Ich schreibe für Sie!
Guten Tag!.Journalismus.Schwerpunkte.Pressetexte.Fotografie.Schöne Literatur.Veröffentlichungen.Kontakt.
Michaela Schneider - Freie Journalistin in Würzburg
Hier finden Sie eine Auswahl
an Verlagen und Agenturen,
für die ich schreibe:

Impressum

Meine AGB

Fränkischer Tag

Franken.Das Magazin für Land und Leute

Presse & Kommunikation Saremba GmbH

KulturGut

Museumsmagazin ZeitenRaum

Tanner Werbung GmbH

Ideeologen - Gesellschaft für neue Ideen

Main-Echo

Heragon Verlag

Augsburger Allgemeine

Fränkische Nachrichten

Journalismus

Pressetexte

Fotografie

 

Kurzgeschichten

                                          Chroniken

 

Ein Bettelorden besinnt sich auf seine Wurzeln

Vor 750 kamen die Augustiner nach Würzburg, vor 200 Jahren zogen sie um ins ehemalige Dominikanerkloster

 

Von Michaela Schneider

Die Zeiten sind dramatisch in der Mitte des 13. Jahrhunderts. Zwischen Klerus und Würzburger Bürgerschaft kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen. Auch ums Bistum wird gestritten, noch zu Lebzeiten von Bischof Hermann I. beginnt der diplomatische Kampf um seine Nachfolge.  Als er stirbt, strebt auch ein gewisser Iring von Reinstein-Homburg nach dem Amt, wird vertrieben und schafft es in einer Doppelwahl schließlich doch noch auf den Bischofsstuhl. Allerdings muss er sich auf einen Handel einlassen: Das Urteil werde zu seinen Gunsten ausfallen, wenn er eine Gruppe Augustiner in Würzburg aufnimmt. Iring sagt zu. 1263, also vor genau 750 Jahren, kommen die ersten Augustiner nach Würzburg und lassen sich hier nach Franziskanern und Dominikanern als dritter Bettelorden nieder.

 

2013 feiert die Glaubensgemeinschaft jedoch nicht nur ihr 750-jähriges Bestehen in Würzburg. Auch zog der Orden vor genau 200 Jahren um ins ehemalige Dominikanerkloster. Heute leben dort knapp 30 Brüder. 2011 war die Augustinerkirche modern umgestaltet worden – gleichzeitig hatte man innerhalb des Ordens hinterfragt, welche Aufgaben ein Bettelorden in der Stadt heute erfüllen kann. Mit dem schon etwas älteren Gesprächsladen in der Augustinerstraße, der neu gestalteten Kirche und einer konfessionsübergreifenden Trauerarbeit – Prior Bruder Peter Reinl spricht von Zwischenraumarbeit – will die Glaubensgemeinschaft städtische Defizite ausgleichen.

 

Die Jubiläumsfeierlichkeiten 2013 haben bereits begonnen. So war von April bis in den Frühsommer in der Augustinerkirche eine Installation der Würzburger Künstlerin Angelika Summa zu sehen zum Thema „Ich will, dass Du bist“. Große Kugeln aus Drähten und Metall  erzählten dabei von Sinnhaftigkeit, gemeinsamem Leben und Glauben.  Seit Mitte Juni schließt sich daran nun im Kreuzgang des Augustinerklosters die nächste Ausstellung an. „Augustiner in der Stadt“ ist sie betitelt und wirft zahlreiche Schlaglichter auf das Leben und Wirken der „Schwarzen Brüder“ in und um Würzburg während der Jahrhunderte. Darüber hinaus erzählt sie von prominenten Augustinern wie dem Naturforscher Gregor Mendel, dem spanischen Seefahrermönch  Andrés de Urdaneta, dem Musiker Alexius Molitor und natürlich keinem geringeren als Reformator Martin Luther.  Insgesamt 20 Stationen umfassen historische Dokumente und Exponate, aber auch Alltagsgegenstände der Geschichte.

 

Einen Blick wirft die Ausstellung aufs Gründungsjahr der Augustiner. Zwar liegt die Originalbulle Papst Alexanders IV. vom 9. April 1256 in Rom, die Würzburger besitzen jedoch eine authentische Kopie, datiert auf den 4. Mai 1256, erzählt Augustinerpater Dr. Michael Wernicke. Er hat sich maßgeblich um die historischen Recherchen gekümmert.  Aus dem Schriftstück gehe hervor, dass sich Janboniten, Bricitinenser, Wilhelmiten und die Eremiten des Heiligen Augustinus damals zusammenschlossen zum Orden der Augustiner-Eremiten. Zu jener Zeit war - seit dem vierten Laterankonzil 1215 - die Gründung neuer Orden bereits verboten. Neue Zusammenschlüsse mussten vorhandene Regeln übernehmen, in dem Fall entschied man sich für die Augustinusregel.

