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Von der Seele alter Bücher
Walter Grötsch aus Iphofen ist einer der letzten Handbuchbinder in Unterfranken


Von Michaela Schneider

Iphofen/Unterfranken Walter Grötsch streicht mit der Hand vorsichtig, fast zärtlich über den Einband des alten Wälzers. Bücher haben für ihn eine Seele, sagt er selbst. Der Unterfranke hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, diese Seele  zu bewahren. Walter Grötsch arbeitet seit vielen Jahren als Handbuchbinder. Am heutigen 23. April ist UNESCO-Welttag des Buches.


Das Handwerk des Buchbinders ist dabei so alt wie das Buch selbst. Zunächst waren es Mönche, die die eigenen, handgeschriebenen Bücher der Klöster banden und dekorierten. Erste bürgerliche Buchbinder, so vermutet die Wissenschaft, gab es ab dem 12., spätestens 13. Jahrhundert.  Zum florierenden Berufsstand allerding entwickelte sich die Buchbinderei  erst, als mit Gutenbergs Erfindung des modernen Drucks Bücher zur Massenware wurden. Bis ins 19. Jahrhundert reine Handarbeit, kam im 19. Jahrhundert zudem der Beruf des Industrie-Buchbinders auf.  


Heute ist der Handbuchbinder zur Rarität geworden. „Es gibt einige Unternehmen, die im großen Stil restaurieren, zum Beispiel in Fällen wie nach dem Brand der Anna-Amalia-Bibliothek“, sagt Grötsch. Etliche kleine Handbuchbindereien indes hätten in den letzten Jahren den Betrieb eingestellt, schlichtweg weil es an Aufträgen fehlt. So war es bis vor einigen Jahren zum Beispiel noch ein einträgliches Geschäft, Fachzeitschriften für die Archivierung zu binden. Heute indes verzichte man aufs Papierarchiv und setze auf Online-Bibliotheken. Ausgebildete Handbuchbinder mit Meisterprüfung gibt es laut Grötsch gerade noch drei in Unterfranken.

Er selbst ist einer von ihnen und kann über mangelnde Aufträge nicht klagen – wohl auch, weil er sich frühzeitig auf zwei Arbeitsschwerpunkte konzentriert hatte. Einerseits fertigt er auf Anfrage dekorative, neue Künstlerbücher, Schatullen oder Mappen, prägt Bücher und Weinkartons, macht Einzelanfertigungen wie zum Beispiel Gästebücher, Facharbeiten oder Speisekarten.


Andererseits repariert, restauriert und konserviert er alte Bücher, Grafiken und Landkarten, zumeist aus  Privatbesitz. Das wohl wertvollste Stück, dem sich der Buchbinder bis dato angenommen hatte, war die Cosmographia – ein 1600 Seiten starkes Werk mit einem Wert von rund 50000 Euro. Tatsächlich kommt es nicht selten vor, dass Walter Grötsch  500 oder 600 Jahre alten Handschriften und Dokumenten restauriert.


Häufig spielt für seine Auftraggeber jedoch weniger der materielle, sondern vor allem der ideelle Wert  der Objekte eine Rolle. Bücher, die eine Seele, Bücher, die eine eigene Geschichte haben. So kam es zum Beispiel schon vor, dass ein Kunde ein handgeschriebenes Kochbuch der Oma vorbeibrachte. „Und oft hängt das Herz vor allem auch an alten Kinderbüchern oder der Familienbibel“, so die Erfahrung des 60-Jährigen.


Ganz unterschiedlichen Schäden rückt Grötsch dann zu Leibe: Manchmal ist nur ein Einband leicht beschädigt, manchmal der ganze Buchblock zerstört. Brockhaus verarbeitete im 19. Jahrhundert am Rücken Drahtklammern, die heute rosten und entfernt werden müssen. Säure kann Papier angreifen, Seiten sind gerissen, bei Handgeschriebenem kann es zu Tintenfraß kommen.   Wasserschäden oder auch Schimmel tun ihr übriges. Papier, Holz, Metall, Stoff oder Keramik – sämtliche Materialien kamen dem Buchbinder schon unter.  Wichtig ist zu wissen, wie Bücher früher gebunden wurden“, betont er  - und arbeitet in vielen Fällen mit exakt den gleichen Mitteln wie seine beruflichen Vorfahren, kocht zum Beispiel Weizenstärke und setzt Warmleim an.


Tatsächlich weiß Walter Grötsch sehr genau, was in den verschiedensten Fällen zu tun ist, schließlich hat er sein Handwerk von der Pike auf gelernt. Die handwerklichen Fähigkeiten bekam er in die Wiege gelegt: Der Großvater arbeitete als Schreiner, der Vater als Notenstecher. Walter Grötsch spielte zunächst mit dem Gedanken, Buchdrucker zu werden, bekam aber keinen Ausbildungsplatz. „Heute bin ich darüber heilfroh, das Handwerk ist so gut wie ausgestorben“, sagt er. Stattdessen entschied er sich für die Handbuchbinderei. Auf drei Jahre Lehrzeit folgten sechs Gesellenjahre und vier Semester an der grafischen Akademie in München inklusive Meisterprüfung. 1984 machte sich der Iphofer schließlich selbstständig.


Strikt und unnachgiebig ist Walter Grötsch, wenn Kunden ein altes Werk in neuem Einband fordern, hat in solchen Fällen auch schon Aufträge abgelehnt. „Ein altes Buch darf alt aussehen. Priorität hat, dass das Buch nicht weiter kaputt geht und so viel Originales wie möglich erhalten bleibt“, sagt er. Er hält kurz inne, ergänzt dann: „Sonst geht die Seele des Buches kaputt.“

Der Artikel  ist unter anderem  im Main-Echo erschienen.

Walter Grötsch ist einer der letzten Handbuchbinder Unterfrankens. Neben der Restaurierung alter Bücher fertigt er neue, edle Werke an.

Fotos: Michaela Schneider


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Infokasten: Welttag des Buches


1995 hatte die UNESCO den 23. April zum Welttag des Buches erklärt. Seither gilt er als weltweiter Feiertag für das Lesen, für Bücher und für die Rechte der Autoren.  Deutschlandweit feiern Jahr für Jahr Buchhandlungen, Verlage, Bibliotheken, Schulen und Lesebegeisterte gemeinsam ein großes Lesefest. Der 23. April spielt dabei in zweifacher Hinsicht eine besondere  Rolle: Zum einen handelt es sich um den Todestag der beiden großen Literaten William Shakespeare und Miguel de Cervantes. Zum anderen ist es im Katalanischen üblich, dass man sich am Namenstag des Volksheiligen St. Georg neben Rosen auch Bücher schenkt.