus der Jugend und genießt die Bequemlichkeiten eines Lebens als Ehemann und Banker. Bis sie ihn schließlich in die Halluzination und den Wahnsinn treibt: die Suche nach Identität, Sinn und Gerechtigkeit.  


In jeder Szene schlüpft ein anderes Ensemblemitglied (Marianne Kittel, Bertram Maxim Gärtner, Robin Bohn, Maria Vogt, Janet Stornowski und Dominik Meder) in Jürgens schwarze Hose, sein weißes Hemd und setzt sein dicke Brillengestell auf (Kostüme: Veronica-Silva Klug). Anfangs verwirrt dies noch, bald gewinnt Simon Kubischs Bühnenfassung des Leonhard-Frank-Romans dadurch an ganz besonderem Reiz.  


Das Ensemble hat den Abend über sichtlich Spaß am Spiel – vor allem auch später n der Diskothek „Kurt und Komisch“. Besonders überzeugend: Marianne Kittel als Lehrerin und Tante sowie Intendantin Maria Vogt als Katharina und vor allem auch als Jürgen, der vom Tempo der Börsenwelt überrollt wird. Als zentrales, wandelbares Bühnenelement fungiert ein langer Tisch (Bühnenbild (Elvira Ulmer), gearbeitet wird zudem mit Videosequenzen auf transparenter Leinwand. Hier können sich die Akteure selbst beobachten und mit sich selbst agieren. Der Roman „Der Bürger“ lebt vor allem von seinen kernigen Dialogen. Auf der Bühne gewinnt Jürgens Dilemma noch an Intensität.


In der szenischen Club-Inszenierung „We Entertain to Love you“ von Dominik Meder und Maria Vogt begegnet das Publikum Jürgen später in der Diskothek „Kurt und Komisch“ in der Sanderstraße in der Gegenwart wieder. Die Grenzen zwischen Schauspielensemble und Besuchern sind jetzt komplett aufgehoben. Masken werden verteilt, es wird allein, es wird gemeinsam getanzt, geflirtet und nach dem Sinn der Gegenwart gesucht. In kurzen Szenen – mal auf der Bar, mal auf der Tanzfläche, einem Lautsprecher oder der kleinen Bühne – thematisiert das Ensemble als Guru oder auch riesige Gottesanbeterin Werbeversprechen und sinnentleerte Lebensentwürfe, Egoismus und einen ständigen Leistungsdruck. Es lässt dabei Leonhard-Frank-Zitate einfließen und Bertolt Brecht zu Wort kommen. Sehr schön, dass gelegentlich kleine Hoffnungsschimmer durchblitzen dürfen – auch ganz sichtbar in Form bunter, weitergereichter Leuchtkugeln.


Nicht alle Szenen dürften sich jedem erschließen, bringen aber trotzdem hier und da zum Stirnrunzeln, gelegentlich zum Schmunzeln, vor allem aber zum Nachdenken. Klar ist am Ende: Jeder ist auch heute noch ein bisschen Jürgen auf seiner ganz persönlichem Suche nach Identität und Sinn. Experimente wie im „Kurt und Komisch“ werden nie das breite, traditionelle Theaterpublikum ansprechen. Für andere Besucher macht der Reiz am Überraschenden Theater erst aus.


Dauer: „Der Bürger“ 90 Minuten, „We Entertain to Love you“ gut 60 Minuten; weitere Termine: 26. und 27. Juni, ab 20 Uhr. „We Entertain to Love You“ startet gegen 22.10 Uhr in der Diskothek „Kurt und Komisch“, Sanderstraße 7.  Karten für die beiden Stücke können als Kombiticket oder einzeln gekauft werden.

Der Artikel  wurde unter anderem im Main-Echo veröffentlicht.

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