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Die „Braillers“ spielen ganz nach Gehör

Fünf blinde und sehbehinderte Jungs bringen den Musiktherapieraum zum Rocken

 

Von Michaela Schneider

 

Würzburg Wer im Orchester spielt, weiß: Der Blickkontakt zum Dirigenten gilt als das A und O eines harmonischen Zusammenspiels. Nicht so bei den „Braillers“, denn: Die vier Hobbymusiker sowie ihr Bandleiter Markus Rummel sind allesamt sehbehindert oder blind. Kaum zu glauben, wenn die Jungs beim „Jailhouse Rock“ oder „Let’s twist again“ den Musiktherapieraum gemeinsam zum Rocken bringen. Höchste Konzentration und vor allem viel Spaß an der Musik ersetzen den Blickkontakt. 2007 gegründet hat sich die Band des Würzburger Blindeninstituts als fester Bestandteil der Stiftung etabliert, zehn bis zwölf Auftritte pro Jahr stemmen die Jungs inzwischen. Den Höhepunkt ihrer kleinen Bandkarriere erlebten sie Ende 2012: Die „Braillers“ spielten live bei der Sternstunden-Gala – einer Benefizaktion des Bayerischen Rundfunks, die zur besten Sendezeit über die Fernseher flimmerte.

 

Der Name der Band geht zurück auf keinen geringeren als auf den Franzosen Louis Braille – den Erfinder der nach ihm benannten Schrift für blinde Menschen. Mit dem Sechs-Punkte-System können übrigens nicht nur Texte, sondern auch Musiknoten gelesen werden – auch diese Erfindung geht auf Braille zurück, der selbst Orgel spielte.  Die „Braillers“ allerdings musizieren lieber nach Gehör. Ob sie sich dabei leichter tun als sehende Menschen, sei schwer zu sagen, sagt Bandleiter Markus Rummel. Fakt jedenfalls ist, dass Sehende 80 Prozent ihrer Umwelt über die Augen wahrnehmen. Blinde Menschen indes nutzen die anderen Sinne aktiver und orientieren sich im Alltag wesentlich intensiver an Geräuschen.

 

Geprobt wird im  Blindeninstitut einmal pro Woche, neue Stücke spielt Rummel seinen Jungs zunächst drei oder viermal auf CD vor. Anschließend geht’s dann ans Proben. Und dabei ist absolute Konzentration nötig. „Dass einer im Stück plötzlich langsamer wird, geht bei einer blinden Band nicht“, sagt der Bandchef. Ohne Dirigent wieder zusammenzufinden – kaum möglich. Seine Erfahrung ist: „Es gibt durchaus sehr gute, blinde Musiker. Die meisten spielen aber in ihrer eigenen Welt.“ Dass blinde Menschen miteinander auf gutem Niveau musizieren, ist indes laut Rummel selten. Den besten Beweis, dass dies funktionieren kann, liefern die Braillers. 2009 verbrachte die Band eine gemeinsame Woche im Studio, um die CD „Heut ist so ein schöner Tag!“ einzuspielen. Gegen eine Spende ist sie das nächste Mal unter anderem beim Tag der offenen Tür im Blindeninstitut am 28. und 29. Juni erhältlich. Und natürlich werden die Braillers dann wie jedes Jahr auch wieder live zu hören sein.  

 

Doch wer sind die Menschen hinter der ungewöhnlichen Band? Da ist zunächst einmal Bandleiter Markus Rummel, 57 Jahre und Musiktherapeut beim Blindeninstitut. In der Band greift der studierte Kirchenmusiker selbst zum E-Bass. Seinen 25-jährigen Bandsänger Steffen Seubert bezeichnet Rummel als „wandelndes Gesangsbuch“. Zwar ist der junge Mann seit seiner Geburt sehgeschädigt, kann aber Großdruck lesen. Das ist praktisch, um Liedtexte zu lernen - beim Singen wäre dies allerdings viel zu kompliziert. Und so singt Steffen auswendig – kennt ein paar 100 Songs in Deutsch, Englisch, aber auch Italienisch.

 

Wie Steffen arbeitet auch Michael Bamford in der Schreinerei des Blindeninstituts. Bei den Braillers allerdings greift der 20-Jährige nicht zum Hobel, sondern zu den Tasten. Ebenso wie der jüngste im Bandbunde, der zwölfjährige Boran Culak. Beide Klavierspieler haben ein absolutes Gehör. Das hilft Boran übrigens auch, sich im Alltag zu orientieren. Der Bub ist seit seiner Geburt blind. Bewegt er sich in unbekannter Umgebung, schnalzt er mit der Zunge und zeichnet sich mit Hilfe des Echos ein Bild seiner Umwelt. Und schließlich geht nichts ohne Tobias Walter. Der 19-Jährige spielt leidenschaftlich Schlagzeug, den ersten Unterricht bekam er mit gerade einmal vier Jahren. Er gibt nicht nur bei den Braillers den Rhythmus vor, sondern auch in mehreren Blaskapellen der Region.

 

Tobias ist auch derjenige, der die Stücke zu Beginn anzählt. Im Musiktherapieraum ist dies kein Problem, anders sieht dies in fremder Umgebung mit Publikum aus. Bei der Sternstunden-Gala des Bayerischen Fernsehens brandete Applaus auf, noch bevor die „Braillers“ zu spielen begannen. Für eine blinde Band, die aufs hörbare Anzählen angewiesen ist, half da nur Abwarten. Doch das lohnte sich ebenso wie die weichen Knie im Vorfeld – bis heute wird die Band immer wieder auf ihren großen Fernsehauftritt angesprochen.

Der Artikel ist im Main-Echo erschienen.

Die Braillers bringen den Musikraum zum Rocken. Im Bild von links: Boran Culak, Michael Bamford, Markus Rummel, Steffen Seubert und Tobias Walter.

Foto: Michaela Schneider