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Von Michaela Schneider

Franken Frösche quaken, ein Neuntöter, eine Gebirgsstelze und seltene Libellenarten wie das Kleine Granatauge fliegen vorbei, Pflanzen wie der Blutweiderich gedeihen in der Sumpf-, Teich und Bachlandschaft am Rehberggraben nahe Iphofen. Das Erstaunliche: Noch vor sechs Jahren plätscherte hier nur ein schmales Bächlein, links und rechts wuchsen vor allem Pflanzenarten wie Klee und Löwenzahn, die auf nahezu jeder „EU-Wiese“ anzutreffen sind. Besonderheiten der Flora und Fauna waren auf wenige Restflächen zurückgedrängt. Das hat sich grundlegend geändert: Die Landschaft wirkt heute urtümlich und unberührt, überall wachsen seltene Pflanzenarten, jede Menge Vogel-, Libellen- und Amphibienarten sind eingewandert.  "Hauptschuldig" an der raschen Renaturierung: eine Biberfamilie, die seit 2006 die Landschaft an der Grenze zwischen Unter- und Mittelfranken gestaltet. Untrügliche Anzeichen: Staudämme, eine Biberburg im Gestrüpp und eine Biberseenlandschaft.

 

Dabei ist der tierische Baumeister für die einen ein Fluch, für die anderen ein Segen. Immer wieder klagen Landwirte über erhebliche Biberschäden, denn: Der Nager frisst leidenschaftlich gern Nutzpflanzen wie Mais und Zuckerrüben oder zweckentfremdet sie als Baumaterial. Und er unterwühlt mit seinen Gängen Ufer, die unter den heutigen schweren Maschinen einbrechen können. Naturschützer indes rühmen die Leistungen des Bibers als Lebensraumgestalter. Allerdings geschah dies lange Zeit ohne wissenschaftliche Grundlage. Ulrich Meßlinger ist seit geraumer Zeit dabei, dies zu ändern. Für verschiedene Auftraggeber hat der  Biologe aus Ansbach bayernweit Biberreviere im Blick. Und vor allem im Fränkischen betreibt er seit 1999 ein groß angelegtes Monitoring. Etwa alle vier Jahre ist er hier in mittlerweile zehn Biberrevieren unterwegs und untersucht, wie sich die Landschaft unter Bibereinfluss verändert. Anfangs finanzierte die Regierung von Mittelfranken die Studie, inzwischen wird sie über den Bayerischen Naturschutzfonds aus Zweckerträgen der Glücksspirale gefördert.

Meßlinger ist beim Monitoring für die Zoologie zuständig, zwei Kollegen untersuchen die Botanik. Sechs bis sieben Tage pro Revier durchstreift der freiberufliche Biologe dann die oftmals schwer zugänglichen Uferlandschaften und zeichnet Fraßspuren und Biberbauten auf. Vor allem aber beobachtet und lauscht er, um zugewanderte Amphibien-, Libellen- und Vogelarten zu entdecken. Anschließend halten die Biologen die biberbedingten Effekte in ganz konkreten Zahlen fest: Viele Pflanzenarten der Roten Listen wären ohne den Biber in den untersuchten Gegenden überhaupt nicht vorhanden. Und: 24 Vogel-, fünf Amphibien- und zehn Libellenarten haben von dem tierischen Baumeister profitiert, viele konnten erst dank seiner Aktivitäten in die untersuchten Gebiete einwandern. Auch manche Fischpopulation konnte wachsen, denn das Geäst der Biberwintervorräte stellt laut Meßlinger ein ausgezeichnetes Versteck für Jungfische dar. Die natürlichen Biber-Staustufen indes könnten Fische – entgegen mancher anfänglicher Befürchtungen – problemlos passieren. „Der Biber macht nichts anderes, als den ursprünglichen Zustand der Natur wiederherzustellen“, betont der Biologe. Er bezeichnet den Nager gar als die Schlüsselart der Gewässer, denn: 15 Millionen Jahre lang habe er diese hierzulande gestaltet, ehe er Mitte des 19. Jahrhunderts ausgerottet wurde. Vermutlich seien zahlreiche Insekten sogar erst in Bibergewässern evolutionär entstanden.

