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Blumenglück
von Michaela Schneider

 

Blume für Blume packte Luis wie jeden Tag in seinen Fahrradkorb, schwang sich aufs Rad und fuhr los zur Arbeit ins Bankenviertel. Dabei war Luis kein Banker. Der sommersprossige junge Mann war nicht einmal einer von den Klugen. „Doofkopf“ hatten ihm seine Mitschüler früher nachgerufen, wenn kein Lehrer in der Nähe war und fies gegrinst, wenn er im Unterricht einen Text vorlesen musste. Dann hatten sich vor Luis Augen die Worte jedes Mal in wilde Schwärme schwirrender Buchstaben verwandelt. Und so viel Mühe er sich auch gab: Sie ließen sich von ihm nicht wieder einfangen und zurücksortieren. Irgendwann merkten das auch seine Lehrer - sagten’s nicht, aber dachten sich: „Doofkopf“.

 

Schon damals hatte Luis entdeckt, dass er zwar schlechter lesen und rechnen konnte als seine Mitschüler. Aber er konnte etwas anderes. Luis konnte ganz tief in traurige Herzen blicken. Vielleicht weil er früher selbst oft geweint hatte, wenn die anderen ihn wieder ausgelacht hatten. Alle bis auf Andi. Der Nachbarsjunge hatte von klein auf mit ihm gespielt, mit ihm gelacht und ihn getröstet. Und die beiden Kinder hatten Pläne geschmiedet. Andis Traum war in Erfüllung gegangen, er hatte von seinem Papa den kleinen Blumenladen übernommen. Luis indes war kein Astronaut geworden, um die Erde einmal von ganz weit oben zu sehen. Aber trotzdem war er heute so glücklich wie nie zuvor.

 

Eines Tages hatte er beobachtet, wie Andi am Abend eine ganze Kiste voll bunter, wunderschöner Blumen auf den großen Kompost gebracht hatte. Die könne er am nächsten Tag nicht mehr brauchen, hatte der Freund mit einem bedauernden Schulterzucken gemurmelt. Seit jenem Abend musste keine Blume aus dem Blumenladen mehr den frühzeitigen Komposttod sterben. Morgen für Morgen holte Luis seitdem die Vortagsschönheiten bei Andi ab und fuhr damit ins Banken- und Geschäftsviertel. Dorthin, wo für ein Lächeln kein Platz aber für Hektik zu viel Zeit bleibt.

Auch heute fuhr Luis zuerst bei Gertrud vorbei, der Bettlerin an der Fußgängerunterführung. Er überreichte ihr eine Sonnenblume, fast so strahlend wie das große Vorbild am Himmel – und erntete dafür ein noch schöneres Strahlen in den wässrigen, alten Augen. Dann begann der junge Mann zu beobachten, suchte sich  seine nächsten Kunden ganz genau aus. Ein Sträußchen Vergissmeinnicht wählte er für den alten Banker aus, dessen Frau vor wenigen Wochen zu den Engeln zurückgekehrt war. Eine Tulpe schenkte er der jungen Referendarin aus der schicken Kanzlei, die – ganz allein in der Großstadt - Eltern und Schwester schmerzlich vermisste. Eine Rose überreichte er der alternden Sekretärin, die kürzlich von ihrem Mann wegen einer Jüngeren verlassen worden war.

 

Bis zum Spätnachmittag waren fast alle Blumen verschenkt. Nur eine letzte Schönheit lag noch im Fahrradkorb, die würde Luis wie immer selbst mit nach Hause nehmen. Als er an Kanzleien, Banken und Handelsunternehmen vorbei nach Hause radelte, fragte er sich, wie viel Traurigkeit die Anwälte, Banker und Betriebswirte heute wohl aus den Herzen verjagt hatten. Dann lächelte der sommersprossige Mann und war glücklich.

Die Kurzgeschichte wurde im Liboriusblatt veröffentlicht.

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