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Geheime Forschung, Luftangriff  und ein Neuanfang
Die Ausstellung „Zerstörung – Umbruch – Aufbruch“ beschäftigt sich 70 Jahre
später mit der Geschichte der Würzburger Julius-Maximilians-Universität in der Kriegs- und Nachkriegszeit


Von Michaela Schneider
Würzburg  
Seine Nikotinsucht wird Klaus-Erwin Scholl seinerzeit zum Verhängnis. Zigaretten sind im zweiten Weltkrieg streng rationiert. Und so fälscht der Würzburger Medizinstudent  Zigaretten- und Lebensmittelmarken, um an zusätzliche  Ware zu gelangen. Eine Zeit lang geht dies gut, dann aber wird der junge Mann erwischt – und bei der Durchsuchung seines Zimmers findet die Polizei noch etwas anderes: ein Flugblatt der Münchner Widerstandsgruppe um die Geschwister Scholl. Das ist das Todesurteil für den Studenten. In einem letzten Brief an seine Eltern schreibt er kurz vor seiner Hinrichtung: „Heute am 15. Dezember 1944, meinem 24. Geburtstag, ist für mich nun meine Zeit abgelaufen. Ich werde heute um 8.30 Uhr erschossen.“ 70 Jahre nach Kriegsende erinnert jetzt an der Würzburger Julius-Maximilians-Universität eine Ausstellung an deren eigene Geschichte in der Kriegs- und Nachkriegszeit. Neben der allgemeinen Historie geht es unter dem Titel „Zerstörung – Umbruch – Aufbruch“ auch um einige Einzelschicksale wie das, des Studenten Scholl.


Die Plakatausstellung hat ein Team um den Leiter des Universitätsarchivs, Dr. Marcus Holtz, erarbeitet, das derzeit das vorhandene Quellenmaterial der Kriegs- und Nachkriegsjahre kritisch aufarbeitet, um es der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dies soll in mehreren Einzelausstellungen geschehen, der erste Teil beschäftigt sich mit der Universität Würzburg im Krieg sowie als Schwerpunkt mit dem Jahr 1945.


Etliche Universitätsgebäude  wurden beim Luftangriff am 16. März 1945 stark in Mitleidenschaft gezogen oder dem Erdboden gleich gemacht – inklusive einem großen Teil der Unterlagen der Julius-Maximilians-Universität aus der Zeit von 1924 bis 1945. Bis heute sind jedoch im Universitätsarchiv jene Akten des Rektors erhalten, die als geheim eingestuft und deshalb im feuerfesten Panzerschrank aufbewahrt wurden. Sehr persönliche Zeitdokumente wie Scholls letzter Brief bis hin zu offiziellen Schriftstücken werden in der Ausstellung um Bildmaterial ergänzt, das vor allem auch das Ausmaß der Zerstörung der Universitätsgebäude veranschaulicht.


Während der Kriegsjahre durchläuft der Universitätsbetrieb eine recht erstaunliche Entwicklung. Mit Beginn des zweiten Weltkriegs werden die deutschen Universitäten vorübergehend geschlossen und ein großer Teil des Personals inklusive vieler Professoren zum Kriegsdienst eingezogen. In Würzburg nimmt der Lehrbetrieb dennoch schon im Januar 1940 den Lehrbetrieb wieder auf. Und jetzt steigen im Vergleich zu früheren Jahren die Studentenzahlen deutlich – und bleiben bis 1945 auf dem recht hohen Niveau von 1700 Studenten. Zwei Gründe werden in der Ausstellung genannt: Etliche Ärzte werden für den Kriegseinsatz ausgebildet und die Zahl der Studentinnen steigt, die nun Aufgaben der Männer übernehmen.

Das Historikerteam um Archivar Holtz kommt beim Blick auf die Lehrveranstaltung auch zu dem Ergebnis, dass sich „ein Einfluss der nationalsozialistischen Ideologie (…) für den größten Teil der angekündigten Lehrveranstaltungen nicht erkennen“ lasse – vereinzelte Veranstaltungen ausgenommen wie das Proseminar „Rassenidee und Rassenpolitik Englands und Amerikas“. Allerdings gibt es auch in Würzburg drei streng geheime Forschungsprojekte für Kriegszwecke: Pharmazeuten untersuchen Senfgas, Physiker arbeiten an Möglichkeiten, die U-Boot-Ortung zu verhindern und Chemiker beschäftigen sich mit „Maßnahmen zum Wirtschaftsaufbau des Vier-Jahresplans“, sprich der Wiederherstellung der Kriegsfähigkeit.


Mit der Bombardierung Würzburgs am 16. März 1945 ist auch das vorläufige Ende des Universitätsbetriebs besiegelt, etliche Universitätsgebäude liegen in Schutt und Asche. Doch schon am 20. Juli 1945 erhält die Hochschule ein Schreiben von alliierter Seite, dass man eine Wiedereröffnung genehmigen werde, wenn entsprechende Pläne vorgelegt werden. Im Herbst 1945 kann der Lehrbetrieb wieder aufgenommen werden – allerdings zunächst unter der strengen Kontrolle der Militärregierung.


Vor allem mangelt es in der Angangszeit an Unterrichts- und Wohnraum. Das Staatsministerium für Unterricht und Kultus erwägt gar, die Universität Würzburg vorübergehend nach Bamberg zu verlegen. Der Senat stimmt aber dagegen, um die kulturelle Vielfalt der Stadt am Main zu erhalten. Für Studenten ist der ehrenamtliche Hilfsdienst auf Baustellen verpflichtend, auch Institute und Kliniken werden aufgefordert, abkömmliches Personal zu stellen.  


Und Personalfragen sind zu klären. Sämtliche Hochschulbeamten müssen einen Aufsatz über ihre Ansichten zur politischen und sozialen Verantwortlichkeit der deutschen Hochschullehrer schreiben. Jede Lehrkraft muss sich gegenüber dem Rektor verpflichten, im Unterricht keine nationalsozialistischen oder militärischen Ideen vorzutragen. Zudem sind seit November alle Hochschulen angehalten, einen Reinigungsausschuss zur Überprüfung der Hochschulmitarbeiter zu bilden. Wer entlassen wird, darf keine Räume der Universität mehr nutzen – von Laboratorien bis zur Bibliothek. Angehende Studenten werden auf politische Gesinnung und Vorbelastung hin überprüft. Wer zuvor der Hitlerjugend oder dem Jungvolk angehört, wird zunächst zum Studium nicht zugelassen. Jeder Studierende muss von nun an zu einem „neuen Geist der Demokratie“ beitragen.  

Der Artikel  ist unter anderem  im Main Echo erschienen.

Gebäude in Schutt und Asche: Blick auf die neue Universität am 16. November 1945.


Reproduktion: Michaela Schneider