 

Trotzdem betrachten den Nager heute viele Menschen als einen Fremden - und vor allem Landwirte blicken mit Skepsis auf den Einwanderer, der sich seine einstige Heimat zurückerobert. Hier kommt unter anderem Horst Schwemmer ins Spiel. Als Bibermanager des Bund Naturschutz vermittelt er in ganz Nordbayern bei Konflikten. Er betont: Das Zusammenleben mit dem Nager sei eigentlich recht einfach, wenn man die wichtigste Grundregel beachte, nämlich: Dem Biber einen mindestens zehn Meter breiten Uferstreifen zur Gestaltung lasse. „90 Prozent der Biberaktivität spielen sich im ufernahen Bereich rechts und links der Gewässer ab“, betont der Manager. Kritik übt er deshalb auch an der bayerischen Gesetzgebung: Denn während andernorts fünf bis zehn Meter Abstand zwischen bewirtschafteten Feldern und Gewässern vorgeschrieben sind, vor allem auch, um das Grundwasser sauber zu halten, gibt es dies in Bayern nicht. Maßgebend im Freistaat ist lediglich die gute fachliche Praxis. Dies führe immer wieder zu Konflikten, da nicht klar definiert sei, was das in der Praxis heißt. Mindestens drei Meter Abstand sollten bestehen – doch auch diese werden oft nicht eingehalten.

 

Dass das Zusammenleben von Mensch und Biber im Rehberggraben funktioniert, ist übrigens auch ein Verdienst der Stadt Iphofen, denn: Um eine Renaturierung zu ermöglichen, hatte  die Kommune Uferstreifen erworben. Hier kann die Biberfamilie nun walten und gestalten. Die vegetarischen Nager waren Anfang des Jahrtausends in den Landkreis eingewandert, von dort aus machten sie sich laut Dieter Lutz, Fachreferent für Naturschutz und Landschaftspflege, dann sukzessive im dortigen Maintal breit. Den Rehberggraben erreichte der kleine Baumeister im Jahr 2006. Und hat innerhalb kurzer Zeit ein Biotop geschaffen, das weit und breit seinesgleichen sucht und das er nun – wie ein Hausmeister – pflegt und ständig umgestaltet. Dies weiß nicht nur die Stadt Iphofen zu schätzen, auch andernorts schaffen Kommunen inzwischen ganz bewusst Raum für die tierischen Lebensraumgestalter. „Mich verwundert immer wieder, wie schwer sich der Mensch beim Renaturieren tut – und wie leicht dies dem Biber fällt“, sagt Ulrich Meßlinger.

 

Seine Leistung lässt sich laut Horst Schwemmer auch in Zahlen darstellen: Ein Hektar Renaturierung koste rund 30000 Euro – der Biber mache dies umsonst. Ulrich Meßlinger hofft, dass mit künftigen Studien weitere positive Effekte in Biberrevieren monetaristisch dargestellt werden können – etwa welchen Beitrag der fleißige Nager mit Blick auf die Nährstoffrückhaltung und den Hochwasserschutz leistet. „Biberschäden in Bayern kosten den Freistaat im Jahr rund eine halbe Million Euro – der Wert seiner positiven Leistungen ist mindestens zehnmal so hoch“, schätzt der Biberexperte.

 

Der Artikel ist unter anderem  im Fränkischen Tag erschienen.

Tierischer Bau- und Hausmeister

 

Biologie Mehrjährige Studie in zehn fränkischen Revieren belegt Renaturierungsleistung der Biber

 

           

Bibermanager Horst Schwemmer schaut sich das Biberrevier im Rehberggraben an. Vor sechs Jahren floss hier lediglich ein schmales Bächlein, inzwischen hat eine Biberfamilie ein Band aus Bächen, Seen und Sumpflandschaft geschaffen.

        

Foto: Michaela Schneider

Hat es von der Donau aus ins fränkische Maintal geschafft: der Biber. Im Hintergrund ist die von einer Biberfamilie geschaffene Seenlandschaft am Rehberggraben zu sehen.                         Foto: Michaela Schneider

Der Biber in Deutschland

 

15 Millionen Jahre walteten und gestalteten Biber in ganz Europa die Gewässer, davon zeugen hierzulande auch zahlreiche Flur- und Bachnamen: Mehr als 3000 Bezeichnungen verweisen in Deutschland auf den Biber. Dann allerdings rückte den Nagern der Mensch auf den Pelz. Aus Biberpelz entstanden Mützen und Mäntel, sein Drüsensekret sollte gegen männliche Gebrechen helfen. Und da er Weiden frisst und diese Salicylsäure enthalten, wurde das Sekret auch gegen Kopfschmerzen angewendet. 1867 wurde der letzte Biber in Bayern an der Amper gesichtet – und getötet. 99 Jahre später, im Jahr 1966 startete Hubert Weinzierl ein überaus erfolgreiches Wiedereinbürgerunsprojekt: Bis 1980 wurden 120 Tiere ausgesetzt. Heute schätzt man den Biberbestand auf 12000 bis 14000 Tiere in rund 3500 Biberrevieren. Von Bayern erobert der Nager inzwischen auch Hessen und Baden-Württemberg. In Ostdeutschland indes war kein Auswilderungsprojekt notwendig: Der Elbebiber war nie ganz ausgerottet.