 

Sie geht zurück auf den Kirchenvater Augustinus von Hippo (354 – 430). Erste Kernaussage für Prior Bruder Peter aus heutiger Sicht: die gegenseitige Wertschätzung innerhalb der Gemeinschaft - und gegenüber jedem Menschen. Und: Augustinus habe Menschen nicht über einen Kamm geschert, sondern verlangt, dass jedem gegeben werde, was er persönlich nötig habe. „Die Menschenwürde und die individuellen Bedürfnisse des Einzelnen sind bis heute zwei topaktuelle Themen“, so der Ordensbruder.

 

Doch Sprung zurück in die Geschichte, und zwar ins Jahr 1262. Der deutsche Augustiner-Provinzial Guido Salanos kommt zu Weihnachten nach Würzburg und erhält die bischöfliche Genehmigung, dass sich Augustiner in der Stadt niederlassen dürfen. Der Würzburger Bürger Johannes Rezelin verkauft ihnen für 100 Mark Silber sein Grundstück – aus heutiger Sicht das Gelände des ehemaligen Polizeipräsidiums in der Augustinerstraße.  Zu zahlen ist in Raten. Wird eine Rate nicht fristgerecht beglichen, sind das bis dato gezahlte Geld und das Grundstück weg, ist in der Urkunde vom 17. März 1263 strikt geregelt. Die Rede ist darin von zwei Augustinern, Bruder Hesso und Bruder Heinrich.

 

Zeitblende nach vorn. Im April 1518 befindet sich ein Augustinerbruder zu Fuß auf dem Weg zum Kapitel nach Heidelberg und macht dabei mit einem Brief des Kurfürsten an Fürstbischof Lorenz von Bibra Station in Würzburg. Die Rede ist von keinem geringeren als Martin Luther, zu jener Zeit noch Distriktsvikar des Ordens.  Seine 95 Thesen hat er ein Jahr zuvor bereits an die Schlosskirchentür in Wittenberg genagelt, mit hohen Aufgaben wie der Teilnahme am Kapitel wird er jedoch nach wie vor betraut. Auf der Rückfahrt von Heidelberg sitzt Luther mit seinem Philosophieprofessor Bartholomäus Arnoldi im Wagen. Luther selbst hatte diesen einst überredet, dem Augustinerorden beizutreten. Doch in Würzburg scheiden sich die Wege der beiden nun in zweifacher Hinsicht. Arnoldi steigt aus dem Wagen aus und bleibt noch in der Bischofsstadt, Luther fährt weiter nach Erfurt. Und: Die beiden einstigen Freunde gehen befremdet auseinander, Arnoldi wird sich im Folgenden  in heftigen Streitschriften der Einführung der Reformation in Erfurt widersetzen.

 

Und nicht nur Freundschaften gehen in Folge der Reformation in die Brüche und ein Reich versinkt im Krieg, auch für die Augustiner brechen schwere Zeiten an: Viele Brüder verlassen den Orden und folgen ihrem einstigen Mitbruder Luther, einige Provinzen lösen sich komplett auf. Würzburg bleibt zwar katholisch, doch gibt es durchaus Domherren, die zu jener Zeit evangelisch predigen. Auch weiß Pater Michael von einer Episode um einen abgefallen Augustiner aus Würzburg namens Ambrosius, der Feldprediger der Bauern wird und Erwachsene evangelisch tauft. Der Bischof schreitet ein, dem ehemaligen Augustiner wird der Prozess gemacht. Vor dem Dom werden ihm seine einstigen Mönchsgewänder Stück für Stück abgenommen. Auf dem Sanderrasen wird er auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Eine interessante Gestalt bringt die Würzburger Augustinergeschichte des 18. Jahrhunderts in dem Mönch Antonius Höhn hervor. Der ist Sekretär des Provinzials und auf zahlreichen Visitationsreisen durch die Rheinisch-Schwäbische Provinz dabei. Dieser sind die Würzburger Augustiner seit 1607 angegliedert. Höhn nutzt die Reisen, um unterwegs Archive zu durchstöbern und schreibt mit der „Chronologia Provinziae Rhenos-Suevicae“ eine bis heute bedeutende chronologische Geschichte der Augustiner.

 

 Inzwischen nähert sich die Historie dem zweiten Anlass der Jubiläumsfeierlichkeiten, die Säkularisation fordert zu Beginn des 18. Jahrhunderts ihre Opfer. Auch die Augustiner müssen ihr Kloster verlassen, angedacht war, alle Augustiner in Münnerstadt unterzubringen. Doch die Würzburger haben Glück im Unglück: Ferdinand von der Toscana, Großherzog von Würzburg, ist klosterfreundlich gestimmt und sähe neben dem Dom gern eine zweite Innenstadtkirche. Augustinerprior Antonius Lauck nutzt die Gunst der Stunde, die Augustiner dürfen in den Westflügel des ehemaligen Dominikanerklosters einziehen. Zum unabhängigen Priorat werden sie allerdings erst 1847 wieder erhoben.  

Seine Opfer fordert der zweite Weltkrieg, große Teile des Augustinerklosters werden zerstört. Das heutige Refektorium übersteht den Angriff, die Brüder können im Gebäude wohnen bleiben. Notgottesdienste werden bis in den Oktober 1948 im Refektorium abgehalten – den Semestereröffnungsgottesdienst kann Kardinal Julius Döpfner 1948 in der wiederaufgebauten Kirche halten.

