Michaela Schneider - Freie Journalistin in Würzburg
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Der Geigenspieler
von Michaela Schneider

 

Die Anonymität kalter, seelenloser Grabsteine hatte Ursula stets frösteln lassen. Trost sollten sie spenden, hörte man – doch die Mitfünfzigerin hatte die Friedhofsbesuche am Grab der Mutter aufs Nötigste beschränkt. Mal Unkraut gejätet, mal frische Blumen gebracht und eine Kerze entzündet. Doch hatte sie der Anblick des Granits jedes Mal aufs Neue geschmerzt. Grauer, farbloser  Stein, der so gar nicht zur lebensfrohen Mama passte; kalte Erde, die einen so warmherzigen Menschen  umschloss. Erst ein Urlaubserlebnis sollte Ursula in ihrer Trauerarbeit helfen.

 

Dass sie mitten in Kroatien ans Grab der Mutter gedacht hatte, kam dabei nicht von ungefähr: Die alten Arkaden im Eingangsbereich des Mirogoj-Friedhofs wollte sie sich anschauen, galten sie als eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten in der Hauptstadt Zagreb. Ob Zufall oder ein Flüstern der Mama: Tief in Gedanken versunken hatte Ursula jedoch den rechtzeitigen Busausstieg verpasst. Und so war sie nicht im historischen Teil des Gottesackers gelandet, sondern am Eingang zum neuen Friedhof.

 

Obwohl die Herbstsonne ihr Bestes gab, war es schlagartig da: Jenes Friedhofsfrösteln, das Ursula seit dem Tod der Mutter verfolgte. Zögerlich trat sie durch das schmiedeeiserne Tor und  lief unsicher zwischen weitläufigem Grün an der Aussegnungshalle vorbei  zu den ersten Gräbern. Erst vermied sie den Blick auf Granit, fixierte lieber das rauschende Herbstlaub. Dann, plötzlich, schien etwas ihre Aufmerksamkeit mit aller Macht einzufordern. Auf der Grabplatte stand ein kleines Engelsfigürchen, keine fünf Zentimeter hoch, das der Besucherin verschmitzt zuwinkte. Vielleicht hatte es einst auf der Wohnzimmerkommode der Grabbewohnerin gestanden und sie zum Schmunzeln gebracht. Deren ewig schlafende Nachbarin indes hatte wohl ein Faible für die See gehabt: Neben einem Porzellandelfin schien ein Schiff übers Granitmeer zu schaukeln. Noch ein Grab weiter saß – in einem Glas vor Regen und Schmutz wohlig beschützt – ein aus Liebe abgegriffenes Teddybärchen, das seinem Wegbegleiter bis nach dem Tod Gesellschaft leistete.

 

Ursula hätte später nicht sagen können, wie lange sie von Grab zu Grab geschlendert war, um sich von kleinen Herzensobjekten ganz persönliche Geschichten erzählen zu lassen. Plötzlich waren ihr Menschen ganz nah, die längst nicht mehr auf der Erde weilten. Das Friedhofsfrösteln war einer wohligen Wärme der Vertrautheit gewichen.

 

Einen Tag  vor Allerheiligen war Ursula aus dem Urlaub zurück in die Heimat gekehrt. Bevor sie am nächsten Morgen zum Friedhof ging, kramte sie auf dem Dachboden tief in ihrer alten, hölzernen Erinnerungskiste. Als sie zur Ruhestätte der Mutter lief, war ihr Schritt nicht zögerlich wie früher. Leichten Herzens, ganz ohne Schwermut blickte sie auf den Granitstein. Dann zog sie den kleinen Porzellangeigenspieler aus der Tasche ihres Lodenmantels und stellte ihn auf die Grabplatte, flüsterte dabei: „Hier Mama, er wird auf Dich aufpassen.“ Anschließend wandte sie sich an den kleinen Musiker und trug ihm auf, allen Friedhofspassanten künftig von der Grabbewohnerin zu erzählen: Wie sie im Alter jeden Abend im Wohnzimmer gesessen und den alten Schallplatten gelauscht hatte; und wie sie in jungen Jahren zu Wiener-Walzerklängen durch die Welt getanzt war.

 

Während sich der Wind in den Bäumen durchs Herbstlaub schlich, hörte Ursula im Blätterrauschen leise Violinklänge.

 

Die Kurzgeschichte wurde im Liboriusblatt veröffentlicht.

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