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Ein Leben zwischen Extremen
Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung signalisieren in einem Moment
Zuneigung, im nächsten Moment können sich die Gefühle urplötzlich ins Gegenteil umkehren


Von Michaela Schneider
Würzburg
Die Stimmung schwankt dramatisch, sie verhalten sich impulsiv und verletzen sich selbst. Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) sind, so scheint es, zu keiner „normalen“ zwischenmenschlichen Beziehung in der Lage. Im einen Moment noch voller Zuneigung, können sich Gefühle urplötzlich ins Gegenteil umkehren. Was die Betroffenen durchmachen, ist fürs Umfeld oft nur schwer nachvollziehbar. Deutschlandweit leiden ein bis fünf Prozent der Bevölkerung unter Borderline, Frauen etwas häufiger als Männer.


Zwei, die sich mit Persönlichkeitsstörungen intensiv beschäftigen, sind der Psychoanalytiker Erich Limmer und seine Ehefrau, die analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Doris Wirth-Limmer. Er ist Vorsitzender des Instituts für Psychoanalyse Würzburg, gemeinsam betreiben die beiden eine Praxis. Hier konzentriert sich Doris Wirth-Limmer auf die Arbeit mit Kinder und Jugendlichen, ihr Mann therapiert erwachsene Patienten. Jetzt sprachen die Beiden in einem öffentlichen Vortrag an der Würzburger Universität über die Borderline-Persönlichkeitsstörung.


Beispiel Lisa (Name von der Redaktion geändert). Der Teenager entstammt schwierigen Familienverhältnissen, lebt inzwischen in einer Pflegefamilie. Die Pflegemutter meldet das Mädchen zur psychoanalytischen Therapie bei Doris-Wirth-Limmer an. Viele Monate verlaufen die Sitzungen soweit positiv. Von einer Sitzung auf die andere schlägt die Stimmung um, Lisa erlebt die Therapeutin plötzlich nicht mehr als Vertraute, sondern als Bedrohung. „Für Borderline ist es ganz typisch, dass es urplötzlich kippt. Von einem Moment auf den anderen war ich die Böse“, erzählt die   Psychoanalytikerin. Sie ergänzt am Rande: Auch wenn die Anzeichen markant sind, sprechen Experten bei Kindern und Jugendlichen nicht von einer Persönlichkeitsstörung, sondern einer Borderline-Entwicklung. BPS wird nicht vor dem 16. Lebensjahr diagnostiziert.


Erich Limmer zählt eine lange Liste an Symptomen auf, die auf Borderline hindeuten können, unter anderem: massive Ängste – vor Nähe, Alleinsein, Selbstverlust oder auch vor sich selbst; multiple Phobien; Zwangssymptome, die der Patient jedoch selbst nicht als solche registriert; Zustände, in denen der Patient wie weggetreten wirkt; Depressionen bis hin zu Suizidversuchen. Die Borderline-Persönlichkeit neigt zu drastischer Impulsivität und zu selbstschädigendem Verhalten. Es kann zu Alkohol- und Drogenmissbrauch, ständig wechselnden Sexualpartnern, Spielsucht, Kleptomanie oder Essstörungen kommen. Allerdings – und dies ist die große Herausforderung für den Therapeuten: Den typischen Borderline-Patienten gibt es nicht.


Die Ursachen für Borderline konnten Wissenschaftler bis heute nicht ganz klären. Neben einer gewissen Veranlagung spielen wohl vor allem auch traumatische Erfahrungen eine Rolle. Viele Patienten mussten Missbrauch und Misshandlung, psychisch wie körperlich erleben. So auch Lisa bereits als Kleinkind.  Diese so weit wie möglich aufzuarbeiten, ist wesentliches Ziel einer Therapie. Was aber geht in Lisa heute vor, warum erlebt sie die Therapeutin urplötzlich als Feindin? Das Mädchen erfährt die Dinge laut Wirth-Limmer gut oder böse – Abstufungen gibt es bei einer Borderline-Entwicklung nicht. Es wird in Reinform idealisiert, ablehnende Gefühle gegenüber einer eigentlich geliebten Person sind schlichtweg unmöglich. Verbinden sich jedoch gute mit bösen Einheiten, überkommt Borderline-Patienten die Furcht, die bösen Einheiten könnten die Oberhand gewinnen und alles Gute zerstören. Für Lisa wohl der Grund, sich von der Therapeutin abzuwenden. Psychoanalytiker sprechen von einer „Spaltung“ und deuten diese als Abwehrmechanismus, um das Gute vor eigenen Aggressionen zu schützen.


Hinzu kommt: Menschen mit BPS können Emotionen nur schwer spüren und einordnen. Das führt zu dramatischer innerer Anspannung. Diese kann sich urplötzlich entladen in einem heftigen Wutanfall, ein einziges falsches Wort genügt. Für Außenstehende wirkt dies oftmals wie eine absolute Überreaktion. Eine weitere Folge der verdrehten Gefühlswelt: Mancher Patienten versucht, sich durch Selbstverletzung wieder zu spüren.


Auch projizieren Patienten die eigenen Gefühle und Impulse auf andere Menschen, ohne dies zu merken. In manchen Fällen können sie die Steuerung wieder übernehmen – zum Beispiel nach erklärenden Worten. In anderen Fällen klappt dies nicht. Die Patienten schaffen es nicht mehr, zwischen Wirklichkeit und Fantasie zu unterscheiden.


Bei besonders extremen Impulsen setzen viele Psychotherapeuten mit der Behandlung an, Experten sprechen von „Gegenübertragung“. Das Prinzip: Der Patient löst im Therapeuten genau jene Gefühle aus, die er selbst nicht ertragen kann. Der Therapeut verlässt vorübergehend seine neutrale Position und hält die Gefühle in sich selbst aus. Dadurch erfährt er mehr über die Gefühlswelt des Patienten und kann in einem weiteren Schritt mit ihm über seine schwierigen Gefühle sprechen. Das erlaubt sehr individuelle Therapieansätze.


Zurück zu Lisa. Wesentliches Ziel in der Psychotherapie ist es hier laut Wirth-Limmer, bestimmte Reifungsprozesse nachzuholen. Sie signalisiert deshalb den Buben und Mädchen in der Therapie: „Es ist nicht einfach mit Dir, aber ich mag Dich trotzdem.“ Damit zeigt sie: Gut und Böse können in einer Person vereint sein.


Der Artikel  ist unter anderem  im  Magazin „Gesundheit!“ erschienen.

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