 

Für die Jubiläumsausstellung hat sich Pater Michael auch mit den Ereignissen während des nationalsozialistischen Terrors beschäftigt. Eine Rolle spielte eine Gruppe Augustiner mit Blick auf die so genannten Sittlichkeitsprozesse gegen katholische Ordensangehörige und Priester ab 1935. Priester und Ordensbrüder wurden zu jener Zeit juristisch und propagandistisch verfolgt unter dem Vorwurf der Unzucht zwischen Männern und des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen. Im Kloster in Münnerstadt vervielfältig und auch in Würzburg verteilt, wurde darauf ein Brief, der sich gegen die „Klosterprozesse“ richtete. Die Gestapo fand heraus, wer dahinter steckte, sieben Mönche aus Münnerstadt und vier aus Würzburg wurden verhaftet. Erst nach etwa einem halben Jahr kamen sie wieder frei.

Und schließlich ein Schlaglicht auf die Würzburger Augustiner heute. In drei Konventen leben dort knapp 30 Brüder.  Dazu zählen auch jene Ordensbrüder, die aus ganz Deutschland auf der hiesigen  Pflegestation untergebracht sind. Daneben ist Würzburg Sitz des Provinzialats und Zentrale der Provinz. Mit der „Bibliotheca Augustiniana“ und dem „Zentrum für Augustinusforschung“  befinden sich in der Bischofsstadt zudem zwei wichtige Einrichtungen der historischen Wissenschaften.

 

„Wir haben uns im neuen Jahrtausend die Frage gestellt: Was heißt Seelsorge heute in einer Stadt wie Würzburg?“, sagt  Bruder Peter Reindl mit Blick auf die Zukunft des Ordens. Daraus resultierte die so genannte Zwischenraumarbeit. „Wir wollen da sein für Menschen, die im Moment niemanden haben, die vor einem Scherbenhaufen stehen“, so der Prior. Und zwar unabhängig vom Glauben. Der neue Eingangsbereich der Augustinerkirche wurde deshalb konfessionslos gestaltet, eine goldene Wand trennt den Raum vom Kirchenschiff, ein Kreuz ist nicht sichtbar. Immer am zweiten Mittwoch des Monats findet zudem ein Zwischenraumritual  statt mit Musik, Impulsen und Raum für Gespräch. Zwischen 30 und 100 Besucher nehmen daran teil. Ebenfalls ein wichtiger Faktor  der modernen Seelsorge ist der Gesprächsladen der Augustiner.  Wer will, kann hier ungezwungen vorbeischauen und über seine Sorgen sprechen. Seit 1994 ist der Gesprächsladen feste Instanz am Dominikanerplatz.  Im vergangenen Jahr sei es hier zu 2300 Kontakten gekommen  – ein paar telefonisch, die meisten vor Ort.

 

Und auch die Gottesdienste selbst haben sich laut Bruder Peter mit der Kirchenraumumgestaltung auf Grundlage des so genannten Communio-Modells verändert. Die Gemeinde sitzt sich in zwei Ellipsen gegenüber, Altar und Ambo befinden sich mittig. Umgesetzt wurde damit ein wesentliches Merkmal des frühen Christentums: eine Nachfolgegemeinschaft von Gleichgestellten ohne Hierarchien. Die Gemeindemitglieder nähmen sich mehr wahr; statt auf dem Kirchplatz werde inzwischen nach dem Gottesdienst in der Kirche miteinander gesprochen. Auch das Publikum habe sich verändert: Die Gemeinde sei großteils geblieben, zudem kämen jedoch Neugierige, Touristen und Menschen, die kirchlich-konfessionell wenig gebunden, jedoch fragend seien.  Bruder Peter Reindl betont: „Mit dem neuen Kirchenraum haben wir uns klar in unserer Rolle als Bettelorden positioniert.“

Der Artikel ist in „Franken. Magazin für Land und Leute“ erschienen.

Infokasten: Das Jubiläumsjahr im Überblick

 

· Die Jubiläumsausstellung „Augustiner in der Stadt“ im Kreuzgang des Augustinerklosters ist bis zum 30. November Montag bis Freitag von 8.30 bis 11 Uhr sowie 15 bis 17 Uhr und am Samstag von 9.30 bis 11.30 Uhr geöffnet.

· Unter dem Motto „… wenn man sich Engelsstimmen vorstellt“ steht eine Kreuzgangserenade mit dem Vokalkunstensemble „divinas“ aus Leipzig am 24. August um 19.30 Uhr.

· In einer öffentlichen Vortragsreihe mit dem Titel „Standortbestimmung“ werden sich die Würzburger Augustiner vom 8. bis 11. Oktober an drei  Abenden jeweils um 19.30 Uhr beschäftigen.

· Am 12. Oktober bieten die Augustiner einen Workshop mit dem britischen Komponisten und Chorleiter John Rutter an.

· Die Jubiläumsfeierlichkeiten enden am 30. November um 10.30 Uhr mit einem Dankgottesdienst unter dem Motto „Groß bist Du, Herr“.